Für ein Gespräch über Stuttgart und Architektur wählt Liza Heilmeyer die Karlshöhe. Die Architektin plädiert für Achtsamkeit und sagt, warum dogmatisches Argumentieren nicht hilft.
Glücklich, wer an so einem ruhigen, strahlenden Herbsttag Zeit findet, am frühen Nachmittag die Willy-Reichert-Staffel oder die feine Humboldtstraße mit ihren historistischen Prachtbauten bis zur Stuttgarter Karlshöhe hinaufzuspazieren, wo die Blätter dunkelrot, gelb, braun leuchten, dazwischen dunkles Nadelbaumgrün.
Die Architektin Liza Heilmeyer, die das Büro Birk Heilmeyer und Frenzel gemeinsam mit Stephan Birk und Martin Frenzel leitet, hat den Ort vorgeschlagen, um über Stuttgart und Architektur zu sprechen. Und sie hat den Zeitpunkt perfekt gewählt: ein sonniger Tag, das Licht zur Mittagsstunde mild, auch passend für den Fotografen, der auf die Frage, was ihr an der Karlshöhe gefällt, die Antwort erhält, es sei ungeheuer hilfreich, beim Nachdenken über ein ungelöstes Problem oder auch mal, um sich „negative Energie aus dem Bauch zu stapfen“, den Hügel zu erklimmen und danach entspannt zurückzukehren.
Karlshöhe Stuttgart – „eine Art aufgetürmter Central Park im Kleinen“
Sie sei natürlich fast nie verärgert, sagt die Architektin mit einem Lächeln. „Spannend sind Orte, die Raum für Aneignung lassen. Anstatt der Transformation Zeit und Raum zu geben, sind einige davon leider verschwunden, wie zum Beispiel das Milchhofareal oder etwa Radio Barth“, sagt sie. „Doch die Karlshöhe, so eine Art aufgetürmter Central Park im Kleinen, der den Westen und Süden der Stadt verbindet, zieht sich wie ein roter Faden durch meine verschiedenen Lebensabschnitte hier in Stuttgart.“
Es ist der Ort für die kurzen Ruhepausen, mit Blick und Distanz zur Stadt, die geografische Mitte zwischen den zwei Lebensorten Zuhause und Büro. „Als unsere Kinder klein waren, habe ich immer versucht, möglichst um 16 Uhr fertig zu sein, und dann haben wir uns hier auf dem Spielplatz gemeinsam von einem anstrengenden Kita- und Arbeitstag erholt.“
Gestaltungsvorschläge für einen der beliebtesten Stuttgarter Biergärten
Hätte noch mehr Potenzial: Der Biergarten auf der Stuttgarter Karlshöhe. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt
Zum Ausspannen, auf die Stadt und den Fernsehturm blicken ist die Anhöhe tatsächlich hervorragend geeignet. Und ein Lieblingsort für durstige Ausflügler ist die für die Bundesgartenschau 1961 gebaute Milchbar, die heute ein Biergarten ist (das Sommerwohnhaus von Julie Siegle wurde dafür abgerissen). Die Lokalität wiederum eignet sich auch, um zu zeigen, welche Aufgaben Architektur und Gestaltung haben. Die in der Nachkriegszeit entstandene Lokalität ist ein beliebtes Draußencafé, doch vor allem der Aussicht wegen komme man. Bei dem Biergarten aber sei noch Luft nach oben, was die Gestaltung betrifft.
„Mit wenigen Handgriffen und einem Blick für das Vorhandene ließe sich der Ort deutlich aufwerten. Allein schon das Weiß und die vertikale Struktur des Treppengeländers an der Ausgabetheke aufzugreifen und die achtlos abgestellten Mülltonnen anders zu verstauen – das nicht zu tun, ist keine Frage des Geldes, sondern des Willens. Und eine Frage der Achtsamkeit für das, was uns umgibt.“
Dieser fehlende Sinn für die Gestaltung der alltäglichen und funktionalen Dinge sei leider allgegenwärtig. „Die Funktionalität heiligt die Ungestalt. Dabei sind es gerade diese Dinge, mit denen wir uns die meiste Zeit unseres Lebens abgeben müssen.“
Je mehr Aufmerksamkeit man der Gestaltung widme, desto weniger koste es, desto kosteneffizienter sei es meist, denn: „Dauerhaftigkeit geht mit bewusster Gestaltung einher“. Sprich, wenn etwas funktional und gut gemacht sei, ein Alltagsgegenstand ebenso wie ein Gebäude, werde es länger geschätzt, im Zweifel lieber repariert, saniert als weggeworfen, abgerissen.
Gut wäre freilich, wenn das Bewusstsein dafür frühestmöglich geschult würde. „Am besten schon in der Kita.“ Wie fühlt sich etwas an, Haptik, Ergonomie, Farbe. Ein warmes, dunkles Rot ist Fassadenfarbe für den Kindergarten im Stuttgarter Osten, für den das Büro die Auszeichnung „Beispielhaftes Bauen“ erhalten hat, und bei dessen Anblick man sich wünschen mag, noch einmal selbst im Kindergartenalter zu sein, um dieses so einfach wie einladend gestaltete Gebäude regelmäßig besuchen zu können.
Die Architektin Liza Heilmeyer (50) auf der Stuttgarter Karlshöhe. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt
Wichtig beim Entwurf sei auch im Ringen um den notwendigen und kostbaren Raum Prioritäten zu setzen, Kompromisse einzugehen. „Umso schöner ist es, wenn man eine Bauherrschaft hat wie die Stiftung Nikolauspflege, wo wir in einem offenen Dialog Erfordernisse miteinander besprechen konnten und gegenseitig viel darüber gelernt haben, was jeweils relevant ist.“
Neubau für die Stiftung Nikolauspflege
Die Schülerinnen und Schüler des dortigen Hetty-Hirsch-Schulzentrums haben die Schule gut angenommen, wie unsere Zeitung jüngst berichtete: „Auch Kinder im Rollstuhl fahren durch den barrierefreien, offenen Raum oder werden gefahren. Der Boden ist bewusst dunkel gehalten, als Kontrast zu Decke und Wänden. Was den blinden Schülern hilft: ,Jede Seite hat einen anderen Klang’, erklärt die bei der Nikolauspflege für die schulische Bildung zuständige Geschäftsbereichsleiterin Simone Zaiser. Die Glaswand der Aula werfe den Schall anders zurück als die holzverkleidete Front und diese anders als die Betonwand. Die Akustik dient also zur Orientierung. Als würden die Wände sprechen.“
Das Büro, das seit 2012 im Stuttgarter Süden in einer ehemaligen Fabrik für Briefumschläge situiert ist – zunächst zogen 20 Mitarbeitende ein, heute sind es 40 –, hat nachhaltiges Entwerfen auf seine Fahnen geschrieben und arbeitet oft mit Holz, engagiert sich zudem in der Lehre: „In Süddeutschland, Österreich und der Schweiz existiert ein intensiver, fachlicher Austausch, im mehrgeschossigen Holzbau ist man schon weit vorangeschritten.“ Ein Vorbild ist der Holzbau in der Region Vorarlberg: „Sie haben es in einer gemeinsamen Anstrengung von Handwerk und Architektur geschafft, die Holzwirtschaft zur stärken und eine Holzbaukultur zu etablieren.“
Zum nachhaltigen Gestalten gehört auch die Umbauwende, die der Bund deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) – deren Vorsitzende im Landesverband Baden-Württemberg ist Liza Heilmeyer – propagiert. Gleichwohl wird im Büro selbstredend auch neu gebaut.
Liza Heilmeyer: „Moralisieren hilft nicht weiter“
Zum Streitthema Abriss und Neubau versus Umbau, sagt die Architektin: „Ich bin gegen dogmatisches Argumentieren. Jede Aufgabe hat ihre Eigenheiten und erfordert ihre spezifische, sinnhafte Lösung. Moralisieren und nur auf Verzicht zu pochen, hilft uns nicht weiter. Meine Hoffnung ist, dass inzwischen viele erkannt haben, was wichtig ist in Sachen nachhaltiges Entwerfen und Bauen. Jetzt gilt es, schnell ins Handeln zukommen und gemeinsam diese Ziele ernsthaft zu verfolgen.“
Gemeinsamkeit ist überhaupt ein wichtiges Stichwort, Architektur ist kein Beruf für Solitäre. Dies war, wie Liza Heilmeyer sagt, einer der Gründe, Architektur zu studieren: „Die Komplexität des Berufes, die vielen Themenfelder, die hineinspielen, das begeistert mich bis heute. Neben der Kunst bin ich von zu Hause aus mathematisch-naturwissenschaftlich geprägt“, sagt die Architektin.
„Ich schätze das Arbeiten mit vielen Parametern, räumliche Gestaltung, die Auseinandersetzung mit dem Ort, der Funktion, technischen Aspekten, menschlichen Bedürfnissen, das finde ich reizvoller als komplett aus mir selbst herauszuschöpfen. Ich liebe es, mit all dem umzugehen, Schwerpunkte zu setzen, die bestmögliche Lösung auszuknobeln und das gemeinsam in einem Team.“
Rückkehr nach Stuttgart
Gemeinsam, aber selbstständig und das schon früh, das war die Entscheidung von Liza Heilmeyer und Stephan Birk, die auch privat ein Paar sind. „Nachdem wir bereits bei Foster and Partners in London angefangen hatten zu arbeiten, kam der Anruf, dass wir den Wettbewerb gewonnen hätten und nach knapp einem Jahr der Auftrag, mit dem wir uns selbstständig gemacht haben.“
Dafür wieder nach Stuttgart zurückzukehren, wo beide studiert hatten, hatte rationale Gründe: „Aus London nach Stuttgart zurückzugehen war eine strategische Entscheidung. In Berlin hätten wir zu der Zeit mehr Freunde gehabt, aber in Stuttgart hatten wir ein besseres berufliches Netzwerk, das uns zum Anfang der Selbstständigkeit unterstützt hat.“
Wie wichtig Wettbewerbe nicht nur für junge Büros sind, das könnte in Zeiten klammer Haushaltskassen zum Problem werden. „Bedenklich finde ich, dass bei Bauprojekten auch von öffentlicher Hand immer weniger Architekturwettbewerbe ausgeschrieben werden, das bedeutet langfristig einen Kulturverlust. Wettbewerbe sind finanziell für uns ein Verlustgeschäft. Wir sehen das als sportliche Herausforderung, aber auch als einen Dienst an der Gesellschaft, da wir mit unserer Expertise und Kreativität baukulturelle Werte schaffen, Vorschläge einbringen, uns dem Diskurs stellen, um die beste Lösung für alle zu finden.“
Idee für einen Stuttgarter Bunker
Das Büro hat nach dem ersten Wettbewerb viele weitere gewonnen, auch Auszeichnungen erhalten. Dieses Jahr feiern Birk Heilmeyer und Frenzel Architekten den 20. Geburtstag, jüngst hat das Büro mit dem Betriebshof in Stuttgart-Wangen und mit dem Neubau Nikolauspflege Bedeutendes zur Baukultur in der Stadt beigetragen.
Zum Abschluss des Gesprächs auf weitere Wunschprojekte in der Stadt angesprochen, antwortet die Architektin: „Auf den Hochbunker am Pragsattel würde ich gerne noch ein paar Nutzungen packen, einen Pool oder auch einen Club, Wohnateliers oder eine Galerie. Am besten alles übereinander. Hauptsache, es lebt und leuchtet.“ Das wäre Nachdichtung und Weiterbau im Bestand vom Feinsten – und mit Wow-Effekt. Nachhaltige Architektur darf auch Vergnügen bereiten.