In ihrer Praxis erlebt Julia Henchen vor allem Menschen mit Fragen zu sexueller Unlust, Problemen beim Orgasmus, Bindungsunsicherheiten und Verlustängsten. Viele hätten Angst, dass mit ihrer Sexualität etwas nicht stimmt. Kaum ein Thema verunsichert die Menschen mehr – auch weil es immer noch ein Tabu ist, offen darüber zu sprechen.
In ihrem Buch „Solosex“ und auf Instagram klärt die Sexualtherapeutin Menschen über Sexualität auf – und räumt mit alten Klischees auf. Im Interview spricht sie über gängige Mythen, die nicht stimmen.
Mythos 1: Frauen haben oft weniger Lust, so ein Klischee.
Viele Frauen haben Schwierigkeiten, in ihre Lust zu kommen. Das liegt auch daran, dass die gesellschaftliche Darstellung von weiblicher Sexualität nicht nur durchzogen von Klischees ist, sondern auch darauf ausgerichtet ist, was Männer wollen und was Frauen tun sollten.
Unsere Vorstellungen von Sex und wir er abläuft sind häufig von den Vorstellungen von anderen geprägt. Meist sind es die Vorstellungen von alten, weißen Männern. Dennoch ist es immer noch häufig so, dass Frauen sich darum kümmern, dass der Sex wirklich gut ist, Männer tun das eher selten. Aber, die Lustlosigkeit in vielen Beziehungen betrifft meistens beide. Das hat viel mit unserer Erziehung, falscher Aufklärung und Mythen über Sex zu tun.
„Solosex“ kann dabei helfen, dass wir unsere Lust wieder entdecken. Allein, weil wir uns auch damit beschäftigten. Viele glauben ja zum Beispiel, nur Penetration ist Sex, aber das ist ein Trugschluss. Inzwischen verändert sich unser Bild von Sex. Und das ist auch gut so – und doch leben viele ihren Sex und ihre Sexualität nicht aus.
Mythos 2: Zu jeder guten Beziehung gehört guter Sex.
Viel Sex zu haben und dann ist alles gut, das stimmt leider nicht. Aber es muss für beide stimmen, wenn einer mehr möchte und der andere weniger, ist das selten auf Dauer gut. Wenn es also einen Leidensdruck gibt, dann muss man zusammen etwas ändern. Ich werde immer hellhörig, wenn es um Sex in Beziehungen geht und Paare sagen, sie hätten vier bis fünfmal die Woche. Viele vergleichen sich einfach zu sehr und machen sich dadurch großen Druck.
Umgekehrt glauben viele immer noch, Sex dürfe man nur in einer Beziehung haben und wenn man eben Single ist, dann muss man darauf verzichten. Weil sich, vor allem bei Frauen, immer noch das Bild hält, sie seien schlecht, wenn sie mit vielen verschiedenen Menschen Sex haben. Dabei darf jeder so viel Sex mit so viel unterschiedlichen Menschen haben, wie er möchte. Dieser Gedanke hat viel mit unserer Erziehung zu tun und was wir aus unserem Umfeld gespiegelt bekommen.
Mythos 3: Solosex ist kein Sex.
Das stimmt nicht. Viele behaupten sogar, in einer guten Beziehung brauche es keinen Solosex. Das ist natürlich Unsinn, denn Solosex ist sogar sehr gesund, schmerzlindernd, kann beim Einschlafen helfen. Punkt. Sex an sich ist oft sehr negativ belastet, da haben viele ein Defizit. Es schwingt oft Angst und Sorge mit, statt Lust und Leidenschaft.
Viele glauben auch immer noch, dass man nur in Beziehungen Sex haben dürfe. Vor allem in sozialen Netzwerken wie Instagram ist das gerade auch wieder total populär, dass man sich wieder aufheben muss. Auch klassische Frauen- und Männereigenschaften werden plötzlich wieder angepriesen. Dabei geht aber die Individualität verloren – viele passen sich einfach dem an, was gerade „in“ ist und hören nicht darauf, was sie selbst wollen und was ihnen guttut.
Mir geht es immer auch darum, gesellschaftliche Tabus aufzubrechen. Wir verlernen oft derzeit, andere Meinungen und Ansichten auszuhalten. Dabei ist das gerade, wenn es um Liebe und Sexualität geht sehr wichtig, herauszufinden, was für einen selbst wichtig ist.
Mythos 4: Es gibt nur eine Art von Orgasmus und der ist immer gleich!
Das ist ein alter Mythos, der vermutlich noch von Sigmund Freud stammt. Es gibt nur eine Art von Orgasmus, dieser kann aber immer total unterschiedlich ausgelöst werden. Auch bedeutet es nicht, dass der Sex schlecht war oder der Frau nicht gefallen hat, wenn sie nicht kommt. Menschen empfinden auf ganz unterschiedliche Weise Lust.
Auch ist es bei Frauen nicht per se schwieriger, einen Orgasmus auszulösen. Aber für Frauen ist es wichtig, ihren eigenen Spaß auch zur eigenen Priorität zu machen – auch wenn dies schambehaftet ist. Problematisch ist aber, dass viele eben gerade beim Sex lediglich auf "Rein-Raus-Orgasmus-fertig" fixiert sind. Sie kennen es gar nicht anders. Da ist es tatsächlich schwierig, wirklich in die Lust zu kommen und große Leidenschaft zu empfinden. Man kann sich dann auch einfach nicht richtig gehen lassen.
Mythos 5: Sex und Sexualität sind dasselbe
Wenn wir über Sex sprechen, ist nicht immer klar, was wir damit eigentlich wirklich meinen. Sprechen wir über Sexualität, so sprechen wir über Bedürfnisse, sprechen wir hingegen über Sex, so sprechen wir häufig über sexuelle Praktiken. Wir sind alle sexuelle Wesen. Sex an sich kann Penetration sein – muss aber nicht. Dieses Bild von Sex engt uns ziemlich ein, denn wäre Sex nur Penetration, wäre das ja ganz schön langweilig. Die meisten leben Sex aber nur so aus – das ist ziemlich schade.
Wir glauben oft, wenn Sex stattfindet, dann ist alles gut und wenn nicht, dann nicht. Oft überhöhen wir Sex an sich und schaffen dadurch mehr Druck beziehungsweise verlieren eher die Lust. Auch weil viele falsche Glaubenssätze darüber verbreitet sind. So wird vor allem das erste Mal komplett über-zelebriert, als etwas das super besonders sein muss und unbedingt jemand sein muss, der sehr wichtig ist. Auch ist das Jungfernhäutchen ein kompletter Mythos – das gibt es nicht. Sexualität wiederum umfasst ganz vieles: Nähe, Berührungen und Zärtlichkeit, auch im Wunsch der Zugehörigkeit und Bindung steckt Sexualität.
Aufklärung über Liebe und Sexualität
Leben
Julia Henchen ist Sexualpädagogin und betreibt den Instagram-Account „Lustfaktor“, wo sie Fragen aus der Community beantwortet, Mythen und verbreitete Glaubenssätze entlarvt. Sie hat kürzlich das Buch „Lustfaktor. Wie du Solosex so richtig genießen kannst“ herausgebracht. Ihr Fokus liegt auf Sexualität, Bindung und Traumata. Sie lebt in der Nähe von Stuttgart, wo sie auch ihre Praxis betreibt.
Ausbildung
Henchen hat psychosoziale Beratung und Soziale Arbeit studiert, zusätzlich studiert sie derzeit noch Psychologie. In Heidelberg hat sie eine Ausbildung in Systemischer Therapie absolviert sowie die Ausbildung zur Sexualtherapeutin bei dem renommierten Psychologen und Sexualwissenschaftler Ulrich Clement. Inzwischen bildet sie auch selbst aus.