Location Scouts in Stuttgart Perfekte Drehorte finden – nicht jeder will unechte Leichen im Haus

Marei Wenzel sucht nach passenden Locations und Drehorten. Foto:  

Nicht nur Schauspieler, auch Häuser spielen in Filmen eine Rolle. Wie finden Location Scouts passende Filmorte wie für den Stuttgart-„Tatort“? Ein tolles Haus allein reicht nicht.

Architektur/Bauen/Wohnen: Andrea Jenewein (anj)

Ein Filmdreh in der eigenen Wohnung? Der Sohn ist elektrisiert: Das wäre ein Ding! Klar, spannend. Aber die Wohnung ist jetzt echt nichts Besonderes. Sie ist nicht minimalistisch, sondern ist angefüllt mit Familienkram und den überall verstreuten Habseligkeiten eines Elfjährigen. Hier fühlt man sich nicht wie in einem Ausstellungsraum für Designer-Möbel, sondern wie im knallharten, echten Leben. Und es ist nur eine Altbauwohnung und keine moderne Villa, wie sie im letzten Stuttgart-Tatort zu sehen war.

 

Ein „Tatort“-Dreh? Klar. Das soll die Antwort des Villa-Besitzers gewesen sein, nachdem er eine Anfrage in seinem Briefkasten vorgefunden hatte, ob er sein Haus an der Alten Weinsteige für einen Dreh des Stuttgart-Tatorts zur Verfügung stellen würde.

Auf der Suche nach einem jungfräulichen Haus als Drehort

Die Anfrage hatte ihm Marei Wenzel in den Briefkasten geworfen. Wenzel ist seit gut 20 Jahren Location Scout, sie stammt aus Karlsruhe und lebt in Berlin. Sie wird oft vom SWR als Location Scout für die Stuttgart-„Tatorte“ angefragt, wie eben auch für die letzte Episode „Überlebe wenigstens bis morgen“, die am 23. November ausgestrahlt wurde. Das Stuttgarter Duo Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) ermittelt darin seinen 35. Fall.

Die Freiberuflerin Wenzel fängt, sobald sie das Drehbuch bekommen und gelesen hat, mit einer Recherche meist vom heimischen Schreibtisch aus an. Für die Villa für „Überlebe wenigstens bis morgen“ schaut sie sich zunächst online nach moderner Architektur in Stuttgart um und wälzt Architekturbände. Doch schnell drängt es sie dann raus, auf Reisen, in die Stadt des geplanten Filmdrehs. In Stuttgart will sie sich selbst ein Bild machen von den Objekten aus dem Internet und den fetten Büchern, will sie von allen Seiten betrachten, das Licht dort zu verschiedenen Tageszeiten sehen, ihre Aura erfühlen und ihre Umgebung erspüren. Sie will zudem auch einfach durch die Gegend streifen, vielleicht ist das Glück ihr hold und sie findet irgendwo ein Haus, ein jungfräuliches, das sich bisher gut zu verstecken wusste. Das ist sowieso ihr Liebstes.

Manche Besitzer wollen nicht, dass in ihrem Haus eine Leiche liegt

Das Haus an der Alten Weinsteige, das sie in keiner der Karteien gefunden hatte, in der Privatleute ihre Wohnung für Filmdrehs anbieten, überzeugte sie vor Ort von außen sofort. Der alte Mammutbaum, die Treppe zum Haus hin, der Ausblick über den Kessel. Und so landete der Zettel im Briefkasten. „Manchmal, wenn die Zeit drängt, klingele ich aber auch einfach, so kommt man am schnellsten ans Ziel“, sagt Wenzel. Gerade in Stuttgart habe sie damit sehr gute Erfahrungen gemacht. „Für den ‚Tatort‘ sind die Menschen hier fast immer sehr aufgeschlossen, sie verbinden ihn mit ihrer Stadt“, sagt sie.

Wie bereits erwähnt, hatte Wenzel auch beim Haus an der Alten Weinsteige Glück. Der Hausherr sagte zu. Manchmal gebe es Einschränkungen, manche Hausbesitzer etwa wollen nicht, dass in ihren vier Wänden eine Leiche liegt – auch keine unechte. „Das habe ich immer wieder – ich glaube, die Menschen denken, das sei schlecht fürs Karma – oder sie wollen einfach nicht, dass ihr Haus für immer mit einem „Tatort“-Mord in Verbindung gebracht wird“, sagt Wenzel. Es gibt aber auch das genaue Gegenteil: „Manche Hausherren möchten beim ‚Tatort‘ dann gern gleich selbst die Leiche spielen – obschon das meist die forderndste Rolle ist, weil man so lange nicht atmen darf.“

Nachdem die generelle Zusage des Hausherren erfolgt ist, steht eine zweite Runde an. Wenzel macht dann vor Ort Fotos von innen und außen, um diese der Regie vorzulegen. Dann werden aus ihren Vorschlägen mindestens zwei ausgewählt und diese bei einer gemeinsamen Motivtour noch einmal besichtigt. „Dabei passiert oftmals noch einiges, denn das Drehbuch wird plötzlich real. Dann fällt einem noch mehr auf, was es braucht“, sagt Wenzel. Manchmal gibt noch eine Nachsuche.

Nicht so bei dem Haus an der Alten Weinsteige. Da war man sich schnell einig – schon Wenzels Fotos hatten überzeugt. „Das ist einmalig, die Sicht, die großen Fenster. Das ist eine Architektur, an der man hängen bleibt.“ Im besten Falle, so sagt sie, könne ein Haus ein Element sein, das einen Film ausmacht. „Es ist gut, wenn ein Film so etwas hat.“ Ein Haus als Film-Held, sozusagen.

Ein besonderes Haus allein macht freilich noch keinen Film aus

Wenn alle zufrieden sind, ist Wenzels Arbeit getan, beim Dreh ist sie nicht mehr dabei. „Ich bin nur für den visuellen Aspekt da.“ Den Film sieht sie dann meist auch erst, wenn er ausgestrahlt wird – oder bei einer Premiere. „Überlebe wenigstens bis morgen“ hat sie überzeugt: „Das Haus hat die Geschichte sehr gut getragen“, sagt sie.

Doch dieses besondere Haus allein macht freilich noch keinen Film aus. Wenzels Aufgabe als Location Scout ist es, alle Schauplätze des jeweiligen Films zu finden. Dazu gehören Plätze, Straßen, öffentliche Gebäude, Gärten, Parks, Wald- und Wiesenstücke – und eben auch „ganz normale“ Wohnungen. Bei der Suche nach letzteren geht Wenzel am liebsten ähnlich vor wie bei den Villen: Sie erläuft sie sich, schmeißt Zettel in Briefkästen oder klingelt. Manchmal aber greift sie auch auf Portale zurück, in der sogenannte Motivgeber ihre Wohnungen zum Dreh anbieten.

Es hat sich ein eigener Markt mit Häusern für Dreharbeiten entwickelt

Dort stößt man natürlich auch auf schnieke Wohnungen, aber eben nicht nur. Denn auch im Film gibt es Studentenbuden, Familienwohnungen von Normalverdienern und sogar heruntergewohnte Buden. So hat sich mittlerweile ein eigener Markt entwickelt, es gibt im Internet zahlreiche Anbieter, die teils auch gegen eine Gebühr die Wohnungen der Motivgeber fotografieren und einstellen.

Das „Tatort“-Haus an der Alten Weinsteige in Stuttgart Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Bei der Film Commission Region Stuttgart kann man seine Haus oder seine Wohnung auch in der Datenbank, dem Location- und Production Guide, registrieren lassen – und zwar gratis. Film Commissions gibt es weltweit, die in Stuttgart und der Region leitet Jens Gutfleisch. „Wir beraten generell kostenfrei zu sämtlichen Bewegtbildern und Filmthemen und sehen uns dabei als Türöffner und Möglichmacher“, sagt er.

Voraussetzungen dafür, dass ein Haus oder ein Garten als Drehort taugt

Das Angebot umfasst die Unterstützung bei der Suche nach geeigneten Drehorten – wobei die Mitarbeiter der Film Commission nicht auf die Straße gehen, um selbst zu scouten –, der Einholung von Drehgenehmigungen, die Zusammenarbeit mit Behörden sowie gezielte Informationen über technische und künstlerische Filmprofis, Produzenten und Dienstleister aus der Region. Kurz: die Film Commission ist Koordinator an der Schnittstelle zwischen Filmproduktionen, Filmschaffenden, Motivgebern und öffentlichen Einrichtungen.

Doch was für Voraussetzungen gibt es, dass ein Haus, eine Wohnung oder ein Garten als Drehort taugt? „Da gibt es viel mehr zu beachten, als man so denkt“, sagt Ulla Matzen. Sie ist Location Guide bei der Film Commission Region Stuttgart und leitet zugleich die Film Commission Region Neckar-Alb. „Ein toller Drehort alleine reicht nicht, auch die Infrastruktur muss stimmen.“ So muss es etwa Parkplätze für die Transporter der Crew geben, die gesamte Filmcrew muss in die Wohnung passen, und es muss ein Stromanschluss da sein, denn in der Stadt Stuttgart sind Stromgeneratoren nicht erlaubt.

Marei Wenzel beachtet bei ihren Suchen nach geeigneten Drehorten, dass die Wohnungen bestenfalls im Erdgeschoss oder ersten Geschoss liegen, damit sie ohne großen Aufwand von außen ausgeleuchtet werden können – und die Filmcrew nicht alle Technik das Treppenhaus hochschleppen muss. Nur manchmal, manchmal, da verliebe man sich so in einen Ort, dass man viele Widrigkeiten doch in Kauf nehme.

Große Liebe empfindet Wenzel generell für ihren Beruf, weil er ihre Leidenschaften – Reisen, Fotografie und Geschichten – eint. Eigentlich ist sie Fotografin, kam mit dem Wechsel von der analogen zur digitalen Fotografie, der den Markt stark veränderte, aber zufällig zum Bereich Film. Dennoch kann sie den Job nicht unbedingt weiterempfehlen: „Für einen Einstieg ist es gerade eine schwierige Zeit, es wird gerade weniger produziert, der Filmmarkt hat sich geschrumpft.“ Sie selbst hat auch schon eine Scout-Ausbildung gegeben, von ihren Schülerinnen und Schülern, die danach Arbeit fanden, haben diese inzwischen auch schon wieder verloren. „Sie konnten sich nicht schnell genug etablieren, denn die Filmproduktionen greifen auf die alten Hasen zurück.“

Eine ganz normale Wohnung irgendwo in Stuttgart. Laut Marei Wenzel könnte ein Film darin die Flucht vom Fenster in den Zwischengarten oder auch ins benachbarte Haus erzählen. Foto: privat

Als solch einer erklärt sich Marei Wenzel schließlich auch dazu bereit, sich Fotos dieser „ganz normalen“ Stuttgarter Wohnung mit „Film-Augen“ anzusehen und eine ad-hoc-Analyse abzugeben. „Die Wohnung ist groß, aber sehr verwinkelt. Von daher wird sich die Größe vor der Kamera nicht erzählen. Sie eignet sich von daher eher für längere Wege mit der Kamera als für einzelne längere Szenen in einem Raum. Vielleicht sieht man jemanden länger durch die Wohnung gehen, schön ist, dass die Bereiche ineinander übergehen. Schön ist auch die Nähe zum Nachbarhaus, vielleicht ließe sich eine Nachbarschaftssituation oder eine Flucht vom Fenster in den Zwischengarten oder auch ins benachbarte Haus erzählen. Als Charakter sehe ich hier eine weiblich gelesene Person, eher als Single lebend, oder alleinerziehend mit einem Kind. Vielleicht eine Erzieherin oder eine Lehrerin.“

„Cool“, sagt der Elfjährige, „eine Flucht durchs Fenster, das wäre ein Ding!“

Info

Motivgeber
Die Film Commission (www.film.region-stuttgart.de) ruft potenzielle Motivgeber auf, sich an sie zu wenden und ihre Wohnung, ihr Haus oder ihren Garten in ihrer Datenbank einstellen. Kontaktaufnahme ist möglich über die Internetseite www.film-bw.de

Fakten
Der Motivgeber bekommt für den Aufwand ein Honorar. Dieses ist abhängig von der Größe der Wohnung, aber besonders auch von der Länge des Drehs. Bei größeren Produktionen lautet die Faustregel: Eine Monatsmiete pro Drehtag. Letztlich ist das aber Verhandlungssache. Die Wohnung wird nach dem Dreh in den ursprünglichen Zustand zurückversetzt. Sollte aber doch mal etwas beschädigt werden, übernimmt die Versicherung der Filmproduktionsfirma die Kosten für Reparatur und Reinigung.

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