Beispielsweise Taxifahrer. Es scheint wohl ein ungeschriebenes Gesetz zu sein, dass Autofahren das Schlimmste in einem Menschen hervorbringen kann. In der Sicherheit des Blechkastens neigt man eher dazu, mal den Mittelfinger auszufahren oder die Mutter eines Verkehrsteilnehmers auf eine diffamierende Weise dem Sexgewerbe zuzuordnen. Wenn es jedoch jemandes Beruf ist, den ganzen Tag in so einem Umfeld zu verbringen und mitunter auch mit unhöflichen, pöbelnden oder betrunken Fahrgästen auf engstem Raum konfrontiert zu werden, dann steigt die Gefahr für einen Roadrage mitunter erheblich. Mit so jemandem, will man sich nicht anlegen. Also lasst die Mittelfinger bei Taxifahrern lieber unten!
Die neue Gefahr auf der Straße
Nun ist es aber auch so, dass die ökologische Verkehrswende nicht unbedingt vor Pöbeleien schützt. Soll heißen, dass auch Fahrradfahrer sich nicht zu schade sind, mal den anderen als Armleuchter zu bezeichnen, wenn er einen auf der Eberhardstraße mit einem SUV überholt.
Und auch hier hat sich in den letzten Jahren eine Gattung Radler herauskristallisiert, die gnadenloser und aggressiver auftritt als alle anderen. Und das sind diejenigen, die wohl ebenfalls zu viel Zeit auf der Straße verbringen: die Essenslieferanten.
Das Fatale hier ist, dass ihre Fahrt sich nicht nur auf die Straßen beschränkt, sondern auch auf die Bürgersteige und Fußgängerzonen. Also die Bereiche in bester zentraler Lage, wo sich unsere Lieblingsessenspots nun mal befinden. Eben jene Gastronomen, deren Essen man auch mal auf dem Sofa Essen will, ohne den Weg durch den gefährlichen Stuttgarter Verkehr auf sich nehmen zu müssen. Dafür beauftragen wir unsere Freunde auf den Elektrorädern mit ihren Uniformen von Lieferdiensten wie Lieferando, Uber Eats und Wolt Food. Und das nicht ohne Konsequenzen für die anderen Teilnehmer des öffentlichen Lebens.
Die Gefahr für alle Beteiligten steigt dadurch, dass wir ungeduldig zu Hause sitzen und auf unser Essen warten, das nie schnell genug da sein kann. Wir können die Boten tracken und per Timer verfolgen, wie lange das Essen theoretisch noch braucht. Lässt die Lieferung zu lange auf sich warten oder erwischen die Kunden ihre Lieferanten dabei, wie sie zufällig an einem berühmten Kaffeespot genau so lange stehen, wie es dauert, sich einen Flatwhite mit Hafermilch zu bestellen, drohen schmerzhafte Konsequenzen für die Fahrer: Schlechte Bewertungen und schlechtes Trinkgeld, verweigerte Essensannahmen, weil es zu lange dauert.
Arbeit unter enormem Druck
Die Möglichkeiten, Lieferando und Co. und die Fahrer zu bestrafen, sind wirklich groß. Das Fatale ist eben auch, dass die Jobs unter sehr schwierigen Bedingungen ausgeübt werden. Die Fahrer sind bei Wind und Wetter unterwegs und dass man so viele ihrer Arbeitsschritte detailliert verfolgen kann, macht ihren Job ebenfalls prekär.
Wir erhöhen den Druck auf die Fahrer und die schieben ihre Räder dann eben nicht durch die Fußgängerzone, wie es das Ordnungsamt vorschreibt, sondern brettern volle Kanne durch. Man kann mal drauf achten, mit was für einem irrwitzigen Tempo die Fahrer von den bekannten Burgerspots losfahren. Da heißt es nur, ihnen aus dem Weg zu gehen und sie bloß nicht anzupöbeln.
Ein Mittel gegen Hangriness
Der Leistungsdruck ist den Fahrern auf die Stirn geschrieben. Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg aus dem April hatte ergeben, dass Beschäftigte von Lieferdiensten besonders häufig kündigen oder gekündigt werden. Einer der Gründe, warum die Mitarbeiter nicht so lange mitmachen, sei, dass eben der Leistungsdruck zu hoch sei. Laut der Studie gaben Beschäftigte von Lieferdiensten unter anderem an, im Falle einer Kündigung auch wegen Unzufriedenheit über die erbrachte Arbeitsleistung gekündigt worden zu sein.
Wer also zu Hangriness neigt (Kombination aus Hunger und Wut) und sich mit niedrigem Blutzuckerspiegel zu einer schlechten Bewertung für seinen Essenslieferanten verleiten lässt, sollte wissen: Das geht nicht nur auf Kosten des Fahrers oder der Fahrerin, sondern auch auf die der öffentlichen Sicherheit. Also macht euch lieber noch ein Brot, bevor das Essen kommt, entspannt euch und werft etwas Traubenzucker ein. Zum Wohle aller.