Man muss in diesem Fall keinen Spoileralarm ausrufen, wenn man das Finale vorwegnimmt. Es kommt, wie’s kommen muss: Die Beziehung scheitert. Und während die Frau allein zurückbleibt, zieht der Mann zur nächsten weiter und wickelt sie mit denselben Prahlereien um den Finger, mit denen er schon die Vorgängerin gekapert hat. Körperliche Vorzüge kann er auch vorweisen, groß und stark ist er, der Cis-Mann Popeye, den sich die Autorin Sivan Ben Yishai aus dem in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts stammenden US-Comic ausgeliehen hat. Schon damals war der nach Spinat süchtige Bursche dominant und degradierte seine Freundin Olivia Öl, zuvor die Heldin der Story, zur Nebenfigur. Geschichte, erst recht die Geschichte patriarchaler Herrschaft, wiederholt sich: Hundert Jahre später wird sie, 40, abermals von ihm, 32, unterworfen. Oder ist es vielleicht doch so, dass sich Frau Öl selbst unterwirft, aus freien Stücken, Emanzipation hin oder her?
Versuche, sich aus tradierten Rollenmustern zu befreien
Das ist eine von vielen Fragen, die Sivan Ben Yishai in „Liebe“ stellt. Geboren 1978 in Tel Aviv, lebt sie seit 2012 in Berlin und tauchte mit ihren Stücken wie „ein Komet am Firmament des deutschsprachigen Theaters“ auf. Sie wurde zur Dramatikerin des Jahres gewählt, zum Berliner Theatertreffen eingeladen, mit dem Mülheimer Theaterpreis ausgezeichnet. Ihre Themen: hochpolitische wie die zum Krieg eskalierten Konflikte im Nahen Osten, aber auch – aus strikt feministischer Perspektive – hochprivate wie in „Liebe“. Das textlastige Stück mit dem Zusatz „Eine argumentative Übung“ untersucht tradierte Rollenmuster und die Versuche, sich daraus zu befreien. Selbst für Olivia ist das ein Riesenproblem. Ist sie doch keine so intelligente und unabhängige Feministin, wie sie glaubt?
Aufgeführt wird das Stück im Foyer des Stuttgarter Kammertheaters. Junge Leute setzen es mit Tempo und Schwung ins Werk. Wie der Regisseur Tom-Henry Löwenstrom arbeiten auch die Bühnenbildnerin Klara Kollmar und die Kostümbildnerin Katharina Weis als Assistenten am Schauspiel – und überbauen die Treppe zum Saal mit einer bunten Kissenlandschaft auf einem Super-XXL-Bett . Aus dem Off erinnert sich Mina Pecik als Olivia an das lustvolle Erwachen ihrer Sexualität: Sie ist zwölf, „liegt nackt in der Badewanne, dreht den Duschkopf ab, steckt sich den Schlauch zwischen die Beine und wird von ihrem ersten Orgasmus überwältigt. Eine unerwartete Lust widerfährt ihr, heftig und unmittelbar wie ein Schlag, süß und endlos wie ein Softeis.“
Die Frische des jungen Teams trägt das Stück
Beste Voraussetzungen, um ein rundum selbstbestimmtes Leben zu führen, aber wo endet es in der Beziehung zu Popeye? Genau dort, wo „Stimmen aus der Vergangenheit“ Olivia sehen wollen: in der Unterordnung. Obwohl als Autorin erfolgreich, will sie dem Popeye des Felix Jordan, dem sehr schwadronierenden und sehr erfolglosen Möchtegern-Regisseur, das „supportivste Girlfriend ever“ sein. Klappt auf Dauer nicht. Fest gewillt, ihn zu bewundern, wächst bei ihr der aus Unsicherheit gespeiste Selbsthass, vor allem auf ihren Körper, den sie vor seinen Augen nur noch unter Kissen verstecken möchte. Alte Geschlechterbilder leben weiter, vor ihrer Zähigkeit kapituliert jede Wokeness. Fast. Denn während Popeye weiterhin Trophäen sammelt, flüchtet sich Olivia in eine wilde Sexualrauschfantasie mit allem Drum und Dran, sprachlich, aber nur sprachlich, explizit wie die ganze Inszenierung.
Thematisch tritt die anderthalbstündige „Liebe“ bisweilen auf der Stelle, aber die Frechheit und Frische, mit der das junge Team die Inszenierung über die Bühne jagt, macht die temporäre Langeweile wieder wett. „Die argumentative Übung“: bestanden.
Weitere Vorstellungen: 12, 20. und 29. Juni sowie am 5. Juli.