Beim Spaziergang durch den Herdweg im Stuttgarter Norden sind eine ganze Reihe außergewöhnlicher Wohnhäuser zu betrachten. Viele davon haben schon einige Jahre auf dem Buckel, sie sind Ende des 19. Jahrhunderts errichtet worden. Die meisten davon sind instandgehalten und wirken auch noch bewohnt. In einigen der historistischen Villen haben sich Ärzte, Architekten oder Versicherungsvertreter niedergelassen.
Gerade deshalb sticht die Villa mit der Hausnummer 58 so hervor. Denn sie steht leer und – wie sich herausstellt –, schon seit Jahren. „Es ist wirklich schade, eigentlich ist das hier das schönste Haus der Straße“, sagt ein Passant im Vorbeigehen. In seinem aktuellen Zustand allerdings wirkt das unter Denkmalschutz stehende Wohnhaus eher wie ein Schandfleck.
Der Glanz, den das Gebäude in der Vergangenheit ausgestrahlt haben muss, lässt sich heute höchstens noch erahnen. Das Backsteingemäuer ist ausgebleicht, der Stuck an Erker und Fensterbogen hat ebenfalls schon bessere Zeiten hinter sich, an vielen Stellen bröckelt der Putz von der Hausfassade.
Lost Place mit Spukvilla-Ambiente
Die meisten Rollläden sind halb heruntergelassen. Auch sie sind schmutzig und marode, die Fenster sind verstaubt. Das Eingangstor vermittelt vor allem den Eindruck, dass es zu einer Villa führt, in der es nachts spukt. Der Prunk von einst zeigt sich beispielsweise am Stuck an der Veranda. Unter einem Raubtierkopf ist dort auf einer Tafel die Zahl 1898 eingraviert – das Jahr, in dem das Haus fertiggestellt wurde.
Gebaut hat die Villa zwischen 1896 und 1898 Wilhelm Scholter. Der in Bern geborene Architekt arbeitete damals Professor für Architektur an der Baugewerkschule Stuttgart und hat neben einigen Villen auch das Krematorium des Pragfriedhofs entworfen. In der Villa im Herdweg wohnten nach ihrer Fertigstellung Vertreter der gehobenen Stuttgarter Gesellschaft. Der erste in den Adressbüchern vermerkte Hausbesitzer war im Jahr 1903 der Oberfinanzrat Karl Jäger.
Ab 1938 gehört das Haus der Salamander AG
Samuel Rothschild, einer der Gründer der Lederfabrik Zuffenhausen, kaufte die Villa 1910. Die Lederfabrik ging 1909 im Kornwestheimer Schuhunternehmen Salamander auf. Rothschilds Bruder Isidor war einer der ersten Gesellschafter, auch Samuel war am Unternehmen beteiligt. Er lebte bis zu seinem Tod 1924 im Herdweg, seine Frau Ida starb ein Jahr später. Beide sind auf dem Stuttgarter Pragfriedhof begraben.
Die Villa im Herdweg blieb bis 1938 in Familienbesitz, die gemeinsame Tochter Thilde lebte dort mit ihrem Mann Hermann Weil. Ab dann wird die Salamander AG in den Adressbüchern als Hausbesitzerin geführt. Ihre Firmenanteile hatte die jüdische Familie Rothschild bereits im Zuge der Arisierung 1933 abtreten müssen. Thilde Rotschild starb 1979 in London, ihr Mann 1960 in Südafrika.
Im Herdweg wohnte ab 1938 und bis mindestens in die 1950er-Jahre der Geigenbaumeister Fridolin Hamma. In der Nachkriegszeit verändert sich die Nutzung der Villa, das Haus wurde umgebaut und in drei Wohnungen aufgeteilt, im Erdgeschoss eröffnen immer wieder Unternehmen ihre Büroräumlichkeiten.
Seit 2019 steht das Haus leer, auf einem Foto der Denkmalschutzliste ist im Vorgarten ein kleiner Bagger geparkt gewesen, doch aktuell tut sich nichts. „Das Gebäude hatte schon damals Renovierungsbedarf“, sagt einer der letzten Mieter, der namentlich nicht genannt werden will. „Es ist schade und bedauerlich, dass es sich so entwickelt hat.“
Handlungsspielraum bei Lost Places
Auch bei der Stadt Stuttgart ist man mit der Situation unzufrieden. Nicht nur, dass ein städtisches Kulturdenkmal zu verrotten droht – in Zeiten eines derart angespannten Wohnungsmarkt tut jede leer stehende Wohnung besonders weh. Trotzdem hat die Stadt kaum Handlungsspielraum.
„Das Grundstück ist in Privatbesitz, da kann man nicht viel machen“, sagt Sabine Mezger, die Bezirksvorsteherin Stuttgart-Nord. Ein wenig sei über die Jahre sogar passiert, sagt Mezger. So war das Grundstück komplett zugewuchert, das ist mittlerweile nicht mehr der Fall. „Es tut sich was – und trotzdem stockt es“, sagt die Bezirksvorsteherin.
Der mutmaßliche Besitzer des Grundstücks war auch auf mehrmalige Anfrage nicht zu erreichen. Wie das Untere Denkmalamt der Stadt Stuttgart mitteilt, habe der Besitzer in der Vergangenheit verschiedene Sanierungsoptionen erwogen, jedoch nichts davon umgesetzt.
Den Schutz des Gebäudes vor dem Verfall übernimmt das Denkmalamt selbst. So ist zwar offen, wie es mit der Villa im Herdweg 58 weitergeht. Aber wenigstens bleibt das Haus Dank des Denkmalamts einigermaßen intakt. Und soll auf keinen Fall so verfallen, dass es abgerissen werden muss.
Herdweg 58
Denkmal
Seit 1938 gilt das Gebäude im Herdweg 58 als Kulturdenkmal. Begründet wurde das damals wie folgt: „Das zweigeschossige, inschriftlich 1898 datierte Wohnhaus wurde von dem Architekten Prof. Wilhelm Scholter errichtet. Der Klinkerbau mit Gliederungen und Schmuckformen aus Werkstein ist mit seiner sorgfältigen Ausführung der Details exemplarisch für den bürgerlichen Wohnhausbau im späten 19. Jahrhundert: ein weit verbreiteter Bautyp erhält durch den Rückgriff auf Einzelformen aus dem historischen Formenschatz jeweils eigenständige Ausprägung. Die dekorativen Details des Hauses Herdweg 58 orientieren sich an deutschen Vorbildern des 16. Jahrhunderts. An der Erhaltung des Hauses besteht deshalb aus wissenschaftlichen und künstlerischen Gründen öffentliches Interesse.“