Liebes-Erklärung: Sexuelle Anziehung Wie Lust auf Sex in langjährigen Beziehungen erhalten bleibt

Die meisten Beziehungen leben immer in dem Spannungsfeld zwischen Nähe und Autonomie. Foto: Unsplalsh/Jernej Graj

Langeweile in der Langzeitbeziehung? Viele glauben, dass eine zunehmende Vertrautheit die Leidenschaft schwinden lässt. Doch es gibt Wege, die sexuelle Anziehung und Spannung lange zu erhalten.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Zu Beginn einer Beziehung ist es fast ein Selbstläufer: In der Euphorie der Verliebtheit können die meisten Paare kaum voneinander lassen. Sexuelle Anziehung entsteht oft aus auch aus einer noch gegenseitigen Unsicherheit heraus. Je mehr uns der Partner oder die Partnerin vertraut ist, desto mehr lässt das Verlangen nach. Mit zunehmender Vertrautheit kehrt oft auch sexuelle Langeweile in die Beziehung ein. Aus Verliebtheit wird Liebe – es wird alltäglicher.

 

Das ist auch völlig normal laut wissenschaftlichen Studien: Je länger eine Beziehung andauert, desto weniger haben Partner:innen das Gefühl, sich gegenseitig ihre Liebe beweisen zu müssen. Dies geschieht zu Beginn einer Beziehung häufig über Sex.

Doch muss das immer so sein? Der amerikanische Psychologe und Sexualtherapeut David Schnarch war da anderer Meinung. In seinem Buch „Die Psychologie sexueller Leidenschaft“ schreibt er, dass Liebesbeziehungen uns zu einer „Differenzierung des Selbst“ herausfordern. Man müsse lernen, sich seinem/seiner Partner:in gegenüber mit „echten Gefühlen zu zeigen und in der Intimität bei sich selbst zu bleiben“.

In einer langen Beziehung lässt die Leidenschaft nicht immer nach

Intimität und enge Bindung müssen laut Schnarch absolut nicht dazu führen, dass die Sexualität in der Beziehung einschläft, im Gegenteil. Aus seiner Sicht gibt es eine Sache, die dazu beiträgt, dass die Leidenschaft in einer Beziehung erhalten bleibt: „Die Autonomie der Partner muss gesichert bleiben.“ Erst dies eröffne beiden die Möglichkeit, ihre Beziehung lebendig und sexuell erfüllt zu leben – auch nach Jahrzehnten noch.

Aber was bedeutet das? Die meisten Beziehungen leben immer in dem Spannungsfeld zwischen Nähe und Autonomie – allerdings bedeutet eine enge Nähe nicht zwangsläufig den Verlust der eigenen Autonomie. Viele Paare neigen jedoch dazu, miteinander zu verschmelzen, sie wollen eins werden und leben nur noch durch den anderen. Die meisten Beziehungsprobleme – und dazu gehört eine erfüllte Sexualität eben auch dazu – seien nicht durch das „Erlernen von Fertigkeiten und Techniken zu lösen, sondern durch Reifungsschritte“, schreibt Schnarch.

Man muss also nicht immer gleich den oder die Partner:in wechseln, wenn der Sex nicht mehr läuft. Vielmehr hilft es, an sich zu arbeiten – und dann gemeinsam mit dem Partner:in an der Beziehung. David Schnarch ist in der Sexualforschung vor allem für seine „four points of balance“ bekannt geworden. Dabei geht es um grundlegende Fähigkeiten, die für die Erhaltung unseres emotionalen Gleichgewichts sehr zentral sind – und für das Funktionieren einer Beziehung.

Wer mit sich selbst im Reinen ist, hat auch besseren Sex

Schnarch war überzeugt davon, dass diese Fähigkeiten unser sexuelles Verlangen beeinflussen – und gleichzeitig unsere Fähigkeit, dieses Verlangen auszudrücken. Die „Four points of Balance“ sind laut Schnarch:

Erstens, ein stabiles Selbst: Das ist die Fähigkeit, sich über die eigene Person und die eigenen Ziele und Wünsche im Klaren zu sein – und dies auch zu bleiben. Zweitens, ein stiller Geist: Wer sich selbst beruhigen und trösten kann, kann seine Ängste, Empfindungen und Emotionen regulieren – man kann sich besser an Lebensumstände anpassen und ist damit auch unabhängig von anderen. Drittens, ein maßvolles Reagieren: Damit meint Schnarch die Fähigkeit, ruhig zu bleiben und nicht über zu reagieren. Und viertens, eine sinnvolle Beharrlichkeit: Das ist laut Schnarch die Fähigkeit die Bemühungen zu intensivieren, um Probleme in der Beziehung zu lösen.

Letztlich tragen diese vier Punkte dazu bei, unsere Fähigkeit zur Differenzierung zu erhöhen. Dadurch fällt es uns auch leichter, zu akzeptieren, dass der/die Partner:in anders ist als wir selbst und dass seine Wünsche nicht immer mit unseren übereinstimmen.„Emotionale Verschmelzung und Differenzierung sind Gegensätze“, schreibt Schnarch. Denn, emotionale Verschmelzung sei „Verbundenheit ohne Individualität“. Das heißt etwas einfacher ausgedrückt: Man bleibt sich selbst nicht mehr treu, wenn man mit dem Partner*in zu sehr verschmelzt.

Sagen, was man will

Und das ist oft der größte Schaden für eine Beziehung – und für die sexuelle Leidenschaft. Auch die deutsch-dänische Sexologin und Sexualtherapeutin Ann-Marlene Henning sagte kürzlich bei einem Vortrag in Stuttgart zum Thema: „Der wichtigste Faktor in einer Beziehung ist, zu sich selbst zu stehen.“ Wir alle seien „Bindungswesen“, aber viele verwechselten Verschmelzung mit Bindung. „Echte Verbindung entsteht, indem ich sage, was ich will – auch im Bett. So baut sich Nähe auf“, sagte Henning. Dazu solle man sich auch immer wieder die Frage stellen: Wer bin ich als sexuelles Wesen? „Im Bett muss man nicht reden, sondern oft einfach zeigen.“

Scham überwinden – Selbstbewusstsein aufbauen

Wer ein zufriedenes Sexleben will, muss sich von dem anderen immer ein Stück weit unabhängig machen. „Wir verspüren kein sexuelles Verlangen nach einem Partner, den wir ständig bestätigen müssen“, schreibt Schnarch. Und, wer über ein entsprechendes Selbstbewusstsein verfügt, der überwindet dann auch häufiger die eigene Scham. „Scham verhindert nämlich guten Sex“, so Schnarch. Denn, „das eigentlich Schwierige ist ja, die eigenen erotischen Vorlieben und Eigenarten dem anderen zu offenbaren.“ Dazu gehöre auch, das eigene Repertoire an sexuellen Aktivitäten ständig zu erweitern – und immer wieder Neues auszuprobieren.

Und dieser Mut ist laut einer Studie der Universität Göttingen auch recht erfolgversprechend. Sowohl Männer als auch Frauen wären laut der Erhebung durchaus bereit, ihren Partner:innen Wünsche zu erfüllen – wenn sie denn davon wüssten. Dies fand der Forschungsleiter Ragnar Beer bei seinem Onlineprojekt Theratalk heraus – bei diesem Spiel klicken sich die beiden Partner durch verschiedene Dinge, die sie gerne mal ausprobieren wollen.

Mangel an Intimität kann zu nachlassender Anziehung führen

Oft ist es also gar nicht die Langeweile, die zu weniger Sex führt, sondern ein Mangel an Intimität und offener Kommunikation über die eigenen Wünsche. Liebe braucht für die meisten Menschen Nähe: körperlich und emotional. Je mehr wir uns aber zum Beispiel in unserer Beziehung ständig gegenseitig verletzen oder missachten, desto mehr schwindet auch die Leidenschaft.

Kuscheln und reden verbessert auch den Sex

Eine Studie der University of Indiana fand noch einen Aspekt heraus, der den Unterschied macht. Justin Garcia erforschte dazu das Sexleben von rund 1000 Studienteilnehmern. Ihr Ergebnis: Auf den ersten Blick schien bei den sexuell besonders glücklichen Paaren alles genauso abzulaufen, wie bei den Paaren, die angaben, mit ihrem Sexleben unzufrieden zu sein. Aber was machte die eine Gruppe anders? Küssen, streicheln, Sex – auf den ersten Blick zeigten die Daten keinen nennenswerten Unterschied. Der Unterschied, den Garcia fand, zeigte sich im Drumherum: Die sexuell zufriedenen Paare gaben an, während und nach dem Sex miteinander zu reden – und ausgiebig zu kuscheln. Dies fehlte beides bei den Unglücklichen.

Kristen Mark von der University of Kentucky bestätigte diese These. Sie ging mit ihrem Team der Frage nach, unter welchen Bedingungen Menschen glücklich mit ihrem Sexleben waren. Den stärksten Einfluss hatten tatsächlich Intimität und Kommunikation. Ein dritter Faktor, den Mark fand: Man müsse sich mit dem Partner sicher fühlen. Ihr Fazit: „Safety is sexy“. Und: „Wir wissen, dass kleine zärtliche Berührungen im Alltag dafür allerlei positive Effekte haben.“ Oft bekommen wir aber zu wenig davon: Mehr als ein Drittel der Studienteilnehmer:innen beklagte, zu wenig Körperkontakt im Alltag zu haben. 21 Prozent der Paare hatten überhaupt keinen Sex mehr.

Emotionale Vernachlässigung lässt das Bedürfnis nach Sex schwinden

Die Sexual- und Beziehungsforscherin Mark hat gemeinsam mit ihrer Kollegin Julia A. Lasslo auch die Ergebnisse von 64 weltweiten Untersuchungen zum Thema „Sex in langjährigen Beziehungen“ in einer Meta-Analyse zusammengefasst. Ihre Erkenntnis ist tatsächlich auch: Die Lust auf Sex schwindet nicht zwangsläufig, je länger die Beziehung dauert. Und selbst, wenn sie nachlasse, sei es nicht unbedingt das Ende der Beziehung, so die beiden Forscherinnen. Es liege nicht an der Dauer, sondern an der Beziehung selbst. Ein häufiger Grund, ist emotionale Vernachlässigung und den/die Partner:in als zu selbstverständlich zu sehen. Diese Faktoren setzten den Frauen übrigens mehr zu als den Männern.

Einen langjährigen Mythos konnten die beiden aber widerlegen: Es stimme nicht, dass Frauen generell weniger Lust auf Sex hätten als Männer. Und sie konnten die Theorie von David Schnarch wissenschaftlich belegen: Je länger die Paare in ihrer Beziehung unabhängig und selbstständig bleiben, desto länger blieb die sexuelle Leidenschaft erhalten.

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