Eine neue CD des Hohenstaufen Ensemble mit Rahel und Sara Rilling enthält nicht nur schöne Musik, sondern auch ein Stück Familiengeschichte.

Was habe eine Jugendherberge in Mecklenburg, eine handgeschriebene Postkarte von Johannes Brahms und die neue CD-Einspielung und Rahel und Sara Rilling gemeinsam? Sie stehen alle in Verbindung mit Robert Kahn, dem Urgroßvater mütterlicherseits der beiden Töchter von Helmuth Rilling, die beide in Warmbronn aufgewachsen und seit vielen Jahren international als renommierte Musikerinnen unterwegs sind.

 

Das Album „Robert Kahn: Chamber Music“ erscheint am 3. Februar bei Hänssler Classic, und es enthält eine Welt-Ersteinspielung des Quintetts D-Dur für Klavier und Streichquartett, außerdem eine Ersteinspielung der Serenade (op. 73) in der Version für Violine, Violoncello und Klavier. Das Werk sei ursprünglich für Oboe, Horn und Klavier gesetzt, erzählt Rahel Rilling und schmunzelt: Es gäbe sonst noch elf verschiedene Möglichkeiten, sie aufzuführen. Zur Realisierung des CD-Projektes hat der Musikwissenschaftler Steffen Fahl beigetragen, der eine Dissertation über Robert Kahn und sein Werk geschrieben und beim Umgang mit dem Notenmaterial viel Gutes beigetragen hat.

Wer war Robert Kahn?

Robert Kahn spielte zu seinen Lebzeiten eine wichtige Rolle im Musikleben:1865 als Sohn einer der wohlhabendsten jüdischen Familien Mannheims geboren, gehörte er später zu den Schülern von Johannes Brahms und war schon im jüngeren Alter ein gewürdigter Musiker und Komponist. Große Unterstützung erfuhr er unter anderem eben von Brahms, Hans von Bülow und Clara Schumann. Diese lobte am 5. Oktober 1887 in einem Tagebucheintrag: „Da ist Leidenschaft, Wärme, Anmut, vortreffliche Arbeit, nur lehnt er sich sehr an Brahms und Schumann, doch das schadet nichts, wenn es mit soviel Talent geschieht.“ Dass Johannes Brahms seinem Schüler Robert Kahn menschlich verbunden war, davon zeugt bis heute eine Postkarte im Besitz der Familie Rilling mit einer handschriftlichen Widmung. Sara Rilling kennt die Geschichte dazu: So habe Brahms Robert Kahn einmal danach gefragt, welches sein Lieblingsoratorium von Georg Friedrich Händel sei – Kahn wusste keine Antwort darauf. Am Morgen darauf habe dann vor seiner Tür die Partitur von „Israel in Ägypten“ gelegen, darauf eine Postkarte mit den Worten „Guten Morgen, lieber Herr Robert Kahn“. „Diese Karte hat unsere Oma unseren Eltern zur Hochzeit geschenkt“, verrät Sara Rilling.

Robert Kahn komponierte Lieder, Kammermusikwerke, Stücke für Chor und besonders viele für Klavier, denn er selbst war Pianist. Er bekleidete mehrere renommierte Positionen und wurde zum Beispiel zum Professor und ordentlichen Lehrer an der Königlichen Musikhochschule für Musik Berlin oder zum Senator der Königlichen Akademie der Künste ernannt, wo bis heute noch viele Dokumente zu seinem Leben und seinem Werk aufbewahrt werden. Das wunderschöne Herrenhaus in Feldberg mit großem Grundstück einschließlich Zugang zum See bezog er nach seiner Emeritierung, musste es wegen seiner jüdischen Herkunft jedoch verlassen. 1938 emigrierte er nach England. Dort entstand sein „Tagebuch in Tönen“, das mehr als tausend Stücke für Klavier enthält.

Zwei Schwestern, ein Traum

Das Haus wurde lange Zeit als Jugendherberge genutzt, der Leiter habe jedoch vor drei Jahren aufgegeben, erzählt Rahel Rilling. Ein Traum wäre es für die beiden Schwestern, wenn aus dem schönen, direkt an ein Naturschutzgebiet angrenzenden Anwesen ein Zentrum für Kultur, Begegnung und Menschenrechte werden könnte. Doch dafür müsste man wohl viel Geld in die Hand nehmen, wie sie wissen. Denn was dort gemacht worden sei, sei stets mit billigsten Mitteln ausgeführt worden. Der Zustand des Hauses ist dementsprechend nicht sehr gut. „Das Jugendherbergswerk hat in das Haus leider keinen Pfennig investiert, deswegen hat der Herbergsleiter alles so gut wie möglich, aber eben auch mit einfachen Mitteln renoviert“, beschreiben die Schwestern.

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Nach der Rückübertragung der Villa Kahn wurde dort ein Treffen der großen und weitverzweigten Familie abgehalten, die ihr Onkel Gottfried Greiner, Solocellist beim Münchner Rundfunkorchester, organisierte. Dort sind Rahel und Sara Rilling auch der Musik ihres Urgroßvaters begegnet, haben sie zum ersten Mal im Trio mit Onkel Gottfried erklingen lassen. „Es ist schon etwas Besonderes, wenn man die Musik seines Urgroßvaters spielt“, sagt Rahel Rilling. „Man fragt sich, ob man sich in der Art der Musik wiederfindet.“ Sehr dicht sei die Musik, sagt sie und ergänzt lachend, man brauche dafür als Pianist wohl auch ziemlich große Hände. „Aber es klingt sehr schön!“ Sehr bewegende Teile gäbe es: „Es ist sehr emotionale Musik, die sehr dramatisch ist, manchmal aber auch sehr lyrische, gesangliche Teile hat und ebenso rhythmisch und jazzig sein kann. Manchmal erinnert sie an Arnold Schönberg.“

„Hohenstaufen Ensemble“

Eine erste CD mit Werken von Robert Kahn Als Hohenstaufen Ensemble hatten die Schwestern Rilling mit David Adorján (Violoncello), Paul Rivinius (Klavier), Julia Sophie Wagner (Sopran) und Michael Nagy (Bariton) schon 2011 in der evangelischen Kirche in Hohenstaufen aufgenommen. 2015 wurde das Klavierquintett beim Kammermusik Festival Hohenstaufen gespielt und produziert mit Gabriel Adorján und Rahel Rilling (Violinen), Sara Rilling (Viola), David Adorján (Violoncello) und Paul Rivinius (Klavier). Mit der Ersteinspielung der Serenade f-Moll (op. 73) und dem Klaviertrio Nr. 4 e-Moll (op. 72) wurde die angefangene CD 2021 von Rahel Rilling (Violine), David Adorján (Violoncello) und Annika Treutler (Klavier) vervollständigt.

Der Name „Hohenstaufen Ensemble“ bezieht sich übrigens auf den Ort, an dem die Eltern der beiden Schwestern, Helmuth und Martina Rilling, seit Jahrzehnten ein Ferienhaus besitzen. Dort haben sie schon als Schülerinnen mit ihrer Familie viel gemeinsame Zeit verbracht, und dort haben Rahel und Sara Rilling vor 17 Jahren auch ihr Kammermusikfestival gegründet und mit der damit verbundenen Akademie begonnen. Zweimal im Jahr gibt es seitdem in Hohenstaufen Konzerte: Einmal spielen die Studierenden der Akademie, beim zweiten kommen befreundete Musikerinnen und Musiker aus der ganzen Welt. Für ein Konzert im heimischen Wohnzimmer, auch außerhalb von Hohenstaufen, gibt es ab 3. Februar nun die neue CD.