Leonhardsviertel in Stuttgart Armut, Lärm und Hitze – Wer lebt im Leonhardsviertel?
Im Leonhardsviertel ist man mittendrin in Stuttgart, im Guten wie im Schlechten. Was heißt das ganz konkret? Ein Blick in ganz und gar nicht gewöhnliche Zahlen.
Im Leonhardsviertel ist man mittendrin in Stuttgart, im Guten wie im Schlechten. Was heißt das ganz konkret? Ein Blick in ganz und gar nicht gewöhnliche Zahlen.
Kein Stuttgarter Stadtviertel dürfte bei so geringer Größe eine so große Bekanntheit aufweisen wie das Leonhardsviertel. Es besteht im Wesentlichen aus drei Häuserblocks, dem Gustav-Siegle-Haus, dem Züblin-Parkhaus und der namensgebenden Leonhardskirche.
Es gibt also viele Gründe, ins Leonhardsviertel zu gehen. Ein Großteil ist in den Abendstunden zu verorten. 2022 zählte eine Quartiersinitiative 56 Gewerbe- und 54 Gastronomiebetriebe, neune soziale und fünf kulturelle Einrichtungen „sowie 6 legale Rotlichtbetriebe“ – aus diesem Kreis ging die Initiative damals hervor. Das Sexgewerbe soll aus dem Leonhardsviertel verschwinden und die Stadt habe das „ Ziel, dass man wieder ein ordentliches Viertel daraus macht“, so der Baubürgermeister Peter Pätzold 2022 in einem Interview mit unserer Zeitung.
Was aber ist das heute für ein Viertel, das „durch Vergnügungsstätten und Gaststätten sowie eingelagerte Wohnnutzungen geprägt“, wie es in einem städtischen Konzeptpapier aus dem Jahr 2012 heißt? Wie leben die gut 800 Menschen dort? Und: wer lebt hier?
Weil man nicht jeden einzeln fragen kann, hilft ein Blick in die Zahlen. Und die sind für dieses Viertel alles andere als gewöhnlich. Zum Beispiel beim Einkommen. Einer Berechnung des Datendienstleisters infas360 (für unser Projekt „Einkommensatlas“) zufolge leben im Leonhardsviertel ziemlich arme und ziemlich gut verdienende Menschen – von beidem gibt es hier mehr als in Stuttgart, auch mehr als im Stadtbezirk Stuttgart-Mitte. Was weitgehend fehlt, sind die Mittelgutverdiener.
Auch sonst ist das Leonhardsviertel alles andere als gewöhnlich, im guten wie im schlechten Sinne. Zwei von drei Einwohnern haben einen Migrationshintergrund, so gut wie niemand lebt im Eigentum, fast niemand hat ein Auto. Die Linkspartei erhielt bei der Bundestagswahl doppelt so viele Stimmen wie in der Gesamtstadt (20,6 Prozent), die CDU etwas mehr als halb so viele (16,2 Prozent).
Extrem wird es im Sommer. Das Leonhardsviertel ist umgeben von großen Straßen, die sich ebenso aufheizen wie das Züblin-Parkhaus und die versiegelten Plätze drumherum. Eine Befliegung im Auftrag der Stadtverwaltung zeigt die Temperaturverhältnisse als hellrote Insel inmitten knallroter Verkehrsflächen: ein Hotspot im wortwörtlichen Sinne.
Die Hälfte des Viertels heizt sich besonders stark auf und kühlt nachts nur schwer ab. Dass es entlang der Hauptstätter Straße um die Luftqualität ebenfalls nicht allzu gut bestellt ist, versteht sich von selbst.
Der Klimawandel setzt den Menschen im Leonhardsviertel stark zu. Und auch der Anteil derer, die sich davor mangels finanzieller Ressourcen nicht gut schützen können, ist auf einem sehr hohen Niveau. Knapp jeder Dritte hier und im angrenzenden Bohnenviertel hat Anspruch auf die städtische Bonuscard – ein Hinweis auf Armut im Viertel. In genau zehn Stuttgarter Stadtvierteln ist der Wert höher, in mehr als 330 Vierteln ist er niedriger.
Weil im Leonhardsviertel und im Bohnenviertel Armut, Lärm und Hitze zusammenkommen, sind sie Teil, gar Ausgangspunkt des „Stuttgarter T“. So nennt die Stadtverwaltung ein beinahe zusammenhängendes Gebiet von Vierteln, das sich bis nach Bad Cannstatt und den Neckar entlang zieht. Unter diesen Vierteln, die besonders unter „Klimaungerechtigkeit“ leiden, ist das Leonhardsviertel wiederum eines der besonders kritischen.
Ist das Leonhardsviertel also ein spannendes Ausgehviertel und ein Hotspot des Nachtlebens – aber hier leben, nein danke? So könnte man es sehen, außer man sucht das Besondere, das Aufregende. Wer die Menschen sind, die hier leben und arbeiten, beleuchtet unsere Artikelreihe. Wer bis jetzt nicht geglaubt hat, dass das Leonhardsviertel ein ganz besonderes ist – die Zahlen sprechen eine sehr eindeutige Sprache.