Literaturhaus Stuttgart Hippe Homeschooling-Mütter proben die Revolution

Hannah Lühmann (links) hat im Stuttgarter Literaturhaus mit Mithu Sanyal über Tradwives und Konzepte von Heimat diskutiert. Foto: IMAGO/dpa

Familie und Mutterschaft werden zum Schlachtfeld demokratiegefährdender Bewegungen – darüber haben die Autorinnen Hannah Lühmann und Mithu Sanyal im Literaturhaus diskutiert.

Familie, Zusammenleben und Bildung: Eva-Maria Manz (ema)

Karo, eine Hausfrau und Mutter, die mit ihrem holzfällenden Mann und fünf Kindern auf dem Land lebt, lästert über die Frühbetreuung in Kitas: „Sie wollen eine bindungslose Gesellschaft. Wenn niemand mehr Bindung empfindet, kann der Staat alles machen und verkauft uns das Ganze als ,feministische Arbeitsmarktpolitik’.“ Karo ist eine Figur in Hannah Lühmanns viel diskutiertem Roman „Heimat“. Und während Gespräche über Kleinkindbetreuung harmlos sein könnten, wird hier deutlich, wie schnell das Private politisch wird. Lühmanns Roman, den die Autorin jetzt bei einer Veranstaltung mit Stuttgarter Literaturhaus vorgestellt hat, zeigt eindrucksvoll, wie gefährlich die Bewegung der sogenannten Tradwives ist, deren Lebensstil immer mehr Jüngere interessiert.

 

Die Tradwife – ein Konzept, das voller Widersprüche ist

Tradwives sind Frauen, die freiwillig wieder am Herd stehen und sich mit ihren Kindern in sozialen Medien inszenieren. Einigen von ihnen folgen auf Instagram Hunderttausende. Warum ist die Tradwife-Ideologie für junge Mütter interessant? Dieses im Grunde „weiße, völkische Konzept“, wie die Autorin Mithu Sanyal im Gespräch mit Hannah Lühmann im Literaturhaus zu bedenken gibt, ein Konzept, das voller Widersprüche ist und bereits im Kern viele ausschließt?

Lühmann glaubt: „Weitgehend unbemerkt findet zur Zeit ein Parallelkulturkampf der jungen Mütter statt.“ Warum? „Gut ausgebildeten jungen Frauen wurde versprochen, dass sie alles sein können, aber auf struktureller Ebene passiert viel zu wenig.“ Auch Sanyal spricht politisch von einem „Vakuum“, das entstanden sei, weil Kinder für die Politik nach wie vor keine Priorität hätten – „erst, wenn sie zum Wehrdienst geschickt werden sollen“. Sanyal meint: „Kein Wunder also, dass Rechte in dieses Vakuum springen.“

Tradwives zeigen sich oft als fröhliche Hausfrauen. Foto: IMAGO/YAY Images

Die Radikalisierung der jungen Mutter Jana in Lühmanns Roman geschieht in der erweiterten Elternzeit. Jana erlebt im Internet und in ihrer kleinstädtischen Umgebung Inszenierungen von Mutterschaft, „die sich von hinten an ihr Bewusstsein andocken“, erklärt Lühmann. Jana ergeht es wie vielen Frauen ihrer Generation, sobald sie kleine Kinder hat: Lühmann nennt es die „Verigelung in der Kleinfamilie“. Die betrifft vor allem Frauen, die sich dann vom Arbeitsmarkt zurückzögen. Während Väter kaum in Elternzeit gingen und ihr altes Leben fortsetzten, würden Mütter einsam und überfordert.

Die Anführerin ist gut gebildet und weiß genau, was sie tut

Interessant an Lühmanns literarischer Versuchsanordnung ist die Rolle der Tradwife-Anführerin Karo, die präsentiert wird nicht nur als jemand, der gut aussieht und ein makelloses Instagramprofil betreibt, sondern auch einen höheren Bildungsgrad hat, was sie gezielt einsetzt, um rechte Ideologien und Ängste zu verbreiten. Karo trifft dabei auf Vorstadtmütter wie Jana, deren Erschöpfung und Alleinsein zu einer „Sehnsucht nach Verbundenheit“ führt. Diese Sehnsucht verhindert, dass Fragen gestellt werden. Wenn Alarmglocken schrillen bei Jana und den anderen Müttern, werden sie geflissentlich überhört. „Gruselige Brüche“ und Leerstellen in den Biografien dieser Tradwives (Wird Karo in Wahrheit von ihrem Mann geschlagen?), glaubt Lühmann, seien durchaus elementarer Bestandteil dieser Figuren, deren Existenz etwas Paradoxes widerspiegele: „Frauen sprechen mit dem Ziel, dass Frauen weniger sprechen sollen.“

Wie gefährlich es werden kann, wenn hippe Homeschooling-Mütter die Revolution proben, zeigt sich seit einiger Zeit auch in den USA, wo Mütter als Multiplikatoren verschiedener Ideologien nicht unterschätzt werden. Lühmann weist in der Diskussion auf ein viral gegangenes Video des getöteten ultrarechten Influencers Charlie Kirk hin, der in einen Saal voller Mütter schrie: „Wo beginnt die Revolution?“ Und Hunderte Frauen antworteten demnach: „Zu Hause.“

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