Im Stadtkind-Büro der Stuttgarter Zeitung und Nachrichten sprechen Vertreter der Clubkultur über Geld, Räume und neue Formen des Feierns – und darüber, was Kollektive heute leisten.

Das Stadtkind-Büro ist an diesem Samstagabend schnell gefüllt. Pink-rotes Licht färbt den Raum, ein leuchtendes Nervensystem aus Tüll schlängelt sich über der Bühne, von der Decke hängen Papierblumen, bunte Schriftzüge zieren die Fenster. Im Innenstadtbüro der Stuttgarter Zeitung und Nachrichten wird diskutiert, ausgestellt und aufgelegt.

 

Organisiert wurde der Abend vom Interkollektiven Meetup (IK), einem Zusammenschluss verschiedener Stuttgarter Kollektive aus der Subkultur – von Club- und Kulturinitiativen bis zu freien Veranstaltungsgruppen. Das Netzwerk versteht sich als Plattform für Austausch und Vernetzung und bringt unterschiedliche Akteurinnen und Akteure regelmäßig zusammen. Gemeinsam mit Stadtkind haben sie die Ausstellung „Better together – Stadtkind zeigt, wie Kollektive Stuttgarts (Nacht)leben gestalten“ auf die Beine gestellt.

Die Ausstellung zieht sich durch den gesamten Raum: Fotos von Partys im Freien oder in temporären Locations hängen an den Wänden, ergänzt durch Videoaufnahmen. Es gibt ein Glücksrad und eine Fotobox. Dazwischen sind verschiedene Stationen aufgebaut: Die interaktive Klanginstallation „The Jam“ lädt zum Mitmachen ein, an einer Malstation entstehen eigene Arbeiten, auf einem Röhrenfernseher wird ein Dokumentarfilm gezeigt. Eine Awareness-Station verweist auf die Strukturen, die solche Veranstaltungen begleiten.

Zwischen Idealismus und Belastung

Im ersten Talk geht es um die Bedingungen, unter denen diese Szene arbeitet. Unter dem Titel „Zwischen Kommerzialisierung und Selbstausbeutung“ sprechen Anne Schnee vom Kollektiv am Viadukt und Clara Wolfstieg, DJ und Teil des Sunny High.

Schnee beschreibt die Finanzierung als Kreislauf: Einnahmen fließen direkt in die nächste Veranstaltung. „Wir würden gerne faire Gagen zahlen, haben aber Grenzen“, sagt sie. Vieles werde durch ehrenamtliche Arbeit getragen – gleichzeitig gehe das mit hoher persönlicher Belastung einher.

Clara Wolfstieg beschreibt das Sunny High als bewusste Alternative zu kommerziellen Clubs. Eintritt auf Spendenbasis, alles ehrenamtlich organisiert, feste Anstellungen gibt es nicht. „Wir stoßen komplett an unsere Grenzen finanziell“, sagt sie. Gleichzeitig funktioniere vieles anders als in klassischen Clubstrukturen: Entscheidungen würden gemeinsam getroffen, auch Line-ups abgestimmt, für die eine Diversitätsquote gelte.

Verändertes Feiern, neue Strukturen

Im zweiten Talk geht es um Veränderungen in der Clubkultur. Marius Lehnert, Booker im Club Fridas Pier, und Nachtmanager Nils Runge sprechen darüber, wie sich das Ausgehverhalten verschiebt.

Musiziert wurde auch. Foto: Ferdinando Iannone

Runge beobachtet, dass jüngere Generationen seltener feiern gehen. Der Club sei nicht mehr zentraler Treffpunkt, sondern eine Möglichkeit unter vielen. Digitalisierung, neue Freizeitgewohnheiten und ein bewussterer Lebensstil spielten dabei eine Rolle.

Lehnert beschreibt die Auswirkungen auf den Clubbetrieb. Unterschiedliche Genres sprächen inzwischen sehr verschiedene Zielgruppen an, gleichzeitig werde es schwieriger, internationale Acts zu buchen. Künstler kämen seltener nach Europa, weil in anderen Märkten höhere Gagen gezahlt würden.

Gleichzeitig sei Bewegung in der Szene. Die Stadt Stuttgart habe sich zuletzt stärker mit der Clubkultur beschäftigt, etwa durch Förderungen und Maßnahmen zum Schallschutz. Das werde positiv aufgenommen.

Eine wichtige Rolle spielen dabei Kollektive. Sie werden nicht als Konkurrenz zu bestehenden Clubs verstanden, sondern als Ergänzung. Voraussetzung sei Zusammenarbeit.

OB Nopper zu Gast

OB Nopper unterhält sich auf der Stadtkind-Veranstaltung mit dem Nachtmanager Nils Runge. Foto: Ferdinando Iannone

Während des Gesprächs kommt auch Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper mit seinem Team vorbei. Er hat an diesem Abend bereits mehrere Stationen besucht und lobt die „Breite und Tiefe“ der Langen Nacht. „Wenn es sie noch nicht geben würde, müsste sie spätestens heute erfunden werden“, sagt er euphorisch. Das Nachtleben sei ein wichtiger Bestandteil des Lebensgefühls einer Stadt – für junge wie für ältere Menschen – und spiele auch für den Standort eine Rolle.

Vor dem letzten Talk des Abends setzt die Liveperformance von Culture Talks einen Kontrast zum diskursiven Teil. Die Gruppe verbindet Gesang, Sprache und Streichmusik.

Kollektive als soziale Räume

In der abschließenden Gesprächsrunde sprechen Sebastian Haslinker (Interkollektiven Meetup & Kulturbunker) und Lilou Prochazkova (Art:al-Kollektiv) darüber, was Kollektive über die Party hinaus leisten.

Haslinker beschreibt, wie Räume geteilt werden können. Im Kulturbunker findet einmal im Monat eine Kollektivnacht statt, bei der ein Kollektiv den Club zu geringer Miete bespielt. „Das ist ein Geben und Nehmen. Wir profitieren alle davon“, sagt er.

Aus Perspektive der Kollektive wird deutlich, wie schwierig es bleibt, in Stuttgart geeignete Räume zu finden – vor allem für nicht-kommerzielle Formate. Niedrigschwellige Angebote seien selten, Orte wie die Wagons hätten dabei eine wichtige Rolle gespielt.

Lilou Prochazkova beschreibt Kollektive als mehr als Organisationsstrukturen. Viele seien aus Freundeskreisen entstanden, die inzwischen gemeinsam Musik machen, Veranstaltungen organisieren und Zeit miteinander verbringen.

Dabei gehe es auch um Werte. Demokratie, Diversität und Awareness würden bewusst mitgedacht, Partys als geschützte Räume verstanden.

„Gelebte Utopie ist, wenn ich sein kann, wer ich bin – und mit Menschen zusammen bin, mit denen das möglich ist“, sagt Prochazkova. Kollektive böten die Möglichkeit, eigene Ideen umzusetzen und sich gegenseitig zu ergänzen. Aus den unterschiedlichen Interessen entstehe so etwas Gemeinsames. Später verlagert sich die Party in die Lerche 22.