Sind Langzeitsingles beziehungsfähig? Viele Männer und Frauen tun alles, um endlich den richtigen Partner zu finden. Und doch will es einfach nicht klappen. Die Psychologin Stella Schultner spricht im Interview mit uns über die Gründe, warum manche Menschen sich schwertun, eine gesunde Beziehung einzugehen, warum es „Pech in der Liebe“ eigentlich nicht gibt und dass viele unglückliche Singles mit der richtigen Hilfe eine:n Partner:in finden – oder alleine glücklich werden.
Stella, viele glauben ja, wenn sie keine: Partner:in finden, hätten sie Pech in der Liebe oder der oder die Richtige ist ihnen einfach noch nicht über den Weg gelaufen. Oft gibt es aber ja tiefer liegende Gründe, warum jemand keine:n Partner:in findet?
Ich erlebe oft, dass viele dann auf das andere Geschlecht schimpfen und zum Beispiel sagen: Alle Männer sind böse, die Guten sind, wenn alle schon verheiratet, oder auch, dass alle die noch auf dem Markt sind, total gestört seien. Aber wie will ich so eine:n Partner:in finden, wenn ich so abfällig zum Beispiel über Männer spreche?
Viele Langzeitsingles hadern ja auch mit sich selbst und fragen sich ständig: Was stimmt nicht mit mir?
Ja, das höre ich von meinen Klientinnen auch oft. Dabei sind es Dinge, für die wir nichts können. Oft haben wir ungesunde Bindungsmuster internalisiert; oft sind es einfach Dinge, die wir ganz unbewusst machen. Wir haben Schutzmechanismen aufgebaut, falsche Denkmuster und Glaubenssätze verinnerlicht. Das rührt daher, wenn wir in der Kindheit die Erfahrung gemacht haben: Liebe ist gefährlich.
Zu dick, zu dünn, zu schüchtern, zu forsch – oft reden wir uns ja selbst klein, weil wir denken, es sind Eigenschaften, die wir haben, weshalb wir keine:n Partner: in finden.
Ein niedriger Selbstwert ist einer der Hauptgründe, warum viele Singles keine:n Partner:in finden. Sie neigen dann dazu, ihre Dates auf ein Podest zu stellen und zu überhöhen. Aber, der andere denkt dann natürlich, er macht einen schlechten Deal, wenn sich jemand selbst schon so abwertet. Wichtig ist, sich auf Augenhöhe zu begegnen. Ich bin überzeugt davon, die Dating-Phase gibt den Tonus für die ganze spätere Beziehung an.
Es gibt ja das alte Sprichwort „Du musst dich erst selbst lieben, um geliebt zu werden.“ Vermutlich wäre die Menschheit ja ausgestorben, wenn wir alle erst dann eine:n Partner:in finden, wenn wir uns bedingungslos selbst lieben. Oder?
Wir sind ja natürlich alle unser Leben lang quasi work in progress und wenn wir erst dann jemand finden, wenn wir uns komplett selbst lieben, sind wir vielleicht dann schon 70. Man kann auch innerhalb einer Beziehung anfangen, sich selbst zu lieben. Aber wenn ich ein geringes Selbstbewusstsein habe, dann ziehe ich oft eben auch eine:n Partner:in an, der das ebenfalls hat.
Selbstbewusstsein und Bindungsstil sind aber ja auch nur zwei Gründe, warum Singles Single bleiben. Was für andere Ursachen gibt es?
Viele von uns hatten superschlechte Vorbilder, was Beziehungen angeht. Unsere Eltern und Großeltern haben selbst ja oft keine gesunden Beziehungen gelebt. Und wir orientieren uns nun mal an Mama und Papa, wenn es um Beziehungen geht. Das ist die erste Beziehung im Leben, die wir als Partnerschaft wahrnehmen. Unsere Eltern sind unser Universum, und selbst wenn wir Geschwister haben, dann sind wir dennoch vor allem von unseren Eltern abhängig. Später im Leben mischen sich diese falschen Vorstellungen dann oft mit Walt Disney und Hollywood. Früher waren Beziehungen ja oft aus finanziellen Gründen Abhängigkeitsbeziehungen. Man ist einfach geblieben, selbst wenn es der*die falsche Partner:in war. Frauen hatten keine Rechte, kein eigenes Bankkonto und konnten sich keine eigene Wohnung mieten. Heute sind viele aber immer noch emotional abhängig.
Woran erkenne ich, ob ich von dem anderen emotional abhängig bin?
Wenn ich glaube, dass ich den anderen brauche, um zu leben. Und wenn sich das in meinem Leben wiederholt, in jeder Beziehung, dann stecken da oft auch Erfahrungen aus der Kindheit dahinter. Oft suche ich dann in eine:r Partner:in den Vater, von dem ich nie geliebt wurde – und damit jemanden, der mich eigentlich auch nicht liebt oder sogar schlecht behandelt. Eigentlich will ich das mein Vater mich endlich liebt und wertschätzt und übertrage das dann auf potenzielle Partner:innen. Manche verbringen damit tatsächlich Jahre ihres Lebens, jemand anderes davon zu überzeugen, dass sie gut genug sind. Für Freunde ist das dann oft gar nicht nachvollziehbar, die sehen oft schneller: „Das ist doch ein Depp.“
Viele Singles suchen sich ja auch mit schlafwandlerischer Sicherheit immer Partner:innen, die überhaupt gar nicht verfügbar sind, weil verheiratet oder nicht interessiert. Sind solche Menschen innerlich überzeigt davon, dass sie es gar nicht wert sind, wirklich geliebt zu werden?
Dahinter stecken oft alte, verinnerlichte Glaubenssätze wie „Ich bin nicht gut genug“ oder auch „Als alleinerziehende Mama will mich eh keiner“. Wir machen uns selbst klein und stellen eben – auch da – den anderen auf ein Podest. Denn, wenn es für uns ein Problem ist, ist es das für den anderen auch. Das heißt, wenn ich denke, als alleinerziehende Mama will mich niemand, dann mache ich das in der Regel auch zum Problem des anderen. Aber du kannst dich ja immer entscheiden im Leben: Bin ich als Mutter glücklich? Oder finde ich allgemein alle Männer doof?
Viele suchen auch deshalb verzweifelt nach einem:r Partner:in, weil sie glauben, alleine sind sie nichts wert – das wird einem ja oft auch von der Gesellschaft so gespiegelt.
Es gibt schon einen sehr großen, gesellschaftlichen Druck, eine Beziehung haben zu müssen. Oft kriegen das Singles dann ja bei Familienfesten ständig zu hören. Die Oma sagt dann vielleicht: „In deinem Alter hatte ich schon drei Kinder.“ Auch Freunde mit Kindern distanzieren sich häufig, weil die Lebensrealitäten zu verschieden sind. Aber am Ende ist ja die Frage, auch wenn die Gesellschaft uns unter Druck setzt, wer ist denn am Ende glücklicher? Wer Single ist, fokussiert sich oft auf das Singlesein und ist deshalb unglücklich. Aber es gibt eben glückliche Paare und glückliche Singles, ebenso wie es unglückliche Paare und unglückliche Singles gibt.
Woran merke ich denn, dass ich ein Problem habe, zum Beispiel selbst Bindungsängste habe?
Wenn es sich nicht leicht anfühlt. Es ist immer gut, auf sein eigenes Bauchgefühl zu hören. Muss ich bei jemand bitten und betteln, dass er sich treffen möchte? Oft reden wir uns Dinge schön. Oder gehen rein a lá „challenge accepted“ und glauben, wir müssen den anderen erst von uns überzeugen, wenn er nicht will. Oft merke ich aber ja selbst, wenn der andere einfach nicht will. Und wenn ich das immer wieder in Dates oder Beziehungen feststelle, muss ich bei mir selbst schauen, was für Themen ich habe.
Kann man Bindungsängste und negative Glaubenssätze überwinden?
Ja, auf jeden Fall. Bindungsmuster sind keine Diagnose, keine Krankheit – und auch kein Lebensschicksal. Man kann sich damit auseinandersetzen, alte Gefühle aus der Kindheit verarbeiten und hinterfragen. Sich klar machen, dass meine Eltern nicht der Rest der Menschheit sind. Aber es reicht natürlich nicht, dass nur kognitiv zu verstehen. Ich muss auch die alten Emotionen verarbeiten. Ich arbeite viel mit Hypnose und oft ist es so, dass wenn Klientinnen viel weinen, sie auch danach viel loslassen können. Die Hauptgründe für Bindungsangst und Bindungsvermeidung sind alte Verlustängste. Das ist manchen Menschen bewusst, ganz vielen aber nicht. Eigentlich wäre es ganz gut, wenn wir solche Sachen schon in der Schule lernen würden.
Psychologin und Liebes Coach
Leben
Stella Schultner ist Psychologin und Hypnocoach mit eigener Praxis in München.
Beziehungen
Ihr Schwerpunkt ist Love Coaching für Frauen. Auf ihrem Instagram erklärt sie alles zur Psychologie der Liebe, wie Menschen erfüllte Beziehungen leben sowie wie sie ihren Selbstwert verbessern können.