Auf der IAA präsentierte BMW auch Fahrzeuge mit alternativen Antrieben. Foto: Imago/Arnulf Hettrich
BMW ist durch ein mangelhaftes Bremssystem von der Erfolgsspur abgekommen. Viele Autos können nicht ausgeliefert werden. Nun will der Mercedes-Vertrieb diese Lücke gezielt für sich nutzen.
Die Zeit der Lieferengpässe in der Autobranche ist vorbei. Allerdings bringen Qualitäts- und Produktionsprobleme die Produktion vermehrt zum Stocken. Nachdem in den vergangenen Monaten Mercedes erhebliche Probleme wegen ausbleibender Lieferungen von 48-Volt-Batterien hatte, sind nun beim Rivalen BMW mehr als 1,5 Millionen Fahrzeuge von mangelhaften Bremsen betroffen. Dies will sich Mercedes nun zunutze machen.
Die Neue Klasse ist das technologische Vorzeigeprojekt von BMW. Foto: AFP/Tobias Schwarz
Der Stuttgarter Autohersteller Mercedes-Benz plant, beim Konkurrenten BMW gezielt Kunden abzuwerben, indem man dessen Lieferengpässe für Zwecke des eigenen Vertriebs nutzt. „Wir von Mercedes-Benz erfreuen uns nicht an den Problemen unserer Wettbewerber“, heißt es in einem Schreiben, das unter anderem von einem hochrangigen Manager der inländischen Verkaufsorganisation unterschrieben ist. Solche Nachrichten seien „für alle Marktteilnehmer keine, die wir uns wünschen“. Zuerst hatte über das Schreiben das Onlinemedium „Business Insider“ berichtet.
Zugleich wird der breite Kreis der Adressaten aufgefordert, die Krise zu nutzen, indem BMW-Kunden mit gezielten Angeboten zum Kauf eines Mercedes veranlasst werden. „Bitte nutzen Sie Ihre Kundendatenbanken, um insbesondere bei aktuellen Wettbewerbsfahrern ein passendes Angebot aus unserem Produktportfolio (…) zu unterbreiten.“ Weiter heißt es, „uns ist es wichtig, dass alle Kunden im deutschen Markt mobil bleiben können und daher helfen wir gerne mit Fahrzeugen aus unserem Hause aus“. Der Brief ging an Vertriebsdirektoren, Verkaufsleiter, Inhaber, Geschäftsführer und Vorstände der Vertriebsdirektion und der autorisierten Verkaufsagenten.
Mehr als 1,5 Millionen BMW betroffen
In dem Schreiben wird ausdrücklich auf „Informationen zu aktuellen Lieferengpässen bei unseren Wettbewerbern“ aus der vergangenen Woche verwiesen. Am Dienstag vergangener Woche hatte BMW öffentlich über gravierende Lieferengpässe und anstehende Rückrufe berichtet, die insgesamt mehr als 1,5 Millionen Fahrzeuge betreffen. Grund dafür sei, dass ein von einem Zulieferer – offensichtlich geht es um Conti – produziertes Bremssystem Mängel aufweist. Laut BMW kommt es dadurch auch zu Auslieferungssperren für Fahrzeuge, die sich noch nicht in Kundenhand befinden.
Da die Bremsen offenbar in einer breiten Palette von Fahrzeugen eingesetzt werden, dürfte eine größere Vielfalt von Kundenwünschen vorerst nicht bedient werden können. Betroffen sind sowohl Verbrenner- als auch Elektrofahrzeuge. Die Probleme werden BMW nach eigener Prognose mit einem hohen dreistelligen Millionenbetrag belasten und als so gravierend eingeschätzt, dass das Unternehmen die Bekanntgabe mit einer Gewinnwarnung verband.
Anstelle von acht bis zehn Prozent erwartet das Unternehmen nun nur noch eine Umsatzrendite von sechs bis sieben Prozent. Bei den Auslieferungen rechnet das Unternehmen nun mit einem Rückgang anstelle wie bisher mit einem Anstieg. In diese Lücke will nun Mercedes springen, indem man gezielt auf BMW-Kunden zugeht.
Mercedes: Ein branchenüblicher Vorgang
Mercedes erklärte unserer Zeitung zu dem Brief, Kunden zu akquirieren und Neukunden anzuwerben, sei „ein branchenüblicher Vorgang. Es gehört zum kleinen 1x1 eines jeden Vertriebspartners, seinen Kundinnen und Kunden jederzeit passende Angebote unterbreiten zu können.“ Man denke „im Interesse aller Kundinnen und Kunden. Es ist uns wichtig, unseren Kundinnen und Kunden jederzeit ein passendes und attraktives Angebot machen zu können.“