Lasst uns über ... Fremdgehen reden Ein Seitensprung kann Gold wert sein

Von Oliviero Lombardi (aufgezeichnet von Sabrina Höbel) 

Wenn der Partner oder die Partnerin fremdgeht, tut das im ersten Moment weh. Warum Seitensprünge passieren, welche Rolle Alkohol dabei spielt und wie man wieder zurück zueinander finden kann, erklärt Paartherapeut Oliviero Lombardi.

Geht der Partner oder die Partnerin fremd, läuten bei vielen erst mal alle Alarmglocken. Foto: Adobe Stock/Ideenkoch
Geht der Partner oder die Partnerin fremd, läuten bei vielen erst mal alle Alarmglocken. Foto: Adobe Stock/Ideenkoch

Stuttgart - Einmal hatte ich einen außergewöhnlichen Fall von Fremdgehen in meiner Praxis. Eine junge Frau kam zu mir und war geplagt von Schuldgefühlen. Sie war mit ihrem Partner seit sieben Jahren zusammen. Kurz vor der Hochzeit betrog sie ihn – als Jungfrau.

Natürlich passiert ein Seitensprung nicht einfach so. Das ist die erste psychologische Grundregel: Alles hat einen Grund. Gerade in langen Beziehung ist es zum Beispiel oft so, dass einer seinen Fokus ändert, von Mann oder Frau auf das Kind. Der Partner oder die Partnerin fühlt sich deshalb vernachlässigt. Besonders Frauen fühlen sich mit der Zeit außerdem oftmals unattraktiv und wollen deshalb nicht mehr mit ihrem Mann schlafen. Der wiederum missversteht den Rückzug und empfindet ihn als Zurückweisung. Manchmal hat einer der Partner auch bestimmte, oft sexuelle Bedürfnisse, die innerhalb der Beziehung nicht befriedigt werden. Schafft man es nicht, diese mit dem Partner oder der Partnerin zu erfüllen, lebt man seinen Trieb eben woanders aus.

Alkohol ist keine Ausrede

Bei dem eingangs erwähnten Paar war der Grund für das Fremdgehen noch mal ein anderer. Mann und Frau kamen aus konventionellen, türkischen Familie, wo der weibliche Part oftmals untergeordnet war. Meine Klientin wollte testen, ob ihr Verlobter sie auch noch liebt, wenn sie nicht dem Bild der lieben Hausfrau entspricht, sondern etwas tut, das nicht ins Konzept passt.

Wesentlich gängiger ist sicherlich folgender Fall: Sie oder er geht aus, trinkt einen über den Durst und landet am Ende mit jemand anderem im Bett. Die Ausrede „Ich war halt betrunken“ ist aber totaler Quatsch. Der Alkohol ist völlig unschuldig, es ist ja keine Viagra-Pille. Vielmehr bringt er Menschen nur dazu, ihre Hemmungen runterzusetzen, sodass sie tun, was sie wirklich wollen. Sehr viele Menschen befinden sich in schwierigen Beziehung und ein Glas Bier zu viel wird diese Problematik schlichtweg an die Oberfläche spülen. Ist ein Mensch hingegen in einer glücklichen Beziehung, ist es egal, wie viel Alkohol er oder sie trinkt, zum Seitensprung wird es nicht kommen.

Sollte man das Fremdgehen beichten?

Das Fremdgehen zu beichten sehe ich kritisch. Man muss sich bewusst sein, dass man somit sein Gegenüber zwei Mal verletzen wird. Einmal durch den Betrug an sich und das zweite Mal, wenn man es transparent macht. Oftmals ist es so, dass man sich mit dem Beichten nur selber erleichtern will, denn eines garantiere ich Ihnen: Nach dem Fremdgehen ist kein Mensch mit sich selbst im Reinen. Am besten ist es, wenn jedes Paar für sich Vereinbarungen trifft, wie man mit so einer Situation umgeht. Nicht selten sagen viele nämlich auch: „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“ oder sind sogar froh, wenn der Mann oder die Frau den Trieb woanders auslebt. Und ob Monogamie überhaupt die richtige Beziehungsform für uns Menschen ist, steht bei einigen Wissenschaftlern ja auch immer wieder in der Kritik.

In jedem Fall sollte man ein ungewolltes Fremdgehen als Anlass nehmen, um an der Beziehung zu arbeiten. Dabei muss man begreifen, dass die Schuld nicht nur bei der Person liegt, die betrogen hat. Wenn jemand fremdgeht, ist es fast immer so, dass in der Beziehung schon seit langem etwas nicht stimmt. Als ich den Betrug, der direkt vor der Hochzeit passierte, mit dem Paar aufgearbeitet habe, stellte sich heraus, dass der Mann doch mehr an dem klassischen Rollenmodell hängt als gedacht. Und die Frau begriff den Grund für ihren Betrug: Ihre Angst, nur als Schema einer braven Ehefrau geliebt zu werden und nicht mit ihren Ecken und Kanten. Mit diesem Wissen konnte sich schlussendlich eine gute Beziehungsdynamik für die beiden entwickeln.

Seitensprung kann die Beziehung verbessern

Viele fragen sich nun sicher: Wie soll man einem Partner, der fremdgegangen ist, jemals wieder vertrauen? Und es stimmt, blindes Vertrauen ist absoluter Unsinn. Deshalb ist es wichtig, die Ursache des Seitensprungs wirklich zu verstehen, und dann gezielt an der Beziehung arbeiten. Viele Menschen haben damit allerdings große Probleme. Meist liegt das an einem ohnehin schon niedrigen Selbstwertgefühl, dass durch den Betrug noch mehr verletzt wurde. Ich empfehle den Betrogenen dann, ihren eigenen Anteil an der verkorksten Beziehungsdynamik anzuerkennen. Das klingt vielleicht erst mal komisch, aber so begreifen sie, dass nicht nur der Partner Schuld hat, sondern auch sie. Am Ende muss man nämlich nicht nur dem Partner, sondern vor allem auch sich selbst verzeihen.

Bis man dahin kommt, kann es Wochen dauern. Aber wenn der Konflikt nicht zu einer destruktiven Eskalation führt, sondern man miteinander ringt, weint und redet, dann verbessert sich die Beziehung um Dimensionen. Und einen netten Nebeneffekt gibt es dabei auch: den Versöhnungssex.

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