La Concha- Familie in Stuttgart Der Apfel ist nicht weit vom Stamm gefallen
Familienbetriebe gibt es in der Gastro viele. Wie Armagan und Noah Gürak das La Concha als Vater-Sohn-Gespann führen, ist dennoch ziemlich einzigartig.
Familienbetriebe gibt es in der Gastro viele. Wie Armagan und Noah Gürak das La Concha als Vater-Sohn-Gespann führen, ist dennoch ziemlich einzigartig.
Seit wann es das La Concha gibt, das weiß niemand ganz genau. Zumindest behauptet das Armagan Gürak, Wirt der Kneipe am Wilhelmsplatz in Stuttgart, die er 1993 übernommen hat. Als der 65-Jährige beim Amt mal die Frage gestellt hatte, auf wann denn der erste Eintrag des „Concha“ datiere, habe man ihm geantwortet: „Diese Unterlagen gibt es schon lange nicht mehr.“ Irgendwann in den 70ern wird es wohl gewesen sein, schätzt er.
Neben Armagan Gürak sitzt sein Sohn Noah auf der bei vielen Stuttgartern beliebten Sommerterrasse vor dem Lokal, auf der vor allem an sonnigen Tagen schon ab Nachmittag ein enges Gedränge herrscht. Seit 2018 oder 2019 unterstützt Noah Gürak den väterlichen Betrieb, inzwischen managet er die Geschäfte meistens alleine – Papa macht noch den Papierkram, eines nicht allzu fernen Tages soll der 26-Jährige den Laden komplett übernehmen. So der Plan.
Die Geschichte von Noah und Armagan Gürak geht in einigen Aspekten deutlich über das hinaus, was sich tausendfach abspielt, wenn Kinder die Betriebe ihrer Eltern übernehmen. Einerseits gehen gerade in der Gastro Generationswechsel ruckliger vonstatten als in anderen Branchen – oft spielen persönlich Kontakte hier eine besonders große Rolle, der Wirt des Vertrauens lässt sich schließlich nicht so einfach austauschen.
Anderseits ist die Geschichte, wie eng gerade der Sohn mit der Kneipe von Geburt an verbunden ist, so außergewöhnlich, dass sie mal erzählt werden muss, da sind sich Noah und Armagan Gürak einig. „Das erste Gebäude, das ich nach der Geburt im Krankenhaus betreten hatte, war das La Concha“, erzählt Noah Gürak mit basslastiger Stimme, die seine bärenhafte Erscheinung unterstreicht. Und was muss das für ein Empfang gewesen sein: Straße und Terrasse waren mit Rosenblättern geschmückt, ein Banner habe das Lokal geziert mit der Aufschrift „Hier kommt der Noah“, erinnert sich der Vater.
Denn Armagan Gürak wohnte damals über der Kneipe. „Ich habe unten mit Babyphone gearbeitet, als Noah oben schlief“, sagt er. In Pampers sei er damals schon über den Wilhelmsplatz gestromert, zwischen all den Stuttgarter Originalen, wie man sie so geballt wohl nur in Kneipen mit gewissem Kultstatus antrifft. Als Noah Gürak acht Jahre alt war, zog die Familie nach Stuttgart-Wangen. Heute ist es er, der wie damals der Vater wieder über der Kneipe wohnt.
Das mit den Stuttgarter Originalen ist im Falle des La Concha übrigens kein romantisches Kneipengängergerede, sondern gut belegbar. So arbeitete etwa Yusuf Oksaz hier, der selbst zu einer Gastro-Größe im Kessel reifte, das Delilah und das Mrs. Jones betreibt. Bald kommt noch die ehemalige und zuletzt ziemlich heruntergekommene Schwulenbar Goldener Heinrich dazu, die er unter dem Namen Jackie Brown mit neuem Konzept jetzt eröffnet hat. Ein ehemaliger Mitarbeiter führt heute das Vereinsheim der Sportfreunde Stuttgart. La Concha-DNA überall.
Dass es sich beim La Concha nicht um eine x-beliebige Eckkneipe handelt oder einen der Spots, die kurzzeitig in Mode sind und dann wieder in der Versenkung verschwinden, zeigt auch der Trend, sich das La Concha-Logo unter die Haut zu stechen. Eine junge Frau vor Ort trägt es auf der Wade, einer der Mitarbeiter hat sich „La Concha“ auf den Arm tätowiert. „Wer La Concha tätowiert hat, bekommt den ersten Drink aufs Haus“, sagt Armagan Gürak.
Das wahrscheinlich bemerkenswerteste Tattoo im La Concha besitzt aber Sohn Noah Gürak. Das Wort „Obacht“ steht in großen Lettern auf seinem Bauch – zieht er das Shirt hoch, was er regelmäßig tut, ist das als augenzwinkernde Verwarnung zu werten. „Mein Lieblingswort“, sagt er. Auch wegen dieser und anderen Unverwechselbarkeiten fiel es dem Spross nicht schwer, sich in den Kneipenalltag einzuleben, zu den Gästen, die laut dem Vater vom „Arbeiter bis zum Multimillionär“ reichen, schnell ganz eigene Beziehungen aufzubauen. Aber Armagan Güraks Gäste werden weniger. Eine neue Generation rückt nach.
Der erfahrene Gastronom arbeitete vor seiner Selbstständigkeit, nachdem er mit seinen Eltern aus Istanbul nach Stuttgart gekommen war, in den damals mit angesagtesten Läden in Stuttgart, von denen heute aber nur noch die wenigsten existieren: Im Roxy, im Maxim, die es beide nicht mehr gibt, oder im LKA-Longhorn, das wie das La Concha die Jahrzehnte überdauert hat.
Einige jener Stammgäste, die ihre wilden Jahre in ebendiesen teils längst verklungenen Institutionen verbracht haben, rümpfen hinter vorgehaltener Hand ein bisschen die Nase, wenn sie sich die La Concha-Terrasse mit Jungspunden der Generation Noah teilen müssen. Da fallen auch mal abschätzige Begriffe wie „Kindergarten“. Armagan und Noah Gürak wissen das – und sehen es gelassen. „Heute sind die Kinder der Stammgäste von damals da, und das ist gut so“, sagt Armagan Gürak, „es ist ein Kreislauf.“
Der Generationswechsel ist dennoch auch zwischen Vater und Sohn spürbar. „Wer?“, sagt Noah Gürak, nachdem sein Vater „Johannes Heesters“ auf die Frage antwortet, welche Prominenz sich denn im Lauf der Jahrzehnte schon in die Kneipe verirrt hätte. Der 2011 verstorbene Schauspieler und Sänger ist Noah Gürak überhaupt kein Begriff. Für ihn war es ein kleines Highlight, als Rapper Haftbefehl vor nicht allzu langer Zeit auf die Terrasse am Wilhelmsplatz platzgenommen habe. Immerhin: Als der Linken-Politiker Gregor Gysi da war, daran erinnern sich noch beide.
In anderer Hinsicht scheint Zeit im La Concha sowieso ein bisschen stehen geblieben. „Bier!“, rufen Noah und Armagan zeitgleich auf die Frage, welches Getränk denn am meisten verkauft würde; von der Krise, in der Brauereien stecken, weil immer weniger Bier konsumiert wird, spürt man in der Kneipe am Wilhelmsplatz nichts. „Wir müssen den Leuten, die hier sitzen, einen Grund geben, nicht zum Supermarkt die Straße hoch zu gehen und sich Bier für einen Bruchteil des Preises zu kaufen; wir müssen ihnen ein Erlebnis verkaufen“, zitiert Noah Gürak eine der Lehren, die ihm Papa mitgegeben hat. Dinge bildhaft auf den Punkt bringen kann Armagan Gürak; das schätzen auch viele Gäste an ihm, die freundschaftliche Beziehungen zu dem scheidenden Gastronom pflegen.
So betrachtet er auch seine Mission als mehr, als Kaltgetränke auszuschenken. „Kneipen wie unsere sind wichtig für den Zusammenhalt in der Stadt“, sagt Armagan Gürak, dessen Antenne für gesellschaftlichen Wandel funktioniert. Auch ihm ist nicht entgangen, dass die Stimmung rauer geworden ist, trennende Elemente verbindende häufig zu verdrängen drohen. Gürak Senior holt ein altes Schild hervor, das lange im Thekenbereich stand. Furchtbar aus der Zeit gefallen und in viel zu vielen Worten steht da sinngemäß, dass alle unabhängig ihrer Herkunft, Status oder sexuellen Orientierung willkommen sind. Heute wurde diese Aussage tausendfach viel griffiger, präziser und politisch korrekter, gegendert formuliert. Aber die Güraks hängen mit dem Herzen daran.
Nicht nur die Kneipe selbst, auch ihre Werte werden an die nächste Generation weitergegeben. Ob nach Armagan und Noah schon eine oder ein nächster Gürak unterwegs ist, um die Familiengeschäfte in ferner Zukunft fortzusetzen? „Nein,“ sagt Noah Gürak, „aber wenn ich mal ein Kind kriege, werde ich es hier mit Rosenblüten empfangen wie einst Papa. Mindestens!“