LBBW-Chefökonom Kraemer Kam es in Trumps Umfeld zum Insiderhandel? „Das ist hochwahrscheinlich“

Donald Trump sorgt an den Börsen derzeit fast täglich für neue Irritationen. Foto: /IMAGO/Pool/ABACA

LBBW-Chefvolkswirt Moritz Kraemer hält es für möglich, dass im Umfeld von Donald Trump ein unrechtmäßiger Handel mit Aktien betrieben wurde. Schwerer wiegt für den Ökonomen aber noch die Destabilisierung des US-Dollars als globale Leitwährung.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Ein Posting des US-Präsidenten und seine Aussetzung von Zöllen haben die Börsenkurse in die Höhe schnellen lassen. Hat Donald Trump finanziell von profitiert?

 

Herr Kraemer, wie groß ist der Schaden, den Donald Trump mit seiner erratischen Politik in der Finanzwelt anrichtet?

Der Schaden ist sehr groß. Er war so groß, dass er entgegen seiner Instinkte zurückrudern musste, indem er die Zölle erst mal für drei Monate ausgesetzt hat. Am Wochenende ruderte er noch ein bisschen mehr, sodass einstweilige Ausnahmen für Elektronikprodukte wie Handys oder Laptops bekannt gegeben wurden. Alle reden nun über die Aktienkurse, aber das Bedrohlichere ist und hat ja auch diese Kehrtwende ausgelöst, dass es zum Ausverkauf an den Anleihenmärkten kam. Wir sehen das auch im Wechselkurs.

Was bedeutet das?

Die unangefochtene Leitstellung des US-Dollar als Stabilitätsanker im Weltfinanzsystem wird durch diese Kapriolen aus dem Weißen Haus zunehmend hinterfragt. Das ist sehr gefährlich. Und es kommt ja noch potenziell noch dicker.

LBBW-Chefvolkswirt Moritz Kraemer Foto: LBBW

Inwiefern?

Im Hintergrund wird über ein sogenanntes Mar-a-Lago-Abkommen spekuliert, was ein Folgeprojekt des Plaza-Abkommens von 1985 zur Stabilisierung der Wechselkurse sein soll. In Washingtoner Zirkeln und mit Sorge auch an der Wall Street wird diskutiert, dass laut dem Abkommen die Gläubiger quasi eine Gebühr auf das Halten von Staatsanleihen der Vereinigten Staaten zahlen sollen, weil damit Stabilität – also ein globales öffentliches Gut – geschaffen würde. Letztendlich käme dies für meine Begriffe einer Schutzgelderpressung nahe. Denn wer nicht mitspielen will und zum Beispiel die Laufzeiten nicht verlängern will, wobei da zum Teil von 100 Jahren geredet wird, dem werden entweder Zölle auf die Nase gedrückt oder es wird im Falle von Ländern wie Japan eben der militärische Schutzschirm weggezogen. Das wäre ein enormer Schaden für die Stellung des Dollars, denn eine Weltreservewährung braucht zwei Dinge: Das eine ist ein sehr liquider Markt – das andere sind Verlässlichkeit und hohe Glaubwürdigkeit. Wenn solch ein Mar-a-Lago-Abkommen den Gläubigerländern tatsächlich nach diesen Parametern vorgelegt würde, hätten wir einen schwächeren Dollar – aber nicht in der Art und Weise, wie Donald Trump sich das vorstellt. Dann bekämen wir eine Finanzkrise und eine Flucht aus Dollaranlagen. Aber wohin?

Hinzu kommen aktuelle Vorwürfe illegalen Handelns, weil es im Umfeld der jüngsten Zollentscheidungen auffällige Börsenbewegungen gab. Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass im Umfeld Trumps Insiderhandel betrieben wurde?

Ich halte das für hochwahrscheinlich. Die Governance-Standards, wenn man es so ausdrücken möchte, sind im Weißen Haus außerordentlich gering. Das haben wir in der Affäre um einen Signal-Chat gesehen, das haben wir gesehen, als der Sicherheitsberater über Gmail vertrauliche Informationen kommuniziert hat. Und Donald Trump hat auf der Plattform Truth Social einen Post rausgehauen: Jetzt ist ein guter Augenblick zu kaufen. Da kann man natürlich sagen: Es ist seine Aufgabe, ein bisschen Stimmung zu machen. Aber mit der Vorgeschichte glaubt man da an keinen Zufall mehr.

Gibt es handfeste Belege?

Ich habe jetzt keinen Einblick in die Handelsbücher der Familie Trump und der ihm nahestehenden Personen. Aber interessieren würde es mich schon, denn Interessenskonflikte sind eigentlich ein Markenzeichen des Weißen Hauses. Wenn wir uns die Rolle von Elon Musk anschauen oder wenn wir uns die Kehrtwende bei Trump bezüglich Krypto anschauen – das ist doch alles von Eigeninteresse geleitet. Nachweisbar wird es aber nicht sein.

Was darf Donald Trump als Präsident denn noch – und wann würde er Marktmanipulation betreiben?

Also er darf eigentlich alles. Wir hatten ja noch vor seiner Wahl dieses Urteil vom Obersten Gerichtshof der USA, dass alles, was innerhalb der Amtsführung des Präsidenten der Vereinigten Staaten geschieht, mehr oder weniger straffrei zu stellen sei. Hinter dieser Tür kann man sozusagen auch einen 40-Tonner verstecken. Da ist quasi alles möglich. Deswegen wird es zu keinen rechtlichen Folgen kommen. Man wird ihn nicht zwingen können, irgendwas aufzudecken. Das gleiche gilt für andere Mitglieder des Kabinetts. So wird es einfach in dem Raum bleiben, wo Verdachtsmomente geäußert werden, wo es aber keine Aufklärung geben wird, geschweige denn Strafverfolgung.

Sind die Börsenaufsichtsbehörden überhaupt willens und in der Lage, mögliche Verstöße zu untersuchen?

Das ist zurzeit nicht mehr denkbar. Das muss ja die SEC machen, die Securities and Exchange Commission, die das Weiße Haus aber schon in der Tasche hat.

Dass Trump und sein Umfeld zu den größten Profiteuren der Aussetzung der Zölle gehören, scheint wahrscheinlich?

Da maße ich mir jetzt kein Urteil an, weil wir die Investments nicht kennen. Der Verdacht liegt momentan nah, aber wir werden es nicht beweisen können.

Man kann ja auch sagen, dass schon ein gutes Gespür für die politischen Entscheidungen um die Zölle herum ausreicht, um rechtzeitig an der Börse zu reagieren?

Ja, das werden wir nicht auflösen können. Das wird vielleicht später mal in irgendeinem Archiv aufgearbeitet, wenn die handelnden Personen alle nicht mehr politisch aktiv sind. Heute bringt uns das nicht weiter. Aber ohne diesen Fall jetzt aufgelöst zu bekommen, wissen wir, dass Interessenkonflikte anders angegangen werden, als es früher der Fall war, nämlich überhaupt nicht. Wir wissen auch, dass zum Teil Gerichtsurteile durch die Exekutive ignoriert werden. Es ist eigentlich ein Recht des Kongresses, Zölle zu verhängen, das aber schon in den 60er Jahren per Kongressbeschluss an den Präsidenten delegiert wurde. Es könnte wieder zurückgenommen werden, wenn wir bei den Zwischenwahlen andere Mehrheiten bekämen. Dann könnte ihm dieses Zollinstrument von einer demokratischen Mehrheit einfach aus der Hand genommen werden. Damals hat man das gemacht, damit der Präsident in Handelskonflikten schnell reagieren kann. Es hat bisher ja auch immer geklappt in der Art und Weise, dass damit behutsam umgegangen wurde. Das ist jetzt eben nicht mehr so. Was viele auch übersehen: Gleichzeitig mit der Aussetzung wurden die Zölle für China noch mehr erhöht, sodass der durchschnittliche Zinssatz auf amerikanische Importe an dem Tag sogar gestiegen ist. Es wurde nur umverteilt: China hat jetzt noch mehr und die anderen haben temporär erst mal weniger. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Das Thema Handelsungleichgewichte treibt Trump seit 40 Jahren um. Da werden jetzt diese 90 Tage keinen fundamentalen Unterschied machen.

Welche Rolle hat die Fed jetzt noch, was die Währungsstabilität angeht - macht Trump die Zentralbank wirkungslos?

Eine zentrale Rolle. Die Fed hat jetzt die unangenehme Aufgabe, in diesem Spannungsfeld zwischen sich abschwächender Wirtschaft und steigender Inflationserwartung das richtige Maß zu finden. Donald Trump stellt sich das Verhältnis zwischen Exekutive und Notenbank vor wie Erdogan. Die Fed ist aber eine starke Institution mit verankerter Unabhängigkeitskultur. Das wird so einfach nicht gehen. Er kann jetzt nächstes Jahr den Chef Jerome Powell austauschen, dann endet dessen Amtszeit. Aber es ist ja auch nicht so, dass nur eine Person die Geldpolitik macht, sondern alle Gouverneure zusammen.

Was erwarten Sie von der Fed?

Meine Erwartung ist, dass die Fed hier die Stellung halten muss und wird, auch wenn es Tweets des Präsidenten gibt, wonach die Zinsen gesenkt werden müssen - was Trump ja mit Großbuchstaben bereits wiederholt zu erkennen gegeben hat, dass er das für richtig hält. Denn der Druck wird jetzt zunehmen. Die Inflationserwartungen sind der Öffentlichkeit sind so hoch wie seit 1993 nicht mehr, und wir kommen ja gerade aus einem Inflationsdesaster. Die Fed kann sich das gar nicht leisten, hier noch einmal die Kontrolle über die Preisstabilität zu verlieren. Deswegen setze ich der große Hoffnung auf die Fed, dass sie hier ein glaubwürdiges Gegengewicht gibt und dem Dollar noch die Glaubwürdigkeit behalten kann, die Donald Trump gerade im Begriff ist zu verspielen.

Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass die US-Wirtschaft in eine Rezension rutscht?

Unsere Prognose ist jetzt, dass wir dieses Jahr nur noch ein Prozent Wachstum sehen werden. Ob es jetzt Stagnation oder Rezession heißt, spielt eigentlich keine wirklich große Rolle. Aber es gibt einen klaren Rückgang der Nachfrage. Wir sehen das schon an vielen Indikatoren, beispielsweise Restaurantbesuchen oder Kreditkartennutzung. Und natürlich wird sich auch eine Investitionszurückhaltung breit machen, wenn sich ständig die Spielregeln ändern. Nichts hasst ein Unternehmen mehr bezüglich der Planung, als wenn dauernd irgendwelche neue Regeln gelten. Dieses flatterhafte Hin- und Herlavieren bei den Zöllen ist natürlich ein ganz zentraler Faktor. Deswegen wird von dieser Seite auch wenig kommen - und die Exporte werden natürlich auch schwächer werden im Zollkrieg. Deswegen erwarte ich fest, dass die US-Wirtschaft dieses Jahr einen empfindlichen Dämpfer erhalten wird.

Was bewirkt das turbulente Börsengeschehen mit all den fragwürdigen Vorgängen in den USA für die Aktienkultur hier in Deutschland?

Das ist schwer zu sagen. Es kann durchaus sein, dass wir einen gewissen Gewöhnungseffekt haben und dass die Reaktionen nicht mehr so stark sind, wenn man erst mal dieses ständige Hin und Her verinnerlicht hat. Aber im Grunde geht es in die falsche Richtung. Die Aktienkultur hatte eher einen positiven Verlauf genommen in der Corona-Pandemie. Die Anleger sind damit auch gut gefahren. Jetzt gibt es ein bisschen die Quittung dafür. Das Risiko, was die Deutschen immer gerne sehen, wonach es ja auch runtergehen könnte mit den Aktien, wird jetzt noch sehr viel stärker ausgeprägt sein. Also das ist sicherlich nicht hilfreich, was hier gerade passiert.

Der Chefvolkswirt

Ökonom
 Seit Herbst 2021 hat Moritz Kraemer die Leitung des Bereichs Research und die damit verbundene Funktion des Chefvolkswirts bei der LBBW inne.

Analyst
Zuvor war der promovierte Volkswirt Chefanalyst für Staatenratings bei der weltgrößten Ratingagentur S&P Global (vormals Standard & Poor’s). Er pflegt intensive Kontakte in die USA.  

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