Liane Lippert fährt in Stuttgart Das Gesicht des deutschen Radsports
Der Women’s Cycling Grand Prix findet an diesem Sonntag in der Region Stuttgart statt. Das wichtigste deutsche Frauen-Eintagesrennen ist top besetzt – auch dank Liane Lippert.
Der Women’s Cycling Grand Prix findet an diesem Sonntag in der Region Stuttgart statt. Das wichtigste deutsche Frauen-Eintagesrennen ist top besetzt – auch dank Liane Lippert.
Wer im Radsport erfolgreich sein will, darf nichts dem Zufall überlassen. Folglich hat Liane Lippert sich intensiv damit befasst, was sie an diesem Sonntag beim Women’s Cycling Grand Prix in der Region Stuttgart erwartet. Die bis zu 15 Prozent steile Hasenbergsteige, die auf den Schlussrunden in der Stuttgarter Innenstadt dreimal erklommen werden muss, ist ihr längst ein Begriff. „Das ist ein richtig knackiger Anstieg, auf dem sich gut attackieren lässt“, sagt Liane Lippert, die aus ihren Ambitionen kein Geheimnis macht: „Ich komme, um das Rennen zu gewinnen.“ Auch wenn es nicht einfach wird.
Die Veranstaltung in Stuttgart ist dank des Brezel Race nicht nur ein beliebter Treff vieler Hobbyradler, sondern auch Deutschlands wichtigstes Eintagesrennen für Profisportlerinnen. Es zählt zur zweithöchsten Kategorie des Weltverbandes UCI – und ist entsprechend gut besetzt. Zahlreiche World-Tour-Teams schicken bekannte Namen, darunter Vorjahressiegerin Eleonora Gasparrini, Silvia Persico (WM-Dritte 2022), Alison Jackson (Siegerin Paris-Roubaix 2023), Lucina Brand (2024 und 2025 WM-Zweite im Querfeldein), Justine Ghekiere (2024 Gewinnerin des Bergtrikots bei Tour und Giro) oder Cat Ferguson (Junioren-Weltmeisterin Straße und Zeitfahren). „Wir haben ein hochklassiges Feld“, sagt Lisa Brennauer, die Sportliche Leiterin, „die Weltelite ist bestens vertreten.“ Auch dank Liane Lippert.
Die Friedrichshafenerin ist aktuell die Nummer 16 der UCI-Rangliste – und hierzulande die prominenteste Radsportlerin. Das liegt zum einen an ihrem Coup bei der Tour de France 2023, als sie im Trikot der deutschen Meisterin das hügelige zweite Teilstück vor Superstar Lotte Kopecky im Sprint gewann – es war der erste Etappensieg für eine Deutsche. Es hat aber auch damit zu tun, dass dies für Liane Lippert („Damals bei der Tour habe ich mich kurz in einer Traumwelt befunden“) kein einmaliger Höhenflug war. Im Gegenteil. Mittlerweile hat sie drei Etappen beim Giro d’Italia gewonnen, zwei davon in diesem Jahr, und 2024 holte sie mit der deutschen Mixed-Staffel Silber bei der WM. „Es ist“, sagt sie, „ein schönes Gefühl, zu den Aushängeschildern einer Sportart zu gehören.“ Erst recht in einer Disziplin, in der sich viel bewegt.
Lange Zeit waren die Radsportlerinnen weit abgehängt, der Fokus galt fast ausschließlich den Männern. Das hat sich geändert. Viele Top-Rennställe (außer Red Bull-Bora-hansgrohe) haben mittlerweile ein Männer- und ein Frauen-Team, die drei großen Landesrundfahrten (Tour de France, Giro d’Italia und Vuelta) gibt es für Männer und Frauen, viele der großen Klassiker ebenfalls. Das Mindestgehalt liegt bei 38 000 Euro pro Jahr, Demi Vollering, die Nummer eins der Welt, kommt angeblich auf 950 000 Euro für eine Saison.
„Alle World-Tour-Fahrerinnen können jetzt von ihrem Sport leben, die besten 30 auch für die Zukunft vorsorgen“, sagt Liane Lippert, die seit 2023 beim spanischen Rennstall Movistar unter Vertrag steht, „insgesamt hat sich der Frauen-Radsport in den vergangenen Jahren super entwickelt. Wir haben starke Teams, tolle Einschaltquoten, interessante Rennen. Es ist eine gute Zeit für uns Radsportlerinnen, wir können genießen, wie es ist.“ Und den Fokus auf die eigene Leistungsentwicklung legen.
Liane Lippert freut sich darauf, bei ihrer Premiere in Stuttgart vor deutschen Fans zu fahren („Für mich ist es eine Art Heimrennen“), und selbst wenn es nicht zum Sieg in der Landeshauptstadt reichen sollte, hätten die 124,2 Kilometer zwischen Filderstadt und der Stuttgarter Innenstadt ihren Sinn – denn sie hat in dieser Saison noch viel vor: ab 21. September findet die WM in Ruanda statt, Stuttgart ist die perfekte Generalprobe. Deutschlands Radsportlerin des Jahres 2024 ist vor den ersten Titelkämpfen auf dem afrikanischen Kontinent zwar skeptisch und sagt: „Ich musste mich extra impfen lassen und fliege mit einem mulmigen Gefühl dorthin. Ich hoffe, dass die WM-Vergabe nach Afrika einmalig bleibt.“
Das Magengrimmen hindert sie allerdings nicht daran, sich selbst hohe Ziele zu setzen. Die Mixed-Staffel will diesmal Gold holen, und auch im Straßenrennen ist das deutsche Quartett alles andere als chancenlos. „Alle vier sind stark“, sagt Liane Lippert, „wir werden versuchen, so lange wie möglich vorne dabei zu bleiben – um am Ende attackieren zu können.“
Die WM-Strategie ist folglich ziemlich ähnlich wie die Taktik, die sich Liane Lippert für das Rennen an diesem Sonntag zurechtgelegt hat. Auch wenn es in Ruanda, anders als in Stuttgart, keine Hasenbergsteige gibt.