Leiter der Notfallseelsorge im Landkreis Ludwigsburg Im Notfall versorgt er die verletzte Seele

Die lilafarbene Jacke ist Dienstbekleidung von Thomas Schmidt, dem Leiter der Notfallseelsorge im Kreis Ludwigsburg. Zur Ausstattung gehört der Rucksack mit kleinen Aufmerksamkeiten für Kinder und wichtigen Adressen für Erwachsene. Foto: Simon Granville

Thomas Schmidt aus Korntal-Münchingen ist Notfallseelsorger. Er wird zu dramatischen Einsätzen gerufen. Dann muss er die richtigen Worte finden – oder schweigen können.

Ludwigsburg: Franziska Kleiner (fk)

Vielleicht setzt er ganz persönlich seine Prioritäten im Leben inzwischen anders. Aber das hat in der Öffentlichkeit keine Rolle zu spielen, was all die Einsätze mit ihm, dem Notfallseelsorger Thomas Schmidt, machen. In der Öffentlichkeit, im Einsatz, ist schließlich er derjenige, der Ruhe bewahrt, der den Überblick behält, Hilfe organisiert, Ansprechpartner ist, sich nicht von Emotionen leiten lässt. Der das Schweigen aushält, wenn Angehörige, Betroffene, Beteiligte angesichts eines Schicksalsschlags, eines Unfalls, eines Unglücks schweigend den traurigen, furchtbaren, unerträglichen Moment durchleben. Der Notfallseelsorger ist im Zweifel einfach da.

 

Thomas Schmidt aus Münchingen ist seit wenigen Tagen Leiter der Notfallseelsorge im Landkreis Ludwigsburg. War früher dafür der Dorfpfarrer zuständig, in Krisensituationen präsent zu sein, bilden heute Kirchen und Deutsches Rotes Kreuz Einsatzkräfte im Kontext der psychosozialen Notfallversorgung aus. Schmidt ist seit 2009 aktiv.

25 bis 30 Mal im Jahr wird er zum Einsatz gerufen. So unterschiedlich diese Einsätze sind: Für den Notfallseelsorger geht es zunächst darum, sich um Angehörige und Betroffene zu kümmern, damit diese in den ersten Minuten und Stunden nicht alleine mit der Situation sind. Die Hilfe für die Angehörigen ist gleichermaßen auch eine Hilfe für die Einsatzkräfte: Diese können ihre Arbeit machen, das brennende Haus löschen, den Unfall aufnehmen, Spuren sichern – ohne zugleich mit den verschiedensten Emotionen der Betroffenen konfrontiert zu sein.

Thomas Schmidt geht in seinen Erzählungen nicht in die Details, selbst wenn er anonymisiert berichtet. Er ist zu Verschwiegenheit verpflichtet. Er weist auch nicht von sich aus darauf hin, dass er bei allen dramatischen Ereignissen im Strohgäu der jüngeren Vergangenheit hinzugezogen wurde und auch im Ahrtal im Einsatz war.

Normalerweise sei man aus einem mehrstündigen Einsatz auch mental raus, wenn man die Dienstkleidung ablege, erzählt er. Beim Ahrtal-Einsatz trugen sie ihre Dienstkleidung sinnbildlich vier Tage lang, ehe sie von einem anderen Team abgelöst werden konnten. Die örtlichen Notfallseelsorger waren nicht verfügbar, sie waren selbst vom Hochwasser betroffen.

Kreisweit werden jährlich rund 300 Einsätze registriert, Tendenz steigend. Depression, Einsamkeit, Amokandrohungen – dies seien zunehmend auch Themen für die Notfallseelsorger, sagt Schmidt. Inzwischen werden die Ehrenamtlichen von der Leitstelle mit den anderen Einsatzkräften mitalarmiert, sagt Schmidt. Er sieht es als eine seiner Aufgaben als Leiter der Notfallseelsorge an, diese Vorgehensweise weiter in den Köpfen aller Beteiligten zu verankern.

Nicht nur für die Angehörigen sind die Ehrenamtlichen da, sondern im Nachgang auch für die Einsatzkräfte selbst. „Einsätze mit Kindern, das macht etwas mit einem“, sagt der Korntal-Münchinger. Wenn man alles getan hat, aber letztlich mit dem Tod konfrontiert ist, das stecke niemand so einfach weg, so erfahren man auch sei. Es hat einige Jahre gedauert, bis die Helfer Hilfe annahmen. Es erforderte ein Umdenken, das zumindest im Landkreis so weit geht, dass Stressbewältigung inzwischen Teil der Grundausbildung bei der Feuerwehr ist.

Notfallseelsorger für die Einsatzkräfte haben eine Zusatzausbildung, Schmidt hat diese Kompetenz. Über die Feuerwehr war auch er einst zur Notfallseelsorge gekommen. Bei dem Starkregenereignis in Korntal-Münchingen im Jahr 2009, dem ersten in der Region, hatte er als Zugführer die Wehreinsätze in Münchingen koordiniert, war im Ort unterwegs, als er plötzlich seine Kameraden schreien hörte. Einer von ihnen hatte unverschuldet einen Stromschlag erlitten, Schmidt versuchte noch ihn wiederzubeleben. Vergeblich. Notfallseelsorger halfen ihm und seinen Kameraden danach.

Der selbstständige Maler- und Lackierermeister hatte beschlossen, beruflich kürzer zu treten – so war Raum für die Leitungsfunktion in der Notfallseelsorge. Die 50-Prozentstelle wird von evangelischer und katholischer Kirche sowie dem Landkreis finanziert, inhaltlich getragen wird sie von den beiden Kirchen und dem Deutschen Roten Kreuz. Davon unabhängig bilden zudem Kirche und DRK Notfallseelsorger aus.

Einzigartige Kooperation im Land

Dieses Miteinander von DRK und den Kirchen sei bei der Gründung vor 25 Jahren einzigartig gewesen, sagt Schmidt. Das Modell, „suchte damals in ganz Baden-Württemberg seinesgleichen“. Während andernorts der DRK-Notfallnachsorgedienst und die kirchliche Notfallseelsorge teils in Konkurrenz zueinander stünden, habe man im Landkreis Ludwigsburg „ein System entwickelt, das reibungslos ineinander greift“. Rund 100 ehrenamtliche Notfallseelsorger gibt es kreisweit, sieben von ihnen sind für DRK und Kirche tätig. Ende November wurde das 25-jährige Bestehen der Notfallseelsorge in einer Feierstunde gewürdigt. Zugleich übernahm der 58-jährige Thomas Schmidt das Amt von Pfarrer Martin Weigl aus Erdmannhausen.

Zwischen zwei und vier Stunden dauern die Einsätze der Notfallseelsorger. Die Hauptmotivation sei immer, sicherzustellen, dass die Person stets eine Begleitung habe. „Kein Mensch soll alleine sein“, sagt Schmidt. Empathie sei dafür essenziell. Nicht, um Mitleid zu empfinden mit dem anderen, denn Mitleid schwäche. Es gehe darum, Mitgefühl zu zeigen – um den Menschen zu stärken.

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