Leben mit der Diagnose HIV Dieter war für lange Zeit ein Todgeweihter

Die rote Schleife ist weltweit ein Symbol für die Solidarität mit Menschen, die HIV positiv sind. So wie Dieter Stammkötter, für den seit 60. Geburtstag ein kleines Wunder ist. Foto: dpa

Dieter Stammkötter ist 60 Jahre alt und lebt seit bald 30 Jahren mit der Diagnose HIV positiv. Als er damals erkrankte, hätte wohl niemand einen Pfennig auf sein Überleben gewettet.

Stuttgart - Dieter ist in diesem Dezember 60 geworden und hat nun Angst vor dem Klimawandel. Soll das ein Witz sein? Keineswegs. Denn Dieters 60. ist ein kleines Wunder. Vor knapp dreißig Jahren hätte niemand auch nur einen Pfennig auf sein Überleben gewettet. Denn Dieter war für lange Zeit ein Todgeweihter.

 

Anfang 1989 kam die Gewissheit seiner Vorahnungen: Er sei „an Aids“ erkrankt. Sein damaliger Freund, 10 Jahre älter, Vater von zwei Kindern, den er erst im Vorjahr kennengelernt hatte, verschwieg ihm zu Anfang der Beziehung seine eigene Erkrankung. Und als er es ihm dann sagte, dachte Dieter: „Wenn es mich jetzt erwischt hat, bin ich selbst schuld, hätte aufpassen können“. Erstaunlich, wie ruhig er das sagen kann. „Ist eben passiert.“ Kein Anflug eines Vorwurfs.

Das Licht der Welt erblickte Dieter Stammkötter 1958 in Gütersloh. 1984 verschlug es ihn von dort an die Berufsfachschule nach Stuttgart. „Techniker für Farbe, Gestaltung und Werbung“ wollte er werden. „Jung, dynamisch, erfolglos“, wie er sich selbst beschreibt, kam er in eine Stadt, die ihm anfangs wenig attraktiv erschien. Mit der Zeit arrangierte er sich indessen mit dem schwäbischen Weltstädtle – „besser als Gütersloh allemal“ – und „nahm sie voll auf Lunge“. Ja, nach einer Anstellung 1986 in einem Stuttgarter Architekturbüro konnte das Leben für ihn beginnen. Endlich angekommen. „Endlich wohlfühlen.“ 28 Jahre alt. Wow! „Da hätte mein Leben losgehen können.“

Am 30. Geburtstag stand er nich in „voller Blüte“

Seinen 30. Geburtstag Ende 1988 erlebte er noch „in voller Blüte“, kurze Zeit später ging diese abrupt zu Ende und dann war klar: „Ab jetzt bist du an Aids erkrankt, ab jetzt hast du es eben auch, ab jetzt noch zwei Jahre, wenn du Glück hast“. Zu jener Zeit eine realistische Einschätzung. Keine Panik? Nein. „Jetzt musst du eben kucken, wie du damit klarkommst.“ Seine Ängste teilte er, von seinem Freund abgesehen, mit niemandem. Erst sehr viel später ließ er es seine Eltern wissen, aber die konnten nichts damit anfangen.

Bei der Arbeit im Architekturbüro? Keine Silbe. Einfach weiterarbeiten, als wäre nichts. Warum das Risiko einer Hexenjagd eingehen? Doch das Mit-sich-alleine-Ausmachen ist belastend. Erst eine stressbedingte Gürtelrose ließ ihn umdenken. Er entschied sich für einen offeneren Umgang, was ihm alles andere als leichtfiel und was er ohne zu jammern erzählt. Erstaunlich, dass es bei der Arbeit zu keiner radikalen Abwendung kam. Samt Chef. Niemand habe ihn offen diskriminiert

Ja, der Freundeskreis hat sich ausdifferenziert. Schon. Offen geflüchtet vor ihm sei niemand, eher eine Art von unausgesprochener Distanzierung bei einzelnen: „Die, die am lautesten geschrien haben, ich bin für dich da, waren als Erste weg.“

1990 dann erstmalig Medikamente: „Hab einfach den Ärzten vertraut.“ Was anders hätte er machen können? Die ganzen Nebenwirkungen: Übelkeit, Schlappheit, Dünnpfiff. Gefühlt drei Jahre habe er auf dem Pott gesessen. Im Bürgerhospital wäre er mit einer Lungenentzündung „fast drauf gegangen“. Andere sind das. Viele sogar.

Er nicht. Warum er nicht? Warum hat Dieter überlebt? Er weiß es auch nicht: „Keine Ahnung.“ War es sein unbedingter Überlebenswille? Den hatten andere auch. Nicht alle. Gerade die, die sich aufgegeben haben, seien „dran gewesen“. Er hatte sich immer gesagt: „Das darf dich nicht belasten.“ Zudem war für Gevatter Tod keine Zeit: „Ich hatte immer viel vor, dass ich mir über den Tod gar keine Gedanken machen konnte.“ Sein Optimismus hat ihm jedenfalls nicht geschadet, seine Losung war schon immer: „Da muss ich durch, das wird schon wieder.“

Der Todesengel schwebte über ihm

Nach dem langen Krankenstand durch die Lungenentzündung kam die Krankenkasse auf ihn zu: Er solle sich jetzt um die Rente kümmern. Der Antrag ging ohne Probleme durch, „fast automatisch“, wie Dieter sagt. Warum sollte man die Todeskandidaten auch nicht freistellen? Sind eh bald mausetot.

Für viele Jahre war sein Horizont immer der gleiche: zwei Jahre noch. „Wenn du Glück hast.“ Ja, der Todesengel schwebte in all den Jahren über ihm. Aber er hielt Abstand, dem Himmel oder wem auch immer sei Dank.

Dann der Tod seines Freundes 1996. Das Jahr davor war dieser schon ein Pflegefall und Dieter kümmerte sich intensiv um ihn. 1998 scheint es schließlich dann auch bei Dieter zu Ende zu gehen. Mit seiner 40er-(Abschieds-)Feier war es das denn wohl. Aber Dieter ist zäh. Das weiß er selbst. Gerade wenn einem der Sensenmann auf die Pelle rückt. Wieder rappelte er sich auf: Als Konsequenz aus dem Ganzen zog Dieter bewusst in eine teure Mietwohnung. In der Ewigkeit reicht ein Groschen lange, so sein Motto damals.

Irgendwann hatte Dieter „tausend Medikamente durch“ und die Helferzellen: ganz unten. „Dann hab´ ich ein halbes Jahr gar keine Tabletten mehr genommen.“ Bis zu diesem Zeitpunkt sei er nur mit dem Überleben beschäftigt gewesen und nun wäre es eben vorbei. Jetzt könne er auch als Versuchskaninchen für neue noch unerprobte Medikamente dienen: „Hab´ ja nichts zu verlieren“.

Wie durch ein Wunder stiegen die Helferzellen in kleinen Schritten an. Schon wieder schien ihm das Schicksal eine Gnadenfrist zu gewähren. Der Teufel mag ihn offensichtlich nicht. Und so ging es eben in die Verlängerung – als „ewiger Todesanwärter“. Was sollte er anderes tun?

Sein Kalkül auf eine baldige Abberufung hatte ihn aber doch noch fast ruiniert. Seine Rechnung, Null auf Null den Abgang zu machen, ging damit nicht auf. Irgendwann war er pleite. Und wovon sollte er leben, wenn die Rente direkt immer aufs Konto des Vermieters fließt? 2001 rettete ihn eine günstige Mietwohnung im Heusteigviertel – ja, die konnte man damals in Stuttgart mit viel Glück und Hilfe von Freunden noch finden – gerade noch.

Vielleicht ist es der Zigarettenkonsum, der ihn vorzeitig ins Grab bringt?

Der Rest der Geschichte ist kurz. Die Jahre gingen ins Land und die Bangnis, dass er in zwei Jahren aber nun garantiert nicht mehr lebe, ist ihm allmählich vergangen. Nach Jahren des Überlebens kam zunächst eine leichte Hoffnung auf, nicht mehr an Aids sterben zu müssen, „sondern irgendwann einmal an den Nebenwirkungen der Medikamente, an einer Leberzirrhose vielleicht“.

Doch auch diese Befürchtung wandelte sich. Heute fragt er sich, ob vielleicht sein täglicher Zigarettenkonsum ihn wohl noch vorzeitig ins Grab bringen werde. Eine paradox erfreuliche Sorge. Zudem hat Dieter jetzt „Angst vorm Altwerden“. Nie musste er diese haben. Nun hat er sie: Wird seine Rente reichen, welche Alterswehwehchen werden kommen? Solche Fragen eben. Inzwischen hat er sogar Michael Jackson und Prince, beide ebenfalls Jahrgang 1958, überlebt.

Echte Zukunftssorgen mache er sich sogar: „Kein Gedanke, dass ich nur noch zwei Jahre habe, dafür seit ein paar Jahren Nachdenken über das, was längerfristig passiert“: Was ist mit dem Klimawandel, was kommt politisch auf uns zu? „Das könnte mich ja jetzt betreffen, früher nicht“. Er kann – endlich – Angst vor der Zukunft haben. German Angst auch bei Dieter. Unglaublich.

Warum also hat Dieter überlebt? Vielleicht hat das Schicksal einfach nur gewürfelt. Jedenfalls ist er dankbar: „Ich hab´ überlebt und damit fertig.“

Kurzum: Dieter hat Angst vorm Klimawandel, vorm Lungenkrebs, vorm Altwerden und vor dem aufkommenden Rechtspopulismus. Wie schön! Auf ein langes Leben: Alles Gute!

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