Den Geschäftsführer Axel Frey gibt es einmal in echt, einmal als KI-Klon. Der weiß, wie man Verhandlungen führt und was Mitarbeiter denken. Warum lässt sich ein Chef vervielfachen?

Digital Desk: Jan Georg Plavec (jgp)

Von seinem digitalen Zwilling ist Axel Frey hellauf begeistert, „völlig geflasht“, sagt der Geschäftsführer der Ulmer Seifert Logistics Group. „Habe ich das Beispiel mit dem Geburtstagsgeschenk schon gebracht?“, fragt er.

 

Ohne die Antwort abzuwarten, erzählt der 38-Jährige, worüber er mit seinem KI-Klon spricht. Er habe ihn gefragt, welche Jobs für ihn in Frage kämen. Von den zwölf Vorschlägen könne er zehn sofort unterschreiben. Zum Beispiel die Logistikplanung für einen weltweiten Konzern zu übernehmen.

Frey füttert die KI mit seinem eigenen Wissen

Die Künstliche Intelligenz, mit der sich Frey über solche Themen unterhält, ist erst einige Monate alt. Second Brain nennt er ihn, sein zweites Gehirn. Die Idee dahinter: man füttert die KI mit dem eigenen Wissen, um sich damit dann am Computer mit ihr unterhalten zu können. Das Internet ist voll von Anleitungen dafür. „Jeder CEO braucht einen digitalen Zwilling“, forderte der KI-affine Chef der Beratungsfirma Experience One, Kai Müller, vor anderthalb Jahren. Nur: konkrete Beispiele dafür gibt es in der Wirtschaft keine - jedenfalls keine, über die Geschäftsführer aktiv sprechen. 

Axel Frey dagegen will die Zukunft mit seinem KI-Klon leben oder jedenfalls schauen, was davon für ihn funktioniert. Sein KI-Klon kenne ihn „mittlerweile fast perfekt“. Kein Wunder, Frey hat ihn mit seinem eigenen Wissen gefüttert. Noch habe er es sich nicht angewöhnt, jede Frage zweimal zu beantworten – einmal dem Fragesteller und einmal für die KI. Allerdings habe er der KI erklärt, wie er Verhandlungen führe über Verträge und Tarife, welches Feedback er von Mitarbeitern bekomme. Das Wissen könne er in ähnlichen Fällen wieder abrufen – oder jemand aus der Personalabteilung.

Die Idee mit dem KI-Klon kommt von Antonius Gress, mit seiner Stuttgarter Firma Blockbrain verkauft er einen „KI-Baukasten für Unternehmen“. Ins Leben gerufen hat Gress die Firma mit den Seriengründern Mattias Protzmann, dem Kopf hinter dem Datendienstleister Statista, sowie dem Erfinder des Stuttgarter Festivals Hiphop-Open, Johannes Strachwitz. Auf der Webseite von Blockbrain taucht unter anderem Bosch als Kunde auf.

Expertise ist also vorhanden, dieses und vergangenes Jahr hat die Firma neues Investorengeld eingesammelt. „Wissen ist der einzige Wettbewerbsvorteil, den wir in Deutschland haben“, sagt Gress. Entsprechend wertvoll sei dieses Wissen, zumal in den kommenden Jahren mit dem Renteneintritt der Babyboomer ziemlich viel davon aus den Betrieben verschwindet. Seine Firma bietet den Kunden an, erfahrene Kräfte zumindest als digitale Zwillinge im Unternehmen zu behalten.

Dozent lässt Studenten mit KI über Inhalte sprechen

Damit das gelinge, brauche die KI zwei Dinge, sagt Gress: erstens Richtlinien, Unternehmensziele, E-Mails und andere Schriftstücke, mit denen sie den Kontext des Unternehmens verstehen kann. Zweitens, wichtiger noch, „Antworten auf Fragen, die Mitarbeiter zigfach geben müssen“. Wer sich bei Antonius Gress digital klonen lässt, kriegt ein Programm aufs Handy, dem man alles Wichtige erzählen soll. Gress verspricht im Gegenzug „eine brutale Augmentierung“. Technikenthusiasten verstehen darunter eine Vervielfachung der eigenen Arbeitskraft.

Kann das gelingen? Zwar ist KI längst in die Industrieproduktion eingezogen oder bearbeitet Kundenanfragen. Erfahrungsberichte von sich selbst klonenden Chefs sind dagegen noch selten. Der österreichische Managerberater und Dozent Martin Giesswein hat im vergangenen Sommer von einem Selbstversuch erzählt. Seine Studenten können mit Giessweins Büchern chatten, künftig sogar mit einem Videoklon über die Inhalte sprechen. Seinen digitalen Zwilling schickt Giesswein mittlerweile auch in Routine-Videocalls, die KI schreibt ihm anschließend eine Zusammenfassung. Falls es doch mal seine Expertise brauche, „könnten die Teilnehmenden schon mal mit dem Klon chatten“, heißt es in einem Bericht über Giessweins KI-Aktion.

Sicherheitslücken für Betrüger

Risiken gibt es, womöglich sogar große. Auch eine gut trainierte KI kann Fehler machen. Wenn das auf Ebene des obersten Managements geschieht, hat das natürlich dramatischere Folgen als wenn ein einfacher Mitarbeiter ChatGPT nicht richtig bedient. Was, wenn man den Chef leibhaftig nicht mehr zu Gesicht bekommt?

Dazu kommen mögliche Sicherheitslücken. Längst lassen sich Mimik, Gestik und Stimme mittels KI fast perfekt imitieren. Wie sollen Untergebene künftig wissen, ob sie mit dem „echten“ KI-Klon des Chefs sprechen oder mit Betrügern?

Martin Giesswein berichtet, er habe für sensible Themen mit seinen Kollegen Codewörter ausgemacht. Auch Axel Frey lotet gerade die Vor- und Nachteile seines KI-Klons im täglichen Klein-Klein aus. Das versteht er als Bestandteil einer innovativen Führung des wachsenden Mittelständlers. 3500 Mitarbeiter hat die Seifert Logistics Group jetzt. Vom kirchenhohen Eingangsbereich in Sichtbeton bis zum riesigen Besprechungsraum mit direktem Blick auf die A 8 präsentiert sich am vor knapp drei Jahren bezogenen, neuen Firmensitz in Ulm alles in Übergröße. Trotzdem hat auch Freys Tag nur 24 Stunden „und viele trauen sich nicht, mich anzusprechen“.

Auch der Chef erzählt seinem Klon nicht alles

Beim KI-Klon sei es hoffentlich anders. Axel Frey möchte, dass sich eines Tages auch andere Seifert-Mitarbeiter digital klonen lassen. Bei Mittelständlern wie Seifert sei die Technologie genau richtig, findet Frey: Die Unternehmen seien groß genug, damit sich das Investment in die Technik lohnt - und agiler als Konzerne, in denen solche Projekte etwa von Juristen oder internen Richtlinien ausgebremst werden.

Bleibt die Frage: wer außer dem Chef will sich klonen lassen? Manch einer dürfte sich geschmeichelt fühlen, vermutet Antonius Gress. Jedenfalls sei das noch bei jedem seiner Kunden „das Kantinenthema Nummer eins“ gewesen. Aber vielleicht wollen die gar nicht alles der KI erzählen, was sie wissen – etwa weil sie fürchten, überflüssig zu werden? „Dem Unternehmen hilft das nicht weiter“, sagt Axel Frey. Aus Sicht des Einzelnen ist es dennoch verständlich. Zumal auch der Chef seinem Klon nicht alles erzählen will – jedenfalls nicht der Version, mit der alle Mitarbeiter reden können.

Und wie ging die Geschichte mit dem Geburtstagsgeschenk aus? Ach, er habe seinen digitalen Zwilling gefragt, was man ihm zum Geburtstag schenken könne, sagt Frey. Was denn? „Das möchte ich jetzt nicht verraten.“ Manche Dinge sind eben zu persönlich.