Das einstige Lokal zum Laufhaus Leo 6 hat das Wirtinnen-Paar Deniz Sever und Claudia Jais vor zwei Jahren in ein Schmuckstück verwandelt. Stilvoll kann man sich’s bei ihnen gut gehen lassen – und da fühlen sich auch Fetisch-Fans wohl.
Weil es im L’Hommage keinen Platz zum Umziehen gibt, rücken die Gäste des Salons Provocateur bereits in Latex, Lack, Leder und auf High Heels, etwa vom Züblin-Parkhaus, zum Schaulauf an. Manch einer hat einen Mantel übergeworfen, weil es zum einen kalt geworden ist und zum anderen die Passanten und Freier, die hier wandeln, nicht alles sehen sollen. Wenn die Fetisch-Szene die Altstadt aufmischt, ist das Staunen groß, auch wenn man im Rotlicht- und Barviertel einiges gewohnt ist. Etliche bleiben stehen, überrascht, was in Stuttgart möglich ist. Gerätselt wird , was wohl hinter den zugehängten Scheiben passiert.
Einblicke in eine bizarre Welt
Die Türen zum frivolen Salon öffnen sich an diesem Abend für den Journalisten, der mehr über die Stuttgarter Fetisch-Szene erfahren will, zu der er nicht gehört. Bevor die Party beginnt, sind einige Gäste gekommen, um Fragen zu beantworten sowie die meist schwarze, gern aber auch bunte Kleidung vorzuführen, die zu einer bizarren Welt gehört. Das Büfett ist bereits angerichtet. Darauf befindet sich unter anderem ein mit weißem Zuckerguss überzogener Kuchen aus Rührteig in der Form des männlichen Geschlechtsteils. Scherze dieser Art entlocken im Salon ein Lächeln, sofern man es unter ihren Masken erkennen kann.
Wenn es stimmt, was in Studien steht, hat jeder sechste Deutsche einen Fetisch, erlebt in bestimmten Materialien wie Latex oder Leder Lustgefühle. Ursprünglich waren Fetische Gegenstände, die von Menschen vergöttert wurden, weil sie ihnen magische Kräfte zusprachen. Eine Hasenpfote etwa sollte Jägern Glück bringen. Sexueller Fetisch galt lange Zeit bei Ärzten als psychische Gesundheitsstörung. Heute werden abweichende Spielarten des Begehrens nicht mehr als krank angesehen, sofern dabei nichts gegen den Willen anderer geschieht.
Zwei, die mit uns über ihre Neigungen reden, sind in der Fetisch-Szene als der „Traumfabrikant“ und „sein Engelchen“ bekannt. Früher hat der „Traumfabrikant“ einen Bikeshop geleitet. An diesem Abend trägt er eine Maske, die den Kopf bedeckt. Sie besitzt Öffnungen für Augen, Nase, Mund. Als Radverkäufer arbeitet er nicht mehr, weil er seine Leidenschaft zum Beruf macht. Mit seiner Partnerin, dem Engelchen, vermietet er in Neu-Ulm eine Wohnung, die sie „Traumfabrik_NU“ nennen, und in der „moderne Spielgeräte“ stehen, wie die beiden erzählen. Die tun nix, die wollen nur spielen?
Rohrstöcke, Gerte, Hand- und Fußfesseln, Klammern, Nadelräder, Seile, Handschuhe, Kondome, Handtücher – in dieser „Traumfabrik“ finden Gleichgesinnte so einiges, um ihre Fantasien ausleben zu können. Vermietet wird die Wohnung an maximal vier Personen (vier Stunden am Wochenende kosten 140 Euro). Meist wird sie als „Rückzugsort“ gebucht, um geheim gehaltene Neigungen auszuleben.
Der Salon Provocateur dagegen ist nicht der Ort für Sex. Bei Kinky Partys oder Sexpositiv-Partys, die in Stuttgart immer beliebter werden, oder beim „Unverschämten Zug“ sei dies vielleicht der Fall. „Bei uns aber nicht“, erklärt Hana, die Veranstalterin und Erfinderin der monatlichen Treffs. Mit ihrem Mann hatte sie einst einen Swingerclub besucht und erkannt, dass dies nicht ihr Ding sei. An der Theke vom L’Hommage mit den beiden Wirtinnen entstand schließlich die Idee, einen Fetisch-Salon ins Leben zu rufen.
Bei den Partys fallen die Gäste – meist feiern zwischen 40 und 60 mit – nicht übereinander her, sagt Hana. Der Treff, bei dem ein DJ auflegt und getanzt wird, dient dazu, sich kennen zu lernen. Die Gäste müssen nicht zwingend einen sexuellen Fetisch haben, um dabei sein zu dürfen. Es reicht, wenn eine Frau etwa findet, ihr Latexkleid sei viel zu schade nur fürs eigene Schlafzimmer. Es geht darum, dem Alltag zu entfliehen. Blicke werden getauscht, Befehle erwartet, Leinen angelegt oder jemand setzt an, um mit der Zunge High Heels zu säubern.
Der Salon Provocateur ist ein „Safe Space unter Freunden und Bekannten“
Sehen und gesehen werden. Unter Gleichgesinnten wird klar: Du bist nicht allein! Wird man in Fetischkleidung zu einem anderen Menschen? „Nein“, antwortet das „Engelchen“, „aber man fühlt sich besser, geht anders, wird selbstbewusster.“ Unter den Masken stecken ganz normale Menschen, die ihren Alltag als Manager, Mechaniker oder Lehrer meistern. In der Freizeit wollen sie ihre andere Seite ausleben.
In einem ganz normalen Club könne man viel eher auf unangenehmen Personen treffen als im Salon Provocateur, versichern die Latexfans. „Bei uns kann man den Geldbeutel auf dem Tisch liegen lassen – keiner wird ihn stehlen“, sagt Hana. Hier könne man „bedenkenlos sexy gekleidet sein“, weil der Salon ein „Safe Space unter Freunden und Bekannten“ sei. Beim Besuch im L’Hommage zeigt sich: eine ganz besondere Herzlichkeit herrscht unter den Masken.
Die Vielfalt der menschlichen Existenz überrascht
Haben die Menschen bei diesen Partys etwa Angst vor anderen Menschen, weshalb sie sich unkenntlich machen wollen? Fühlen sie sich unter Latex, Lack und Leder geschützt und können auf Distanz bleiben?
Hüten sollte man sich davor, als Außenstehender die Wahrheit durchschauen zu wollen. Erneut zeigt sich, wie divers Stuttgart ist. Die Vielfalt der menschlichen Existenz überrascht immer wieder aufs Neue.
Toleranz ist, wenn alles akzeptiert wird, was keinem schadet.