Bürgergeld macht einsam und schürt Ängste, sagt Tabea Böhler (Symbolfoto). Foto: dpa
Tabea Böhler muss im Monat mit 250 Euro auskommen. Ohne Tafelladen wäre sie aufgeschmissen. Wie kommt die junge Frau klar, und was würde sie sich von der Politik wünschen?
Tabea Böhler heißt nicht wirklich Tabea Böhler. Dass sie um die 30 Jahre alt ist, ist auch nicht sicher, und zu ihrem aktuellen Wohnort hat die junge Frau mit den großen Brillengläsern und den langen Haaren keine weiteren Angaben gemacht. Dafür hat sie ziemlich genau und sehr authentisch darüber berichtet, wie sie sich als Bürgergeldempfängerin fühlt – nämlich einsam, ängstlich und voller Scham. „Es ist hart, so zu leben. Die Würde leidet enorm.“
Ein paar Tage Urlaub und damit einfach mal ein Tapetenwechsel, mit Freunden einen unbeschwerten Konzertabend verbringen oder regelmäßig zum Sport gehen – für die meisten Menschen wohl erreichbare Ziele. Tabea Böhler würde sich all das zwar sehnlichst wünschen, doch die Umsetzung scheint in weiter Ferne zu liegen. Denn die Bürgergeldempfängerin muss dank Schulden im Monat mit gerade mal 250 Euro auskommen.
Das Bürgergeld liegt aktuell bei 563 Euro, Tabea Böhler hat 250 Euro
Regulär liegt das Bürgergeld aktuell bei 563 Euro. Anfang 2023 stieg es für einen alleinstehenden Erwachsenen um 53 Euro auf 502 Euro. Zum 1. Januar 2024 stieg es um 61 Euro auf die aktuell geltenden 563 Euro im Monat. Zum 1. Januar dieses Jahres gab es indes eine sogenannte Nullrunde. Das heißt, die Beträge blieben unverändert. Nach dieser Nullrunde wird das Bürgergeld wohl auch im kommenden Jahr nicht erhöht. Das geht aus Plänen von Bundesarbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) hervor. Zustimmung dafür kommt aus Reihen der Union, scharfe Kritik von der Linkspartei.
Auch Wolfgang Sartorius übt Kritik. „Die Debatte flammt jedes Jahr um diese Zeit herum auf. Da kann man die Uhr danach stellen“, sagt der Vorstand des Sozialunternehmens Erlacher Höhe und positioniert sich klar gegen die jüngsten Pläne der Politik, die aktuell darüber diskutiert, wie viel Sozialstaat man sich leisten könne und wolle, und substantielle Einschnitte vorsieht. So hat Bundeskanzler Merz zuletzt deutliche Einsparungen beim Bürgergeld in Höhe von zehn Prozent gefordert. Bei Ausgaben von rund 50 Milliarden Euro wären dies rund fünf Milliarden. „Das ist ein typisches Beispiel, wie Spitzenpolitik oft funktioniert, nämlich ohne Sachkenntnis“, sagt Wolfgang Sartorius, der mit Menschen wie Tabea Böhler Bürgergeldempfängern ein Gesicht geben und die Geschichten hinter der Not bekannt machen will.
Eine chronische Erkrankung macht sie zur Sozialhilfeempfängerin
Sie sei aufgrund einer chronischen Erkrankung zur Sozialhilfeempfängerin geworden, erzählt die junge Frau, die an diesem Mittag beim Gespräch im Aufnahmehaus Karla der Erlacher Höhe mit am Tisch sitzt, ruhig und mit klarer Sprache. „Ich habe eine abgeschlossene Ausbildung und habe auch mehrmals versucht, zu arbeiten, aber es ging nicht, und man verliert den Anschluss.“
Sie gibt sich viel Mühe, nicht dem Bild eines Bürgergeldempfängers zu entsprechen. „Ich versuche mich so zu kleiden, dass man es nicht sofort sieht. Dafür durchforste ich Sozialkaufhäuser und freue mich, wenn ich da einen Fund mache. Aber eigentlich habe ich das Gefühl, ich müsste verwahrlosen und krank im Bett liegen, um dem Bild gerecht zu werden“, sagt sie und betont, dass sie lange Zeit versucht habe, ohne Sozialleistungen auszukommen. „In einer psychosomatischen Klinik hat mir dann eine Mitarbeiterin erklärt, dass ich doch Bürgergeld beantragen könne.“
Die Frau hofft, irgendwann auf dem ersten Arbeitsmarkt unterzukommen
Trotzdem hofft die Frau, die da sitzt, nervös ihre Hände knetet und von einem schwierigen Leben berichtet, irgendwann auf dem ersten Arbeitsmarkt unterzukommen. „Ich weiß, dass ich für dort nicht attraktiv bin. Aber ich könnte mir viele tolle Jobs vorstellen.“ Eine Zeitlang musste die junge Frau selbst im „Haus Karla“ unterkommen. Dort lebt sie mittlerweile nicht mehr, nutzt aber die Angebote der Kreativwerkstatt „Karla kreativ“. Sie wisse, dass sie nicht so belastbar sei, aber es tue gut, den Alltag zu strukturieren. „Es hilft mir, zu einer bestimmten Zeit aufzustehen und eine Verpflichtung am Vormittag zu haben.“ Bürgergeld und die Tatsache, arm zu sein, mache einsam und krank. „Ich habe gemerkt, dass Gesundheit was mit Geld zu tun hat.“
Wolfgang Sartorius setzt sich für die ein, die Hilfe brauchen und es schwer haben im Leben. Foto: Edgar Layher
Nachmittags versucht Tabea Böhler mit dem wenigen, was ihr abzüglich ihrer Schulden bleibt, im Tafelladen fündig zu werden. „Da ich aktuell nicht im Rems-Murr-Kreis wohne, darf ich die Tafel in Backnang nicht nutzen. Bis ich nachmittags bei unserer bin, ist die schon ziemlich abgegrast.“ Würde sie im normalen Supermarkt einkaufen, käme kaum etwas anderes als Reis mit Soße auf den Tisch, sagt sie. „Es ist sehr mühsam, so zu kochen und Vitamine abzubekommen. Anfangs hatte ich Panik wegen der 250 Euro.“ Schon mit dem normalen Regelsatz ohne Schmälerung durch Schulden sei es knapp, betont Wolfgang Sartorius. „Und jetzt soll es wieder keine Steigerung geben, obwohl die Lebensmittel immer teurer werden.“
Am schwersten fällt es Tabea Böhler, am normalen Leben teilzunehmen, dabei ist sie kulturell interessiert, hätte Lust auf Unternehmungen. „Ich schäme mich, dass ich von Bürgergeld leben muss. Mit Gleichaltrigen treffe ich mich gar nicht mehr, da kann ich nicht mithalten. Manchmal gehe ich ins Museum, obwohl da, glaube ich, niemand mit Bürgergeld hingeht. Dort danach zu fragen, ob ich eine Ermäßigung bekomme, fühlt sich schrecklich an. Da schäme ich mich und gehe generell nicht mehr viel raus.“
Sie habe sich ein Vermeidungsverhalten zugelegt, fasst Wolfgang Sartorius die anschauliche Erzählung zusammen. Dabei sei es in Ordnung, dass sie aufgrund ihrer Erkrankung Hilfe bekomme. „Merz meinte, dass wir uns den Sozialstaat nicht mehr leisten können, doch das stimmt nicht, wir sind ein reiches Land“, sagt der Vorstand der Erlacher Höhe.
Das Bürgergeld als Nachfolger von Hartz IV sei erst mal ein Fortschritt gewesen, aber langfristig gesehen müsse es darum gehen, die Menschen wieder in Arbeit zu bringen, sagt Sartorius. Jedes Jahr würden 100 Milliarden am Fiskus vorbei gewirtschaftet, das müsse man zum Thema machen, wenn gespart werden solle, nicht das Bürgergeld, so der Vorstand der Erlacher Höhe.
Doch nicht nur er hatte an diesem Dienstagmittag in Backnang klare Tipps für die Politik. Auch Tabea Böhler hatte eine Botschaft. Sie würde sich wünschen, dass die Politiker selbst mal versuchen, mit Bürgergeld auszukommen. „Die sollten dann mal schauen, wie sie in der Situation schlafen können, wie sich so ein Leben anfühlt und wie sie im Tafelladen klarkommen.“ Da hätten viele keine Vorstellungen. Vielleicht würde sich dann was ändern und Bürgergeldempfänger würden nicht mehr so unsichtbar gemacht und vergessen werden. „Doch trotz allem ist es gut, dass wir überhaupt einen Sozialstaat haben.“
Bürgergeld – wer darf die Sozialleistung beziehen?
Info Das Bürgergeld ist eine Leistung des Sozialstaats. Sie soll denjenigen ein menschenwürdiges Existenzminimum sichern, die ihren Lebensunterhalt nicht aus eigenem Einkommen decken können. Das kann verschiedene Gründe haben: Jemand verliert seine Arbeit, muss sein Geschäft schließen oder kann aufgrund einer chronischen Krankheit nicht arbeiten. Wie schnell Menschen unverschuldet in Not geraten können, hat wohl auch deutlich die Corona-Pandemie gezeigt.