Lasst uns über ... Fernbeziehungen reden Wie man am Wochenanfang die Fernbeziehung übersteht

Von Marion Stelter (aufgezeichnet von Sabine Fischer) 

Paartherapeutin Marion Stelter ist nach vier Jahren Fernbeziehung aus Österreich zu ihrem Mann nach Stuttgart gezogen. In unserer Kolumne erzählt sie, welche Herausforderungen die Liebe auf Distanz mit sich bringt und wie Paare sie erfolgreich überwinden können.

  Foto: AdobeStock
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Stuttgart - Das Problem an einer Fernbeziehung ist oft nicht mal die Distanz, sondern der Alltag – oder vielmehr der fehlende. Zweisamkeit gibt es nur auf Raten, ein gemeinsames Jetzt oft nur virtuell. Wenn man nicht aufpasst, driften beide Welten schnell auseinander. Wie soll man auch dranbleiben an einem Alltag, den man bestenfalls aus Erzählungen am Wochenende kennt?

Den meisten Paaren geht da nach zwei bis drei Jahren die Luft aus – als Langzeitmodell hatten sich das schließlich nur die wenigsten vorgestellt. Und irgendwann kommt der Moment, in dem sie sich dann fragen: Wer ist dieser Mensch überhaupt, an den ich mich jedes Wochenende neu gewöhnen muss?

Immer wieder ein neues Kennenlernen

So könnte es zum Beispiel auch bei Timo und Julia aussehen: Stellen wir uns vor, beide sind knapp 30 und seit Ende des Studiums ein Paar. Nach dem Master hat Julia ein Angebot von einer Agentur in Bayern bekommen – karrieretechnisch ein Volltreffer. Julia ist glücklich und packt ihre Koffer. Nur Timo, der bleibt da.

Seit zwei Jahren leben die beiden nun in unterschiedlichen Städten: er in Freiburg, sie in München. Wenn Timo Julia Freitagabend am Bahnsteig sieht, fühlt sich der Moment für ihn jedes Mal nach „zu Hause“ an. Vielleicht trägt sie dann den alten Sportrucksack, den sie jedes Wochenende über die Schultern wirft. Vielleicht hellt sich ihr Gesicht plötzlich auf diese besondere Art und Weise auf, wie es nur passiert, wenn sie ihn zwischen den Leuten entdeckt.

Trotzdem muss Timo Julia jedes Wochenende wieder neu kennenlernen. Sagen wir, sie hat ihren eigenen Rhythmus, der sich nie ganz an seinen angepasst hat. In seiner Wohnung bleibt sie immer ein Fremdkörper. Und ihre Wörter sagt sie mit diesem neuen, rollenden Bayern-„R“, das sich durchs Telefon ganz anders anhört. Timo und Julia bräuchten eigentlich Zeit, um sich einander nah zu fühlen. Doch dann muss sie schon wieder zurück auf den Bahnsteig – und die Heimeligkeit nimmt sie mit, um sie zwischen den Wochenenden doch wieder zu verlieren.

Die Lösung: ein gemeinsamer Alltag

Scheitern muss das Modell der modernen Fernbeziehung an dieser Herausforderung jedoch nicht. Denn sich in der Distanz nah zu bleiben, kann funktionieren – man muss nur kreativ werden. Eine Methode könnte es zum Beispiel sein, sich gemeinsam eine Art Alternativ-Alltag zu basteln.

Der Kerngedanke dabei ist es, den Partner, quasi in der Hosentasche, mit sich durch den Tag zu tragen. Ihm immer wieder kleine Videos, Bilder, Text- oder Tondateien zu schicken, die ihm nicht nur endlich zeigen sollen, wie dieser eine Kollege aussieht, über den man am Wochenende ständig lästert. Sondern auch, dass man gerade an ihn denkt.

Beziehungskiller: aufgestauter Frust

Timo könnte Julia dann nach dem Aufwachen zum Beispiel mit verschlafener Stimme eine Sprachnachricht schicken, in der er von seinem Morgenmuffel-Dasein und seinen Plänen vom Tag erzählt. Julia könnte ihm hingegen später ein Selfie aus der Bürokantine senden – kleine Gesten, die den anderen nah am eigenen Alltag halten.

Frust und Kränkungen sollte man als Paar hingegen nicht in sich hineinfressen oder auf das nächste gemeinsame Wochenende vertagen. Denn darauf haben sich schließlich beide gefreut und fahren im schlimmsten Fall nach zwei Tagen voller gegenseitiger Vorwürfe mies gelaunt wieder nach Hause.

No-Go: Streiten über WhatsApp

Viel besser ist es stattdessen, direkt anzusprechen, was einen bedrückt und die Streitpunktemit dem anderen auszudiskutieren – auch wenn das vielleicht bedeutet, schwierige Themen notgedrungen am Telefon oder per Skype verhandeln zu müssen.

Nur eines ist in Sachen Beziehungsstreits auf Distanz ein No-Go: WhatsApp. So verlockend es manchmal auch klingen mag, den anderen mit wütenden Textnachrichten zu bombardieren und dann das Handy einfach beleidigt beiseite zu legen. Zwischen den praktischen Kurznachrichten sind Missverständnisse vorprogrammiert. Der Grund: Kein Emoticon der Welt kann Gestik und Mimik eines wütenden Menschen ersetzen.