Lost Place in Stuttgart-Nord Ein Rundgang durch die alte Breuninger-Villa kurz vor dem Abriss

Architekt Paul Schmohl baute für sich selbst 1908 die Villa in der Hauptmannsreute 47. Später wohnten Mitglieder der Breuninger-Dynastie in dem Anwesen im Stuttgarter Norden. Foto: Ferdinando Iannone/Lichtgut

Das feine Domizil der Breuninger-Kaufhaus-Familie auf der Stuttgarter Halbhöhe wird abgerissen. Ein Immobilienentwickler errichtet dort ein Luxuswohnhaus – und sagt, warum die Architektenvilla von 1908 nicht erhaltenswert ist.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

In Stuttgart ist es im Herbst besonders schön in der Halbhöhenlage, die gelben und roten Blätter hängen schon etwas müde an den Ästen, der modrige Laubduft, der leicht morbide Charme des Vergehens passt zu den alten Villen und ihren großen Gärten. Flaneure mit gutem Gedächtnis murmeln vielleicht einige Rilkeverse aus dem „Herbstgedicht“: Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß“, „jage die letzte Süße in den schweren Wein“ und die berühmten Verse „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.“

 

Die Welt von gestern beim Anblick alter Villen aufleben lassen, das kann man noch auf manchen Wegen in der Stadt, auch in der dicht bebauten Hauptmannsreute. Einige denkmalgeschützte Landhäuser stehen am Steilhang im Stuttgarter Norden, in dem Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts die reichen Bürger, Fabrikanten, Ingenieure, Militärs ihre Domizile errichten ließen, während im Kessel Arbeiter und Handwerker lebten und die von Fabrikabgasen geschwängerte Luft atmeten. Lange Zeit konnte man auch noch die Villa mit der Steinmetzarbeit des Segelschiffs samt Steuermann und der Jahreszahl 1908 über dem prächtigen Hauseingang betrachten.

Wer vor einem liebevoll sanierten Haus aus der Zeit des Historismus steht und sich umblickt, sieht auf der anderen Straßenseite eine Villa, die als sogenannte Breuninger-Villa Teil der Stadtgeschichte ist. Ihr fehlen einige Dachpfannen. Die Eibe vor der Villa ist in Netze eingepackt, ein Werbeschild steht neben der mächtigen Kiefer. Es zeigt den Neubau, der hier entstehen soll.

Wer historische Bauten schätzt und Abriss von Altbauten grundsätzlich kritisch gegenüber steht verspürt, je nach Temperament ein Gefühl zwischen Unverständnis und Furor. Hätte man die Villa nicht erhalten können? Das hatten sich einige Stuttgarter gefragt – der 18 Monate dauernden Baugenehmigung für Abriss und Neubau, ist ein Rechtsstreit vorangegangen, unsere Zeitung hatte darüber berichtet.

Bei allen berechtigten Wünschen und Forderungen, historische Substanz auch privater Wohnbauten zu retten, gibt es ganz pragmatische Anforderungen an das Schaffen von Wohnraum, auch durch Nachverdichtung in der Stadt. Das sieht man, wenn man die herbstliche Patinabrille beim Gang durch Stuttgarts Straßen absetzt. Abgesetzt hat diese Brille auch der Käufer der Villa, der aus Freudenstadt im Schwarzwald angereiste Immobilienentwickler und Geschäftsführer von Avotus, Orhan Tiryaki.

Auf Anfrage unserer Zeitung waren Orhan Tiryaki und Markus Lechler, der Geschäftsführende Gesellschafter von Lechler Immobilien als Vermarkter des Neubaus, bereit, die Tür zu der lange Zeit leer stehenden Villa zu öffnen. Die Vorbesitzer waren Mitglieder der Familie der Stuttgarter Warenhausdynastie Breuninger, sie verkauften im Jahr 2021 für knapp sechs Millionen Euro die Villa. Auf Anfrage unserer Zeitung wollten sie sich nicht zu Gründen für den Verkauf äußern.

Neun Wohnungen statt einer Villa

Orhan Tiryaki steht an diesem sonnigen Herbsttag vor seiner Villa und sagt: „Natürlich haben wir die Substanz untersucht und geprüft. Ich schätze Architektur, ich schätze auch alte Gebäude sehr und habe einige bereits saniert.“ Die Villa in der Hauptmannsreute stand nicht unter Denkmalschutz. „Und dafür gab es gute Gründe“, sagt Orhan Tiryaki. „Es ist nicht genügend alte Substanz vorhanden.“

Markus Lechler fügt an: „Eine wohnwirtschaftliche Weiternutzung der fast 600 Quadratmeter großen zusammenhängenden Wohneinheit war konzeptionell nicht zielführend.“ Nun entsteht ein Gebäude mit knapp 1300 Quadratmetern Wohnfläche auf dem 2000 Quadratmeter großen Areal. Lechler: „Mit Ausnahme einer Einzimmerwohnung entstehen durchweg familientaugliche und barrierefreie und damit auch altersgerechte Wohnungen.“ Einige der neun Wohnungen sind bereits verkauft.

Was Orhan Tiryaki mit der Substanz meint, zeigt sich beim Gang durchs Haus. Vom Glanz herrschaftlicher Zeiten sprechen noch die großzügige Raumaufteilung, das ausgreifende Wohnzimmer mit halbgerundetem Erker. Links davon hatte der Architekt einst das ehemalige Speisezimmer vorgesehen, rechts das ehemalige Herrenzimmer, in dem nun die Verkaufsgespräche für das Neubauprojekt stattfanden. Vom Wohnzimmer blickt man in den großen Garten.

Geht man die geschwungene Holztreppe hinauf in die oberen Geschosse, sieht man, die Villa ist auch ein Beispiel für gelinde gesagt unbekümmerte Renovierungsarbeiten über die Jahrzehnte hinweg, Bäder mit farbenfrohen quadratischen Fliesen an Wand und Boden aus der Nachkriegszeit, ein Mix von Fenstern aus verschiedenen Dekaden. Für die Sanierung und den Umbau hätte man sicher noch einmal einige Millionen Euro investieren müssen, an solch ein Unternehmen hat sich aber weder ein privater Käufer noch ein Immobilienentwickler wagen wollen.

48 Zauneidechsen über Monate umgesiedelt

1908 hatten die Architekten Paul Schmohl & und Georg Stähelin – das Haus im historistisch anmutenden Heimatstil entworfen, Bauherr und erster Bewohner war Paul Schmohl selbst. Die Villa wurde mehrfach umgebaut, 1914 schon kam ein Anbau hinzu. Es folgten Garagen, ein Pool in der Nachkriegszeit. Das Haus ist fast komplett entkernt, die 48 Zauneidechsen im Garten sind über mehrere Monate hinweg migriert und finden in einer neu gebauten Natursteinmauer wieder ihren gewohnten Lebensraum.

Der Abriss des Hauses samt der Eibe und der Kiefer im Vorgarten steht kurz bevor.„Bäume welche infolge der Baumaßnahmen gefällt werden erfahren eine mit dem Grünflächenamt abgestimmte Ersatzbepflanzung“, sagt Markus Lechler.

Im 1974 gebauten Swimming-Pool liegt inzwischen säuberlich verpackter Bauschutt. Es rumpelt immer wieder, mit einem „Klonk“ plumpst dann und wann ein Ziegelstein in den Garten. „Da, wo Sie jetzt den Bagger stehen sehen“, sagt Markus Lechler, „stand übrigens noch ein zweites Haus, das sich die Familie Breuninger in den Garten hat bauen lassen.“

Hier lebte die Familie Breuninger: 600-Quadratmeter-Villa am Steilhang und im Garten ein Fertighaus. Foto: Sto/STZN

Ein Fertighaus aus dem Jahr 2001. „Ein Käufer hat es abgebaut“, sagt Lechler, „transportierte es nach Backnang, baut es wieder auf – und dort wird dann eine Familie ins Haus einziehen.“ Wiewohl weniger ansehnlich als die Villa wird dieses Gebäude noch einige Jahre weiter leben. Ironie der Baugeschichte.

Die Steinmetzarbeit mit dem Segelschiff über dem Eingang, die, wie Orhan Tiryaki sagt, auch einer der Wohnungskäufer bewundert hatte, könnte überleben und in den Neubau eingebaut werden. Was nicht unpassend wäre, da der vom Stuttgarter Architekturbüro Blocher Partners geplante Neubau etwas geschwungen Maritimes hat. Jene, die der Villa ein längeres Dasein gewünscht hätten, wird das vermutlich nicht trösten.

Das Abrissbeispiel zeigt, wie wichtig Denkmalschutz ist. Zum Lost Place und Abrissobjekt ist die Villa nicht jetzt erst, sondern schon viel früher geworden. Hätte man das Gebäude nicht kaputtrenoviert, hätte mehr als der Segler weiterhin das Stuttgarter Stadtbild prägen können. Doch Denkmalschutz rettet nur, wenn sich etwas zu retten lohnt.

Bilder von der Villa und dem Neubauprojekt finden sich in der Bildergalerie.

Architekten

Schmohl & Stähelin
Die Architekten Paul Schmohl und Georg Stähelin haben, wie auf der Internetplattform Landesgeschichte „leo-bw“ von Alfred Lutz (Aus: Württembergische Biographien 2, 2011) zusammengetragen wurde, weitere Villen gebaut in der Stadt: „die Erschließung des oberen Herdwegs mit einer ganzen Reihe von Einfamilienhäusern“ ist zu erwähnen; „überwiegend zum Weiterverkauf bestimmt, wurden sie zwischen etwa 1900 und 1907 im Heimatstil bzw. in neubarocken Formen errichtet.“ Repräsentative Villen hatte Schmohl auch außerhalb Stuttgarts entworfen: „die 1905/07 in Hanglage errichtete schlossartige Villa für den Ludwigsburger Zichorienfabrikanten Robert Franck in Murrhardt: barock das Äußere mit monumentaler Freitreppe, das Innere (42 Räume!) mit sehr repräsentativer Jugendstilausstattung und seinerzeit hoch modernen technischen Einrichtungen.“ Im Schwarzwald wurde auch gebaut: „die burgartig komponierte, in der Fassadengliederung jedoch eher versachlicht-modern anmutende Villa mit dominierendem Turm für den Uhrenfabrikanten Arthur Junghans in Schramberg von 1910/11 („Wohnsitz Berneck“).“

Blocherpartners
Der Neubau in der Hauptmannsreute wird vom renommierten Stuttgarter Architekturbüro blocherpartners entworfen. Das Büro hat jüngst für die Umgestaltung des Emilu Hotels in Stuttgart Architekturauszeichnungen wie „Beispielhaftes Bauen“ der Architektenkammer Baden-Württemberg erhalten. Mit Orhan Tiryaki arbeitet das Büro derzeit auch beim Bau von Holz-Hybrid-Gebäuden in Mannheim zusammen.

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