Laut Polizei „gefährlicher Ort“ Ist diese Autobahn-Rastanlage bei Stuttgart eine Hochburg der Kriminalität?

Großkontrolle im April 2025: Polizei und Mitarbeitende mehrerer Behörden überprüfen sicherheitsrelevante Aspekte im Straßenverkehr auf der Rastanlage Sindelfinger Wald. Foto: KS-Images.de / Karsten Schmalz

Teile von acht Städten im Land gelten als „gefährliche Orte“ – und der Rasthof Sindelfinger Wald an der A 8, mit Hunderten Straftaten. Was steckt dahinter?

Kriminalität, Sicherheit und Justiz: Jürgen Bock (jbo)

Sieht so etwa der gefährlichste Autobahn-Rastplatz in Baden-Württemberg aus? Mitten im Wald, die Sonne scheint an diesem Morgen auf eine ruhige Szenerie. Viele Lastwagen stehen in Reih und Glied, die Fahrer haben hier die Nacht verbracht. Manche Motoren laufen, um die Kälte zu vertreiben. Die Kennzeichen stammen fast ausschließlich aus Polen und Rumänien. Autofahrer holen sich einen Kaffee oder biegen schnell auf die Toilette ab. Alles friedlich auf den ersten Blick.

 

Und doch ist die Raststätte Sindelfinger Wald an der A 8/A 81, zwischen Leonberg, Sindelfingen und Stuttgart gelegen, seit Jahren als einzige Rast- und Tankanlage in Baden-Württemberg von der Polizei als „gefährlicher Ort“ eingestuft. Dort werden jedes Jahr Hunderte Straftaten verzeichnet. 2024 waren es sage und schreibe 417. Das war der zweithöchste Wert zuletzt, nur im Jahr zuvor wurden mit 456 mehr erfasst. 2017 sind es noch 129 gewesen, also nicht einmal ein Drittel.

Über 100 000 Fahrzeuge täglich

Mit der Einstufung als „gefährlicher Ort“, die die Polizei aufgrund der Kriminalitätslage an einem Ort selbst festlegt, befindet sich der Rasthof in Gesellschaft lauter Innenstädte. „Gefährliche Orte“ sind in Baden-Württemberg in insgesamt acht Städten ausgewiesen, nämlich in Teilen der Stuttgarter City, im Ludwigsburger Bahnhofsgebiet, ferner in Freiburg, Weil am Rhein, Heilbronn, Karlsruhe, Heidelberg und Ulm. Dazu kommt die damit in keiner Weise vergleichbare Rastanlage.

Doch woran liegt das? Das Polizeipräsidium Ludwigsburg, in dessen Zuständigkeitsbereich der Rasthof fällt, liefert Erklärungen. „Die besondere Lage der Tank- und Rastanlage Sindelfinger Wald an den Bundesautobahnen 8 und 81 und einem der am stärksten frequentierten Autobahnabschnitte Deutschlands mit durchschnittlich über 100 000 Fahrzeugen täglich trägt zu den höheren Fallzahlen bei“, sagt Sprecherin Victoria Zahler. Aus diesem Grund führe die Polizei dort auch regelmäßig zu unterschiedlichen Zeiten Präsenz- und Kontrollmaßnahmen durch.

Mehrfach im Jahr gibt es Megakontrollen

„Ferner finden an der Örtlichkeit mehrfach im Jahr groß angelegte Verkehrskontrollen mit verschiedenen Sicherheitspartnern statt“, so die Sprecherin. Bezeichnet werden diese Aktionen, bei denen nicht selten ein halbes Dutzend Behörden zusammenarbeitet, gerne auch als Megakontrollen. Von der Verkehrssicherheit über mögliche Asylverstöße bis hin zur Suche nach Waffen oder Drogen läuft dabei alles auf einmal ab. Da eine Einstufung als „gefährlicher Ort“ anlasslose Kontrollen ermöglicht, ist sie für die Polizei äußerst hilfreich.

Weitere Anhaltspunkte gibt der Blick auf die einzelnen Delikte und die Tatverdächtigen. Die finden sich in den Antworten des Innenministeriums auf eine AfD-Landtagsanfrage vom Sommer. Dafür hat die Polizei alle Zahlen seit 2017 fein säuberlich zusammengetragen. Das Positive: Straftaten gegen das Leben oder die sexuelle Selbstbestimmung hat es in all der Zeit keine gegeben. Dafür im vergangenen Jahr sieben sogenannte Rohheitsdelikte, elf Diebstähle, 153 Vermögens- und Fälschungsdelikte – was einen Höchstwert darstellt – sowie 71 Fälle von Rauschgiftkriminalität.

Bei letzterer gab es eine Aufklärungsquote von nahezu 100 Prozent. Das lässt darauf schließen, dass es sich um Drogenfunde bei Kontrollen handelt. Auffällig ist auch die Zahl der Fälle, die zu sogenannten strafrechtlichen Nebengesetzen gehören. 229 waren das zuletzt, darunter mutmaßlich zahlreiche Aufenthaltsverstöße. Die Aufklärungsquote lag auch hier bei 99 Prozent, offenbar hat man viele Geflüchtete festgestellt. Dafür sprechen auch die Nationalitäten der insgesamt 273 Tatverdächtigen im vergangenen Jahr: 243 von ihnen hatten keinen deutschen Pass.

Auch Mitte November ist die Polizei präsent. Foto: Jürgen Bock

Es liegt also die These nahe, dass bei weitem nicht alle Straftaten, die in der Statistik für die Rastanlage auftauchen, tatsächlich im wörtlichen Sinne dort begangen werden. Vieles davon wird schlicht bei Kontrollen dort aufgedeckt. Nutzerinnen und Nutzer müssen sich also wohl keine besonderen Sorgen machen. Schon eher müssen Kriminelle sich vor dem Sindelfinger Wald und seinem Rasthof in Acht nehmen.

Von alldem wissen die Leute, die hier ein paar Minuten oder auch einige Stunden verbringen, nichts. „Ich bin hier nicht oft. Wir sind auf dem Weg zur Messe und müssen bis heute Abend um 20 Uhr warten, bis wir weiter können“, erzählt ein Lkw-Fahrer aus dem Kreis Mettmann in Nordrhein-Westfalen. Er vertreibt sich die Zeit mit kleineren Wartungen und Reparaturen. Dass hier öfter kontrolliert wird, hat er allerdings schon mitbekommen, auch wenn er die Route selten fährt.

Polizei kontrolliert regelmäßig

Anders als der Kollege aus den Niederlanden. Der steht mit seinem Brummi ein paar Meter weiter an der Tankstelle und wird gerade von der Polizei überprüft. Der Auflieger steht offen, innen ist die Ladung durcheinandergepurzelt. Hektisch sucht der Fahrer seine Papiere zusammen. In einem Lkw weiter vorn kurbelt einer verschlafen das Seitenfenster runter und fragt einen Passanten: „Is there a problem?“ Nein nein, alles friedlich.

Die Einstufung als „gefährlicher Ort“ ist nicht in Stein gemeißelt. „Alle solchen Orte werden regelmäßig dahingehend überprüft, ob die Voraussetzungen für eine solche Einstufung noch vorliegen. Genau dies ist aktuell bei der Tank- und Rastanlage Sindelfinger Wald der Fall. „Das Ergebnis der Überprüfung steht noch aus“, sagt Polizeisprecherin Zahler. Es besteht also noch Hoffnung für den Rasthof mitten im Wald.

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