Leben und Sterben im Theater Rampe Jenseits des zivilisatorischen Ballasts
„Staub“, ein interdisziplinäres Projekt aus Objekttheater, Bildender Kunst, Performance und Musik des O-Teams, erzählt im Theater Rampe vom Leben im Verfall.
„Staub“, ein interdisziplinäres Projekt aus Objekttheater, Bildender Kunst, Performance und Musik des O-Teams, erzählt im Theater Rampe vom Leben im Verfall.
Alles bröckelt! Tapeten rutschen Bahn für Bahn. Der Putz geht ab, teilweise knallen so große Stücke herab, dass sich regelrechte Löcher in der Wand auftun. Und die Garderobenleiste fällt auf einen Boden, der bereits unter unzähligen Gipsstücken, Plüschteppich, Wäscheständer, E-Gitarre, Besen und mehr verschwindet. Kurz, ein einziges Bruchbuden-Wirrwarr! Die Frau, die unter dem Waschbecken kauert, ignoriert es. Fast apathisch starrt sie, eingehüllt in eine dicke Strickjacke, vor sich hin, Minute um Minute, gefühlt endlos. Sie reagiert erst, als es im Vintage-Boiler über dem Bassin blubbert und Wasser aus dem Hahn fließt. Sie fängt die letzten Tropfen im Becher auf – nicht um es zu trinken, sondern um darin stoisch mit dem Malpinsel herumzurühren. Und dann – Ohr an Tür – auf- und abschwellenden Geräuschen benachbarter Stimmen zu lauschen, unter der Decke der Matratze zu verschwinden und von der Wand verschlungen zu werden.
Ein Stillleben der Dystopie, das sich da im Theater Rampe auftut: Das O-Team feiert Premiere mit seinem interdisziplinären Projekt aus Objekttheater, Bildender Kunst, Performance und Musik „Staub“, eine „performative Meditation über Vergänglichkeit, Tod und Verwandlung“, wie es im Programm heißt. Und: „eine theatrale Andacht, ein Vanitas-Stillleben“. Schließlich macht der Mensch nichts anderes, als mehr Staub zu produzieren auf dieser Welt. Nicht nur, weil er selbst ständig kommt und geht, Haare, Hautschuppen, Sonstiges verliert, auch Fasern, Gummiabrieb, Essenreste, Verpackung und Unzähliges mehr hinterlässt. Er trägt dazu bei, dass sich das Klima der sich sowieso unsteten Welt ändert. Die Zerstörung schreitet schneller denn je voran, die bröselnden Zeichen der Jetztzeit lassen grüßen. „Denn Staub bist du, zum Staub musst du zurück“, heißt es schon in der Bibel – der Staub, der zur ewigen Ruhe wird.
Und so lassen es denn auch auf der Bühne Figurenspielerin Antje Töpfer und Musiker Marius Alsleben kräftig stauben – ohne Worte, mit viel Ausdruck und Aktion. Kaum sind beide von Bett und Wand verschluckt worden und in der – sich wie von Geisterhand öffnenden – Tür wieder aufgetaucht, nutzen sie das Vorhandene. Sie packt sich Farbe und Geröll ins Gesicht, er haut Riffs auf der Gitarre raus, bevor beide – maskiert mit Tapete, Pappe und Klebeband – zur Teppich-Betten-Schlacht schreiten, begleitet vom dramatischen Sound aus Elektrobeats, die an Bombeneinschläge erinnern. Das Totenglöcklein läutet derweil Regisseurin Nina Malotta, wenn sie maskiert mit Kopfhörer den Boden um die Bühne herum mobbt.
Das Angebot des O-Teams, zu lernen im Verfall, es gar als Chance zu sehen, innezuhalten und sich des zivilisatorischen Ballasts zu entledigen, ist verstörend und packend zugleich: Wie wäre es denn zu lernen, dass Scheitern oder auf dem falschen Weg zu sein, schöpferisch sein kann? Und dass dass man konsumbefreit, auch erkennen könnte, was wirklich wichtig ist im Leben.
„Staub“ Theater Rampe, weitere Aufführungen am 28. und 29. November, jeweils um 20 Uhr.