Liebes-Erklärung: So gelingt die Liebe Vier Kriterien, die für das Liebesglück entscheidend sind

Wie gelingt die Liebe? Foto: Unsplash/Jéssica Oliveira

Wenn wir verliebt sind, wollen wir am liebsten jede Sekunde mit dem anderen verbringen. Doch je länger wir mit jemand zusammen sind, desto mehr lassen die großen Gefühle nach. Dann zählen andere Dinge – und vier Kriterien, die durchaus entscheidend sind.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Verliebtsein ist wie ein Gewitter, das über uns hereinbricht und gegen das wir nichts tun können. Verliebtsein ist wie Magie – irgendwas zieht uns an dem anderen an, oft wissen wir gar nicht so genau, was es eigentlich ist. Verliebtsein ist wie eine Naturgewalt, die unseren Verstand ausschaltet, Wir wissen nur: Wir wollen keine Sekunde ohne den anderen sein. Ja, wir glauben felsenfest, dass wir nie wieder im Leben ohne den anderen sein wollen.

 

Wie gelingt die Liebe?

Verliebtsein ist nicht Liebe. Und auch das Vorhandensein von Liebe allein bedeutet keineswegs, dass wir für immer zusammen durch dick und dünn gehen und alle Stürme des Lebens aushalten können. Doch es gibt Paare, denen genau das gelingt: Sie kommen durch jede Krise hindurch. Was machen sie richtig? Wie gelingt die Liebe?

In „Die große Liebe“ von Pearl S. Buck sagt der 22-Jährige Protagonist Edward Haslatt, er liebe an Margarete „ihr lockiges schwarzes Haar, ihre meerblauen Augen, ihr Profil von vollendeter Schönheit. Und er fühlte sich in der unbefangenen Atmosphäre ihrer Familie sehr wohl“.

„Alles muss aufrichtig, stark und klar sein“

Aber reicht das schon, für eine lebenslange Beziehung? Zwei Heiratsanträge hat der junge Mann ihr schon gemacht. Zweimal hat sie „nein“ gesagt. „Er war ein vorsichtiger junger Mann, wenn sie heute wieder nein sagte, wäre es das dritte Mal und er würde aufhören, an sie zu denken. Seine Mutter machte ihn schon darauf aufmerksam, es gäbe noch andere Mädchen auf der Welt...Doch auch wenn sie nicht so friedlich wie andere Frauen war, liebte er sie unbändig und konnte sich eine andere Beziehung nicht vorstellen.“

Als Edward Margarete also das dritte Mal fragt, ob sie seine Frau werden möchte – bisher hatte sie nach dieser Frage gelacht oder nein gesagt – antwortet Margarete, sie würde ihn auf der Stelle heiraten, wenn sie ihn nicht so gut einschätzen könne. Es läge nicht an ihm, aber sie stelle sich eine besondere Art von Ehe vor: „Ich möchte nicht verheiratet sein, wie die andern Leute es sind…Ich bin kein vorsichtiger Mensch, Ned. Ich möchte nicht haltmachen und nachdenken müssen, ob irgendetwas deine Gefühle verletzen könnte. Das würde ich bald satt haben. Alles muss aufrichtig, stark und klar sein“, antwortet sie. Als Edward antwortete, er könnte sich damit abfinden, widersprach sie ihm. Sie sei sich dessen nicht sicher. Sie sei nur bereit ihn zu heiraten, wenn er die genügende Charakterstärke aufbrächte. Und wenn er sie heiraten würde, würde dies ihr Leben und ihre Zukunft bedeuten.

Prozess der Desillusionierung

Wenn wir eine neue Beziehung eingehen, tauchen viele Ängste auf: Kann ich ihre Erwartungen erfüllen? Wird er gut zu mir sein? Passt er in mein Leben? Und nicht zuletzt: Wie viel muss ich von mir selbst aufgeben, damit die Beziehung gelingt, ich aber immer noch ich selbst bin?

In dem mehrere Generationen umfassenden Familienroman schildert die Autorin Pearl S. Buck, wie Edward und Margarete schließlich heiraten und ein Haus beziehen – und beschreibt dann den Prozess der Desillusionierung, der einsetzt, und den so viele Paare kennen. Wie der Alltag ein Paar auseinanderbringt, wenn Vertrauen zerbricht, man den Partner und seine Bemühungen als allzu selbstverständlich wahrnimmt.

Es ist nicht die Liebe allein

Edward erwacht erst wieder aus dieser Abgestumpftheit gegen über Margarete als sich ein anderer Mann in seine Frau verliebt. „Durch die quälende Eifersucht ist er bereit, sich zu entwickeln, lässt sich seine Fehler aufzeigen, geht sogar zu einem Psychiater“, analysiert der Berliner Psychologe und Autor Wolfgang Krüger in seinem Buch „Effi Briest auf der Couch“ zusammenfassend. Schriftsteller hätten schon immer das Wesen der Liebe besser erfasst als Wissenschaftler. Pearl S. Buck sei es sogar gelungen in „Die große Liebe“ Erkenntnisse zu schildern, die man später in der Forschung über die Ehe dann tatsächlich bestätigen konnte.

Es ist also nicht die Liebe allein, die dafür sorgt, dass unsere Partnerschaften gelingen. Es hängt auch viel mit unserer Persönlichkeit zusammen, der Bereitschaft zu Wachstum und nicht zuletzt der Fähigkeit, gut zu kommunizieren.

Vier Kriterien, die durchaus entscheidend sind

Fast 95 Prozent aller Menschen wünschen sich Schätzungen zufolge eine glückliche Partnerschaft. Ein Grund, warum Psychologen, Soziologen und Anthropologen seit Jahrzehnten versuchen, zu ergründen, warum manche Paare dies erreichen und andere immer wieder scheitern. Bis heute gibt es keine allgemeingültige Formel, wann die Liebe gelingt. Zu kompliziert sind einzelne Konstellationen, die Liebe am Ende doch zu unberechenbar. Aber es gibt vier Kriterien, die durchaus entscheidend sind:

Das erste ist ein gesundes Selbstvertrauen. Es ist also essenziell, dass wir zunächst eine gute Beziehung zu uns selbst führen – und nicht erwarten, dass jemand anderes uns das gibt, was uns eigentlich selbst schon immer fehlt. Der Psychologe und Paartherapeut Guy Bodenmann von der ETH Zürich hat in seiner Forschung herausgefunden, dass die Fähigkeit, sich zu binden, sehr stark mit unserem Selbstbewusstsein verknüpft ist. „So wie ich bin, liebt man mich“ – diese innere Überzeugung helfe, stabile Beziehungen zu führen. Je stabiler jemand innerlich selbst sei, desto bessere Beziehungen führe er – auch weil derjenige zur Not gut mich sich allein sein könne.

„Ähnlich heißt aber nicht gleich“

Dennoch hänge vieles auch von der „Passung“ ab, sagt Bodenmann. Wir müssen mit jemand die gleichen Werte, Normen und Einstellungen teilen, damit wir auf Dauer glücklich sein können – eine alleinige körperliche Anziehung, wie wir sie in Phasen der Verliebtheit spüren, sagt wenig darüber aus, ob wir mit der Person später auf Dauer glücklich werden. „Ähnlich heißt aber nicht gleich“, gibt Bodenmann zu Bedenken. Aber wenn der eine seinen Urlaub lieber am Meer verbringe, der andere aber in den Bergen, der eine gerne Kinder möchte und der andere nicht, dann entstehe viel Reibung.

Das zweite Kriterium ist, die Fähigkeit mit Konflikten und Krisen gut umgehen zu können und den anderen nicht damit alleine zu lassen. In einer Partnerschaft sind wir selten über die Dauer des Lebens hinweg eine isolierte Insel – auch von außen prasseln immer wieder Dinge auf uns ein, die eine Beziehung gefährden können. Entscheidend ist also, wie gut wir Krisen meistern können, wenn der Partner zum Beispiel den Job verliert oder schwer krank wird, Todesfälle oder andere Schicksalsschläge wegstecken muss. „Für eine stabile Partnerschaft ist das sogenannte dyadische Coping entscheidend“, sagt Bodenmann. Je besser der Einzelne oder das Paar gemeinsam Stress bewältige, desto glücklicher und stabiler sei auch die Beziehung am Ende.

Mikrostress ist gefährlicher als Makroprobleme

Die Forschung habe gezeigt, dass Beziehungen an Makroproblemen wachsen könnten wie zum Beispiel der Coronapandemie. „Sie kam unerwartet von außen, stellte das Leben von Paaren und Familien auf den Kopf. Doch vielen gelang es, diese Krise gemeinsam unbeschadet zu überstehen“, sagt Bodenmann.

Was machen sie richtig? „Viele Paare mobilisieren in diesen Momenten ihre Kräfte zusammen“, sagt Bodenmann. Gefährlicher sei daher, der sogenannte Mikrostress. „Die täglichen Banalitäten, die uns aufreiben können.“ Und dabei ist die Kommunikation untereinander ein wesentlicher Punkt: Bei Stress und Konflikten geht es immer darum, mit dem Partner nicht über den Auslöser an sich zu sprechen, sondern die tieferen Gefühle, die sich dahinter verbergen. Zum Beispiel: Warum verletzt es mich so sehr, wenn ich gegen meinen Willen versetzt werde? Warum grüble ich tagelang über eine blöde Bemerkung meines Chefs? „Wir müssen uns genau erklären. Nur wer sich öffnet, kann Empathie erfahren“, sagt Bodenmann.

Stabile Beziehung beruht auf Nähe und Vertrauen

Damit sind wir beim dritten Kriterium: Wertschätzung. Im Alltagstrott dürfen wir nicht vergessen, unserem Partner immer wieder unsere Wünsche, Ziele, aber auch unsere Sorgen und Ängste mitzuteilen. Sonst verlieren wir die emotionale Basis, die wir uns aufgebaut haben. Das hat auch viel eben auch viel Wertschätzung zu tun: den anderen ernst zu nehmen und offen gegenüber seinen Gefühlen zu sein.

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Eine stabile Beziehung beruht auf Nähe und Vertrauen – nicht allein auf Leidenschaft. Nähe herzustellen kann man gezielt und bewusst machen. Der US-Psychologe Arthur Aron hat vor Jahren 36 Fragen der Liebe entwickelt – und in einer Studie herausgefunden, dass sich Paare eher ineinander verlieben, wenn sie zu Beginn schon tiefsinnige, intime Gespräche führen.

Selbstoffenbarung – und ihre Erwiderung

Die Beteiligten lasen in der Untersuchung dem anderen wechselseitig die Fragen vor und antworten dann nacheinander. Der Grad der Intimität steigt mit den Fragen nach und nach an: Was ist die größte Errungenschaft in deinem Leben? Wann hast du zuletzt vor anderen Personen geweint und warum? Es geht um Selbstoffenbarung – und um ihre Erwiderung. Ein Drittel der Teilnehmer stufte die im Labor geknüpfte Verbindung nach der Befragung sogar als enger ein als die bisherige engste Beziehung im Leben.

Inzwischen gibt es längst auch Fragenkataloge im Internet für Paare, die schon länger zusammen sind. Und ja, dass macht etwas mit einer Beziehung, wenn man sich seine innersten Geheimnisse und Wünsche anvertraut. Wir fühlen uns dem anderen näher.

Bedürfnis nach Nähe und Distanz

Nicht zuletzt, viertens, ist es entscheidend wie Paare in der Lage sind, das Bedürfnis nach Nähe und Distanz auszutarieren. So haben Psychologen um Franz Neyer und Christine Finn von der Universität Jena im Rahmen des 2008 gestartete Beziehungs- und Familienpanel pairfam untersucht, wann eine Partnerschaft von Dauer ist. Über sieben Jahre hinweg befragten sie rund 2000 Paare in regelmäßigen Abständen zu deren Beziehung. 16 Prozent trennten sich im Lauf der Studie, wie die Forschungsgruppe 2020 berichtete.

Die beste Prognose hatten demnach Partner mit einem ähnlichen Nähe-Distanz-Bedürfnis – in dem Sinne, dass sie einander gleichermaßen Freiheiten zugestanden und eigene Interessen verfolgten. Auf Dauer ist es also für eine Beziehung nicht gerade gesund, immer nur ein „Wir“ zu leben. Stabiler ist eine Partnerschaft, wenn wir dem anderen Freiraum lassen, sein eigenes Leben zu leben.

Alle Paare stürzen hin und wieder in Krisen

Der Schweizer Psychiater Jürg Willi nennt das „Koevolution“: Nichts befördere die Entfaltung der Persönlichkeit so sehr, wie eine Liebesbeziehung, in der die Partner sich gegenseitig fordern und das Reifen des Gegenübers nicht als Bedrohung begreifen.

Aber, wo Liebe ist, da gibt es immer auch Zweifel – alle Paare stürzen hin und wieder in Krisen, fühlen sich unentschlossen dem anderen gegenüber und sind nicht immer ehrlich und aufrichtig zu einander. Aber Krisen und Schicksalsschläge gemeinsam zu überwinden und verlorenes Vertrauen wiederaufzubauen, kann eine Partnerschaft auch stärken – wenn wir in der Lage sind, immer wieder zu verzeihen.

Edward Haslatt, dem Protagonisten aus Pearl S. Bucks „Die große Liebe“, gelingt dies durch seine Therapie und die Arbeit an sich selbst. Am Ende fängt er wieder an zu leben – und auch die Liebe zu Margarete kommt zurück.

Liebe und Verstand schließen sich nicht aus

Wolfgang Krüger schreibt dazu, der Roman zeige, wie wichtig es sei, dass sich Liebe und Verstand nicht ausschließen. Wir müssten bereits die Partnerschaftswahl sehr genau planen, damit die Liebe gelingt. Welche Eigenschaften sind uns wichtig? Welche haben wir selbst? Aber auch: Welche Belastungen bringen wir mit in die Beziehung? Und ist der andere stark genug, mit diesen umzugehen? „Leider machen wir uns darüber meist zu wenig Gedanken und erleben die Liebe wie eine Himmelsmacht, die uns zustößt“, schreibt Krüger.

Man kann die Liebe zwar nicht bis ins letzte Detail ergründen – aber sie ist auch nicht nur Magie, der wir hilflos ausgeliefert sind. Ganz vieles haben wir selbst in der Hand.

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