Literaten-Treffen in Welzheim Die Gruppe 47 vor 75 Jahren: Es war einmal im dunklen Wald
1951 traf sich die Gruppe 47 in der Laufenmühle. Schriftsteller lasen aus ihren Werken – um sich dann der schonungslosen Kritik ihresgleichen zu stellen.
1951 traf sich die Gruppe 47 in der Laufenmühle. Schriftsteller lasen aus ihren Werken – um sich dann der schonungslosen Kritik ihresgleichen zu stellen.
Im Welzheimer Wald hat Hans Werner Richter seine liebe Müh mit den Literaten. „Wolfdietrich Schnurre tanzte am Abend mit Rolf Schroers. Und ihr Tanz glich einer Darbietung von zwei Hexenmeistern. Wahrlich, ich hatte meine Not, dies alles unter Kontrolle zu halten.“
In der gleichen Nacht klopft Ilse Aichinger an seine Tür: Da sei ein nackter Mann in ihrem Zimmer. Als der Chef nach dem Rechten sieht, ist der Nackte schon weg, aber eine Sofadecke merkwürdig aufgebauscht. Darunter kommt ein etwas derangierter Heinrich Böll zum Vorschein, angezogen.
Vom 18. bis 20. Oktober 1951 tagte die sagenhafte Gruppe 47 in Welzheim. Zum Frühjahr hatte man sich noch im lieblichen Bad Dürkheim zusammengefunden. „Waren die Tage im Mai voller Sonne und Fröhlichkeit gewesen“, resümiert Richter später, „so geriet das Treffen in der Laufenmühle ins Makabre und Hektische. Manchmal erschien es mir, als hätte dieses Heim alle angesteckt.“
Die Laufenmühle, das sind heute bunte Häuserfassaden und moderne Behinderten-Werkstätten der Christopherus Lebensgemeinschaft. Auch Ausflügler kommen gerne in das Naturidyll, besuchen den Pfad der Sinne mit Kunstinstallationen oder die Kaffeerösterei, das Restaurant, Festivals.
Damals empfängt die Schriftsteller eine drückende Kulisse. Alles ist zugewuchert von dichtem Wald, finster und feucht. Das Haus, in dem Geisteskranke leben, wie auch die Literaten damals noch sagen, gehört dringend instand gesetzt.
Der Weltkrieg ist gerade sechs Jahre vorbei. Die Gruppe 47 gibt es seit vier Jahren: Hans Werner Richter und Alfred Andersch wollten 1947 im kleinen Autorenkreis eigentlich nur ein Zeitschriftenprojekt besprechen. Eher zufällig wird daraus eine Institution, die Nachkriegsgeschichte macht.
Den Ablauf bestimmen schon bald feste Rituale: Der jeweilige Autor sitzt am Tischchen neben Richter auf dem, wie man sagt, elektrischen Stuhl und liest aus seinem Manuskript. Die anderen fächern sich dicht gedrängt um ihn, kultivieren ihre Zuhörposen, rauchen den Tabak nur so weg. Danach folgt, ohne Zeit zum Verdauen, eine Sofortkritik, an der sich bis dahin nie gekannte Debattenfieber entzünden, rustikal bis rigoros im Ton. Jedes Wort wird gewogen, jeder Satz abgeklopft, jeder unnötige Zierrat weggetadelt. Der Autor hat dabei zu schweigen.
Wie soll man deutsche Literatur wieder lebendig machen? Wie völkisch-heroische Schönschreiberei hinter sich lassen? Wie aus dem Vakuum zu einer Wahrheit des Ausdrucks zurückfinden? Kann man in der Stunde Null von Heimat dichten? Wo darf man überhaupt anknüpfen? Gelingt der Neuanfang nur mit „Kahlschlagliteratur“? Einer radikal auf Sachlichkeit reduzierten Sprache?
Aber die Gruppe 47 will ja mehr: Üben, wie man miteinander umgehen kann. Kontroversen auskämpfen, ohne den anderen zu zerfleischen. Sich am Tag hart anfassen in der Sache – und am Abend zusammen ein paar Flaschen Remstal-Trollinger leeren.
Geführt wird die Gruppe autokratisch. Hans Werner Richter ist ein Großmeister des Ausgleichs, aber auch unangefochtener Literaturfürst für drei Tage. Er leitet die Teilnehmer sicher an der langen Leine. Er allein entscheidet, wer eingeladen wird. Keine Satzung, kein Programm. Keine Grußrede, keine politische Diskussion. Nur Text und Kritik.
Der Krieg sitzt noch allen in den Knochen. Die Autoren sind aus Trümmerfeldern oder innerer Emigration gekrochen, heimgekehrt aus Gefangenschaft oder Exil. Wie geht es jetzt weiter? Im Sinne Günter Eichs? „Der Schriftsteller, der nicht zerstreuen, sondern wirken will, muss den Mut aufbringen, auch gegen den Leser zu schreiben. Stil ist kein Schlafpulver, sondern ein Explosivstoff.“
Eich ist auch in der Laufenmühle. Walter Jens bietet hier als Autor eine Probe seiner „gläsern-spröden Prosa“, wie es in einem Zeitungsartikel heißt. Eine Handvoll Journalisten berichten über das Treffen, darunter Martin Walser als Jungreporter des SDR. Die Übertragung funktioniere gut, soll er zu Hans Werner Richter gesagt haben, aber was gelesen werde sei Mist, er könne es besser. Walser bestritt immer, dass ihm je solche Worte über die Lippen gekommen seien. Zwei Jahre später ist er als Autor eingeladen.
Die Stuttgarter Zeitung berichtet am 26. Oktober 1951: „Bei den Proben, welche die Schriftsteller aus ihren Werken vorlasen, bei den sich daran entzündenden Diskussionen und bei den Gesprächen, die sich bis tief in die Nacht hinein anschlossen, war nichts von poetischer Zurückgezogenheit, nichts von wehleidiger Selbstbespiegelung, nichts von verquollener Innerlichkeit zu spüren. So verschieden die geistige Herkunft der Teilnehmer auch war, die Ehrlichkeit der Aussage, der Mut zur Wirklichkeit, die Wachheit des Blickes und die Tapferkeit der Stellungnahme waren ihnen gemeinsam.“
Könnte man in einer Zeitkapsel 75 Jahre zurückreisen, Philipp Einhäuser, 42, würde gerne einsteigen. „Hans Werner Richter soll ja streng darüber gewacht haben, welche literarische Form eingehalten und wo bewusst mit der Tradition gebrochen wurde“, sagt er. „In gleicher Schärfe muss die wechselseitige Kritik stattgefunden haben.“
Sein Vater Dieter leitete mehr als 20 Jahre den Christopherus-Verein für Menschen mit Behinderung in der Laufenmühle. Zu seiner aktiven Zeit erforschte er auch die Geschichte dieses Orts– und mit ihm Sohn Philipp, der heutige Vorstandsvorsitzende. Er erinnert sich an mühselige, kleinteilige Recherchen, die am Ende doch oft ins Leere liefen. Nicht mal der damalige Bürgermeister habe gewusst, dass da mal ein Autoren-Treffen war in seiner Stadt. Selbst in den Chroniken der Gruppe 47 mussten sie Details zu Welzheim suchen „wie Nadeln im Heuhaufen“. Bis heute fanden sie kein Foto, das wirklich gesichert in der Laufenmühle aufgenommen wurde. So viel noch im Ungefähren.
Die Initiative für das Heim kam 1950 von drei alleinstehenden Frauen aus der Gegend. Sie verschrieben sich ganz der Pädagogik für die Schwächsten, nahmen in der alten Mühle geistig behinderte Kinder und Waisen auf. Immer wieder sollen hier auch Babys im Körbchen abgestellt worden sein.
Was suchten die Literaten hier? „Die Idee mit der Laufenmühle muss von Richter ausgegangen sein, Genaues haben wir nicht gefunden“, sagt Einhäuser. „Aber ein Signum aller Tagungsorte war damals: Sie sollten möglichst entlegen sein. Man wollte ohne äußere Störung in die Selbstverständigung, in eine eigene Wirklichkeit.“
1951 lebten in der Laufenmühle um die zehn behinderte Kinder. Überliefert ist, dass Ilse Aichinger (wohl in abendlicher Weinlaune) zur allgemeinen Belustigung aus den Aufnahmebedingungen für das Heim vorlas. „Es gab sicherlich das Bedürfnis, sich mit dieser Sonderwelt auseinanderzusetzen und zu verbinden“, sagt Einhäuser. „Aber auch die Autoren waren Kinder ihrer Zeit.“
Er hat den damaligen Tagungsraum im ersten Geschoss des heutigen Nebengebäudes ausgemacht. Schriftsteller und Heimkinder müssen im gleichen Haus, auf unterschiedlichen Etagen geschlafen haben. Bei Renovierungsarbeiten wurde mal ein Stück Tapete mit Blumenmustern freigelegt, die sehr wahrscheinlich aus jener Zeit stammt. Wegen Brandschutz ist das kleine Fenster zur Gruppe 47 nun wieder geschlossen.
„Die Autoren um Richter setzten damals einen Kulturimpuls, der auch für uns einen hohen Wert hat“, sagt Einhäuser. Er weiß aus Erfahrung: „Das Ringen um gegenseitiges Verständnis ist keine Kuschelveranstaltung, sondern oft mit heftiger Konfrontation verbunden.“ Heute arbeiten hier 135 Menschen mit Behinderung, 87 von ihnen leben in der Einrichtung. In einem Pavillon auf dem Gelände wird an die Gruppe 47 erinnert, deren Mythos sich auch von den dunkel beleuchteten Anfängen im Welzheimer Wald nährt.
Zwölf Jahre nach der Laufenmühle ist das Treffen im oberschwäbischen Saulgau schon ein Großereignis, das weit über deutsche Grenzen strahlt. Waren es anfangs 17, später 70 Teilnehmer, sind es jetzt 200. Noch immer beruft Richter die Teilnehmer wie Sepp Herberger seine Spieler für die Nationalelf. Auch die Kritiker haben sich jetzt zur Profimannschaft um Marcel Reich-Ranicki, Joachim Kaiser, Walter Jens, Hans Mayer gemausert, deren Performance die Wortgefechte prägt. Die Gruppe 47 ist eine Macht. Wer eingeladen wird, der gilt was im Literatur-Betrieb.
Nicht alle spielen mit. Für Thomas Mann ist die Gruppe 47 eine „pöbelhafte Rasselbande“. Der konservative Journalist Günter Blöcker spricht von „unmenschlicher Atmosphäre mit anschließendem kritischen Gemetzel“ und vergleicht das Debatten-Gehabe mit „Mannbarkeitsriten gewisser primitiver Völkerstämme“. Der Verleger Heinrich Maria Ledig-Rowohlt legt seinem Autor Arno Schmidt höflichst ans Herz, doch der Einladung Richters zu folgen. Lockt damit, dass ja Reise und Spesen bezahlt würden. Auch habe er so etwas läuten hören, als wolle man Schmidt den Gruppenpreis erteilen. Der will trotzdem nicht: „Lassen Se man, ich eigne mich schlecht als literarisches Mannequin. Geben Sie Ihren Autoren lieber jährlich einen aus“, schreibt er zurück. „P. S.: Muss man bei der Gruppe auch singen, oder braucht man nur nackt vorzulesen?“
Der Publizist Sebastian Haffner gibt in seiner TV-Dokumentation der Saulgau-Tagung einen seltenen Einblick in die Tiefen des Gruppe-47-Kosmos: Was ist zur vorgelesenen Geschichte der Autorin Ruth Rehmann über eine Veteranenprozession zu sagen? Heinz von Cramer findet, dass die sprachlichen Bilder aus dem Milieu entwickelt sind und nichts aufgepfropft wird. Der Text sei nicht brav, sondern ganz starker Tobak. Reinhard Lettau findet den Text eine Idee zu direkt. Günter Grass sieht, ob gewollt oder nicht, die Stillage der Unterhaltungsliteratur, aber für sein Gefühl ganz daneben, blass und langweilig. Rehmanns flirrender Expressionismus werde nur ab und zu mal draufgesetzt, ansonsten leider rundum verwaschen. Carl Amery findet, der typisch weißblaue Lyrismus wirke satirisch. Er sieht den Fluch aller in Bayern zugereisten Literaten am Werk, nämlich eine Empathie, die das Mittelmaß, von dem Grass rede, mitbestimmt. Heinz von Cramer findet es eine Elitenbildung im Schreiben, wenn man die Unterhaltungsliteratur nicht in die Literatur aufzunehmen bereit sei. Erich Fried findet es traurig, dass man sich mit so was beschäftigen muss. Das sei aber keine Elitenbildung, sondern ein Sich-Eingestehen bestehender Zustände. Würde er den Text als ein Bemühen um die Erweiterung des Sagbaren betrachten, müsse er sagen, dass es nicht funktioniere. Cramer hält das alles für eine Bankrotterklärung der Literatur.
Haffners Bilanz 1963: „Schriftsteller ist ein einsamer Beruf. Er sitzt allein und schreibt für Leser, die er nicht kennt. Mir scheint, in der Gruppe 47 wurde eine Form gefunden, wie Schriftsteller zusammenwirken können. Und ich habe den Eindruck, dass es der deutschen Literatur nicht schlecht bekommen ist. Auch der Politik. Denn das ist ja wahr: Dass solche freien und spontanen, autonomen Zusammenschlüsse der eigentliche Wurzelboden der Demokratie sind.“
So plötzlich die Gruppe 47 entstand, löst sie sich auf. Die letzte reguläre Tagung ist 1967 in einer oberfränkischen Wirtschaft. Im Jahr darauf verschickt Richter einfach keine Einladungen mehr. Die gesellschaftliche Verwerfung im Zeichen der Studentenrevolte erfasst auch die Gruppe 47. Der Chef hat alle Hände voll zu tun, seine Tagung nicht zum Polit-Happening machen zu lassen. Mit der Diskursfähigkeit, die man hier im Kleinen ausloten wollte, ist es nicht mehr weit her. Draußen im Großen schon gar nicht.
Und auch literarisch hat man etwas den Anschluss verpasst. Eine neue Autoren-Generation ist herangewachsen, Peter Handke etwa schimpft über die „läppische Literatur“ der bloßen Beschreibung. „Die Gruppe 47 bestand nun“, so Joachim Kaisers Fazit, „aus erstens relativ erfolgreichen, zweitens relativ alten Leuten. Richter war die junge Literatur verhältnismäßig ferngerückt. Da kannte er sich, grob gesagt, nicht mehr so aus.“
Etwas vom damaligen Geist bleibt für immer bewahrt in der fiktiven Erzählung „Das Treffen in Telgte“. Günter Grass versetzt die Gruppe 47 mit leichter Hand ins Jahr 1647: Kurz vor Ende des Dreißigjährigen Kriegs lädt der Königsberger Poet Simon Dach die Avantgarde der Barockdichter ins Westfälische. Was Böll, Andersch, Weyrauch für Welzheim, sind Weckherlin, von Grimmelshausen, Gryphius für Telgte. Man diskutiert über Texte, erörtert den Zustand der deutschen Sprache, nebenbei wird mit praller Sinnenfreude gespeist, gesoffen, geliebt. Dachs Schlussrede gipfelt in dem Satz: „Und wenn man sie steinigen, mit Haß verschütten wollte, würde noch aus dem Geröll die Hand mit der Feder ragen.“