Aus den Boxen dröhnt die Musik der 80er, das Licht ist schummrig, auf der Tanzfläche ist’s stickig und eng – fast alles ist wie früher, nur die, die damals jung waren, sind heute so etwa 40 Jahre älter. Genaue Zahlen weiß man nicht. Auf die Frage, wie alt er ist, antwortet der frühere „Radio 107.7 Hithouse“-Macher Bernie Bernthaler, der laut US-Musikportal Dicogs „a real Stuttgart house legende“ ist (eine echte Stuttgarter House-Legende), auf Englisch: „Old enough to know it better“ (alt genug, um es besser zu wissen).
Das Longhorn ist als Country-Club gestartet
Tommy Filimonova, der 1984 aus einer früheren Gemüsehalle im Industriegebiet Wangen einen Country-Club mit dem Namen Longhorn (benannt nach einer nordamerikanischen Rinderrasse) für US-Soldaten gemacht hat, die damals im Stuttgarter Nachtleben überwiegend unerwünscht waren, ist happy, dass er es heute schafft, junge Leute anzulocken. Einige habe er mal gefragt, warum sie raus aus der Stadt in ein entlegenes Viertel zum Feiern fahren. Ihre Antwort hat ihn überrascht. „Sie sagten“, berichtet der Chef, „die Stuttgarter City ist uns zu kriminell.“
„Concerthall und Disco“ steht an der Hausfassade als Erklärung fürs LKA Longhorn. Da steht nicht Club, sondern noch das gute, alte Wort Disco. In dieser Nacht ist einiges anders als sonst. Der Fotograf Norbert Neon und der Fanta-Manager Andreas „Bär“ Läsker haben zu einer Revival-Party eingeladen, um ihr Bilderbuch „Wir waren Disco“ mit den Barchefs, mit DJs, dem Publikum, mit Legenden der Nacht, also mit der Ausgehszene von einst, gemeinsam zu feiern. Der Unterschied zu heute zeigt sich allein schon beim Blick auf die Uhr. Um 21 Uhr beginnt die Feier, um 21.05 Uhr ist die Tanzfläche schon gestopft voll. Heutzutage bewegt vor 23 Uhr kaum einer seine Knochen.
Tommy Filimonova, der Chef vom Longhorn LKA, der im Tao und Oz angefangen hat, gehört zu denen, die ihr Alter verraten. Er ist 65 Jahre alt, hat aber trotz Eintritts in die Rentenauszahlung den Vertrag mit den Hausbesitzern um sieben Jahre verlängert. Was ist das schon? Sein Kollege Michael Presinger verlängerte den Mietvertrag im Perkins Park bis 2050 – bis er dann 96 ist. Filimonova führt ein großes Haus, das Disco und Konzerthalle in einem ist. Wir sitzen in der oberen Etage, die der Backstage-Bereich ist, wenn Bands spielen. Hier sind die Wände und der gesamte Boden beklebt mit Konzertplakaten der Künstlerinnen und Künstler, die bei ihm aufgetreten sind. Ein Museum der Popkultur ist das. Man kann sich kaum sattsehen daran.
Die Exponate erzählen etwa von drei Gastspielen von Rammstein, die zuletzt in Wangen 1997 mit der „Herzeleid Tour“ aufgetreten sind. „Da hat Till Lindemann mit dem Flammenwerfer über die Köpfe des Publikums bis an die Decke gezielt“, erzählt der Chef, „den Schaden sieht man heute noch.“ Der 1994 verstorbene US-Musiker Kurt Cobain ist mit Nirvana im Longhorn ausgepfiffen worden. Nina Hagen hat sich 1987 auf Deutschland-Tour für Wangen entschieden. Wenn die Wände mit den vielen Bildern der Bands nur erzählen könnten!
„Zu mir kommen die Bands zu zwei verschiedenen Phasen“, sagt Tommy Filimonova, „zuerst wenn sie auf dem Weg nach oben sind und dann, wenn es wieder abwärts geht.“ Sollten Rammstein mal nicht mehr die Stadien füllen, schauen sie vielleicht wieder in Wangen vorbei.
Im nächsten Jahr feiert das LKA Longhorn seinen 40. Geburtstag
Es ist die Nacht der Anekdoten. „Ein Wunder, dass wir heil rausgekommen sind aus so vielen Partys“, sagt einer. Und ein anderer erwidert: „Viele uns leben nicht mehr.“ Frank Ilg, ein Urgestein des Stuttgarter Disco- und späteren Clublebens, der im Oz in der Küche begonnen hat, trägt eine Jeansjacke, die er in den 80ern gekauft hat. Die Ärmel sind aus Postsäcken genäht. Die Jacke passt noch immer! Auch die Musik von früher passt noch. Wer die Augen schließt und den 40 Jahre alten Hits lauscht, glaubt, auf der Zeitreise mitten drin in seiner Jugend angekommen zu sein. Und das fühlt sich immer noch gut an!
Auch junge Menschen haben Spaß an der Musik ihrer Eltern. Bernie Bernthaler erzählt, dass er kürzlich im Studio Amore im früheren Hotel am Schlossgarten aufgelegt hat, die jungen Besucherinnen und Besucher tanzten sich auf den Tischen in Ekstase.
Im nächsten Jahr feiert das Longhorn, das irgendwann den Zusatz LKA (steht für „Longhorn Kulturaustausch“) erhalten hat, den 40. Geburtstag. Damit ist der Club in Wangen nach der Boa (Gründung: 1977) und dem Perkins Park (seit 1980) die drittälteste Nachttanzstation von Stuttgart, die es immer noch gibt.
„Wir waren Teil eines nie enden wollenden täglichen Abenteuers“
Andreas „Bär“ Läsker, einst DJ der Disconächte und heute Fanta-Manager, feiert mit seiner Frau Gabi (sie erscheint im Buch als „Kulturbarfrau“) in Wangen mit. Beim Rückblick wird er ein bisschen sentimental. „Wir hatten kein Handy, kein Instagram, kein WhatsApp, kein Facebook, kein Internet“, sagt er, „wir waren Teil eines nie enden wollenden täglichen Abenteuers.“ Seine Generation habe den „Spaß ihres Lebens“ gehabt und „Zeit im Überfluss“, die ausgekostet wurde. „Alles war irgendwie lebenswert“, erinnert sich „Bär“, „und hatte ein unglaubliche Qualität.“ Rennt heute etwa die Zeit uns viel schneller davon als früher? Man sollte bei diesem Tempo nicht vergessen, die schöne Momente zu genießen, die nicht immer vom Alter abhängig sind.