Liebes-Erklärung Sexualität Was sind eigentlich Daddy Issues?

Ungeklärte Konflikte zu Eltern können sich immer in unseren Partnerschaften widerspiegeln. Foto: imago/Westend61/Rainer Holz

Glaubt man sozialen Medien haben angeblich immer mehr junge Frauen sogenannte „Daddy Issues“. Inzwischen wird die Bezeichnung recht inflationär benutzt. Warum der Trendbegriff problematisch ist, Machtunterschiede aber durchaus eine Gefahr sein können. [Plus-Archiv]

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Für jede Schrulle, für jedes Problem ein Fachbegriff. Ein Partner, der betrügt? „Narzisst“! Eine Partnerin, die immer wieder lügt? „Gaslighting“! Eine Frau, die sehr viel ältere Männer bevorzugt? Klar: Sie hat „Daddy Issues“.

 

Viele Beziehungsprobleme und psychische Krankheiten werden heutzutage in sozialen Netzwerken weitläufig undifferenziert dargestellt. Sie werden zu Trendbegriffen, die mit ihrem Ursprungsbegriff in der psychologischen Wissenschaft nur noch wenig zu tun haben. Daddy Issues ist eine dieser beliebten Trendfloskeln.

Der Begriff ist eigentlich an das Konzept des Psychoanalytikers Carl Gustav Jung angelehnt, das den Elektrakomplex und damit die überstarke Bindung einer weiblichen Person an den Vater bei gleichzeitiger Feindseligkeit gegenüber der Mutter meint. Doch heute soll der Begriff die Auswirkungen einer komplizierten Vater-Tochter-Beziehung bezeichnen. „Es ist ein moderner Begriff, wenn es um Väter und die eigene Biografie geht“, sagt Heike Melzer, Ärztin und Psychotherapeutin mit Schwerpunkt Paar- und Sexualtherapie mit Praxis in München.

Daddy Issues – Ein Begriff, der wenig aussagt

Alleine „Issue“ an sich sei schon reichlich unkonkret. Es gehe zunächst darum, dass jemand ein Thema mit etwas im Hier und Jetzt hat, aber die Gründe dafür in der Vergangenheit suche. „Meistens dient der Begriff Daddy Issues jedoch dazu, Frauen abzuwerten, die zum Beispiel immer Beziehungen zu sehr viel älteren Männern haben“, ergänzt sie. Und manchmal erwischt es auch Frauen, die immer wieder dieselben Muster in Beziehungen haben, häufig dysfunktionale Beziehungen führen. „Das wird dann vor allem in sozialen Netzwerken wie mit der Gießkanne über jemanden drüber gegossen, oft auch als Waffe verwendet“, sagt Heike Melzer.

Der Begriff werde somit nicht positiv, sondern abwertend verwendet. Also: „Die hat ein Vaterthema. Und dann hat man schon eine Diagnose.“ Zack. Fertig.

Laiendiagnosen sind beliebt geworden

Solche Laiendiagnosen sind beliebt geworden. Besonders in sozialen Netzwerken wie Instagram oder Tiktok werfen Menschen mit diesen psychologischen Fachbegriffen und Diagnosen um sich, als hätten sie selbst eine psychotherapeutische Ausbildung absolviert. Doch in der Regel stecken hinter diesen Laiendiagnosen keine ernstlichen psychische Erkrankungen oder gravierende Probleme.

Nicht jede Frau, die sich gerne weit ältere Männer sucht, hat Daddy Issues. „Ich schaue bei meinen Klienten immer nach dem Leidensdruck“, sagt Melzer. Hat eine Frau einen dreißig Jahre älteren Mann und sie führen eine glückliche Beziehung, könne man nicht von Daddy Issues sprechen. „Dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron würde man ja auch keine Mama Issues unterstellen, weil seine Frau sehr viel älter ist als er“, sagt Melzer. Es sei anmaßend, solchen Paaren irgendwelche „Issues“ zu unterstellen.

Der Psychoanalytiker Sigmund Freud hat vor knapp hundert Jahren den Begriff „Vaterkomplex“ eingeführt. Seitdem wird in der Alltagspsychologie gerne jedes Problem von Frauen in Beziehungen auf ihren Vater zurückgeführt. Und natürlich können traumatische Erfahrungen zum eigenen Vater später unsere Beziehungen beeinflussen und prägen. „Wenn der Vater nicht präsent war, sucht eine Frau vielleicht immer wieder nach diesem einen Mann, der ihr das geben kann, was sie beim Vater vermisst hat“, sagt Melzer.

Ungelöste Konflikte können sich in unseren Partnerschaften widerspiegeln

Die Frage ist aber eher: Bin ich aufgrund des Verhältnisses zu meinem Vater stark beeinflusst und leide ich darunter? Dann versuchen viele Betroffene, die schlechte Beziehung zum Vater in ihren Liebesbeziehungen zu reparieren. Das heißt, ungeklärte Konflikte zu Eltern können sich immer in unseren Partnerschaften widerspiegeln. „Das sind dann oft innere Kind-Thematiken“, sagt Melzer.

Da gehe es um Gefühle wie Wut, Schuld, Schutz, Strafe oder Scham – unverarbeitete Gefühle aus der Vergangenheit, die einem oft selbst nicht bewusst sind. „Ich versuche dann in der Therapie, dass der Klient die Heilung aus sich selbst heraus schafft“, sagt Melzer. Wer aus eigener innerer Stärke sein Thema überwindet, der sucht auch nicht mehr im Außen nach einer Lösung. „Sonst suche ich immer wieder nach einem noch besseren Partner.“

Allgemein gilt der Begriff „Vaterkomplex“ zum einen für veraltet und zum anderen für problematisch, da er auf sexistischen und falschen Mythen beruht. So gehen in der modernen Psychologie inzwischen viele davon aus, dass sowohl der Ödipuskomplex als auch das Pendant, der Elektrakomplex, auf der männlich geprägten Psychoanalyse beruhen, die heute in vielen Teilen als überholt gilt, weil weibliche Sexualität damals kaum erforscht war und häufig extrem abgewertet wurde.

Der Vaterkomplex ist auch nicht im Diagnosehandbuch für psychische Erkrankungen ICD-10 enthalten und gilt somit nicht als psychische Störung. Es handelt sich dabei also um keine wissenschaftlich anerkannte Diagnose.

Vaterkomplex – das Wort an sich spiegelt wider, dass die Frau ein Problem hat. Meistens geht es aber eher darum, dass der Vater – manchmal sind es auch beide Elternteile – wenig präsent im Leben der Tochter waren. Auch kann das Verhältnis von wenig Liebe geprägt gewesen sein. Das Problem liegt also bei den Vätern und nicht bei den Töchtern. Die Frau wird aber durch den Begriff „Daddy Issues“ unterstellt, sie habe Schuld.

Wenn Probleme im Elternhaus spätere Beziehungen beeinflussen, spricht man inzwischen auch mehr von Bindungstraumata oder Bindungsstörungen. Die wiederum sind keine Krankheit und müssen auch kein Lebensschicksal sein, denn Bindungsstörungen können überwunden werden.

Ein älterer Mann kann auch Vorteile haben

Nicht jede Frau, die also einen älteren Mann liebt, sucht in ihm zwingend ihren Vater und hat per se „Daddy Issues“. „Es kann ja auch ein Vorteil sein, einen älteren Mann zu haben“, sagt Heike Melzer. Oft habe er vielleicht mehr Geld, mehr Status, mehr Seriosität oder wolle vielleicht sogar weniger Sex. „Das kann ja auch ganz angenehm sein“, sagt die Psychotherapeutin. „Die Beziehung ist dann vielleicht unaufgeregter. Manche haben ein Faible dafür.“ Für den Mann umgekehrt bedeute eine jüngere Frau oft Jugend, Status und Lebendigkeit. „Wenn sich da zwei gefunden haben und glücklich sind – dann ist das umso besser.“

Relevant ist daher auch, welche Prämissen in der Beziehung eine Rolle spielen. Wenn Faktoren wie Geld und Macht eine große Rolle spielen und gegen den schwächeren Part ausgespielt werden, kann es problematisch werden, oder auch wenn komplizierte Abhängigkeitsverhältnisse bestehen, wie zum Beispiel wenn ein Professor etwas mit seiner jungen Studentin anfängt, die Lehrerin etwas mit einem Schüler oder der Chef ein Verhältnis zur Praktikantin hat. In solchen Beziehungen spielen vor allem Machtunterschiede eine Rolle, einer von beiden hat die dominantere Rolle inne. Dies ist häufig konfliktbehaftet.

Letztlich können auch dies glückliche Beziehungen sein, allerdings ist es seltener. Wenn der Hierarchie-Unterschied groß ist, kann dies eine entscheidende Rolle bei Konflikten innerhalb der Beziehung spielen.

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