Beispielhaft wohnen in Karlsruhe Erst Lost Place, dann minimalistisches Traumhaus für eine Familie

, aktualisiert am 07.07.2025 - 16:20 Uhr
Das viel gelobte Wohnhaus von Ulrike Fischer steht auf 40 Quadratmetern Grundfläche und bildet den Abschluss einer bestehenden historischen Häuserzeile in Karlsruhe-Durlach. Foto: linking architecture

Das Einfamilienhaus gilt als Sündenfall der Bauwirtschaft. Doch die Architektin Ulrike Fischer zeigt, wie der Haustyp zu retten ist. Man braucht nur viel Mut zur Lücke. Ein Besuch.

Bauen/Wohnen: Tomo Pavlovic (pav)

Manchmal hilft es ja, wenn man die richtigen Fragen stellt und sich ehrlich macht. Ulrike Fischer hat das getan. Als die Architektin und Hochschulprofessorin den Wunsch nach einem Haus für sich und ihre Familie realisieren wollte, sagte sie zu sich selbst: „Du kannst doch nicht das Gegenteil all dessen machen, was du deinen Studierenden regelmäßig erklärst und empfiehlst!“

 

Flächenversiegelung minimieren

Was die 48-Jährige den jungen Leuten in ihren Seminaren und Vorlesungen mitgibt, das ist die Vorstellung, wie Häuser besser geplant und gebaut werden können. Flächenversiegelung und Materialeinsatz minimieren, das wäre schon mal ein guter Ansatz. Noch besser als ein Neubau auf der grünen Wiese ist, das ist unbestritten, eine Bestandssanierung. Das Retten von Grauer Energie. Und wenn man alles korrekt machen will, beherrscht man die Kunst der Nachverdichtung, gleichgültig ob in einem Dorfkern oder inmitten einer Großstadt.

Klingt alles logisch angesichts des Klimawandels und der Herausforderungen an die Architektur. Doch wenn man dann selbst vor der wohl kostspieligsten Entscheidung des eigenen Lebens steht, kommt einem eventuell der Gedanke, dass man mal Fünfe gerade sein lassen sollte. In so einem Haus von der Stange kann man ja auch alt und glücklich werden. Und billiger ist es allemal.

Typische Restfläche

Nun steht man also in Karlsruhe-Durlach vor der preisgekrönten Antwort der Architektin Ulrike Fischer auf eine der umstrittensten Fragen unserer ökologisch bewegten Zeit: Wie und wo baut man heute noch ein Einfamilienhaus – und zwar mit gutem Gewissen? „Man konnte sich damals kaum vorstellen, welches Wohnpotenzial dieses Grundstück hat“, erinnert sich Ulrike Fischer. „Es war so eine typische Restfläche in der Altstadt, auf der immer zwei, drei Autos parkten. Und ich dachte nur: Das wäre doch spannend, genau hier innerstädtisch zu verdichten.“

An solchen Aussagen merkt man: Gute Architektinnen und Architekten sind fantasiebegabt und sehen manchmal Dinge, die andere nicht mal ansatzweise erkennen. Das Bespielen dieser Lücke – einem vermeintlichen Lost Place – ist eine Herausforderung: Das Grundstück bildet den Abschluss einer altstädtischen Häuserzeile, das neue Gebäude muss an ein vorhandenes anschließen. Zudem grenzt die Fläche an ein Gewerbegebiet, die Nachbarin ist eine große Werkhalle.

Nachbarn finden es gut

Und dann ist da die Grundfläche, die auch von einem Tiny House stammen könnte: lediglich 40 Quadratmeter Wohnfläche im Erdgeschoss standen zur Verfügung, dazu ein kleiner Hof, auf den Fahrrädern, Mülleimern, eine kleine, aber feine Begrünung und noch die Wärmepumpe Platz finden sollte, mit der der komplette Energiebedarf der Familie abgedeckt wird. Summa summarum 80 Quadratmeter.

So leitet sich der Werkstitel für den Bau ab: „Haus 40/80“. Auf dem sechseckigen Grundstück verwirklichte Ulrike Fischer ein viergeschossiges Privathaus ohne Keller, das sich perfekt in das vorhandene Ensemble einfügt und die Umgebung aufwertet. „Ich sehe das als Reparatur des Ortsbildes“, sagt Ulrike Fischer, die sich seit der Fertigstellung vor zwei Jahre über viel positive Resonanz von Nachbarn und Passanten freuen darf.

Die Architektin Ulrike Fischer: Seit 2019 ist Fischer Professorin für „Entwerfen, Methodik und Konstruktion“ an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes. Foto: linking architecture

Der gestockte Sichtbeton gibt dem Bau etwas Raues, Anziehendes, man will die Außenhaut des Hauses unbedingt mit den Händen fühlen. Auf die Dämmung wurde selbstredend nicht verzichtet, sie wurde im Inneren mit Schaumglas ausgeführt. Formal absolut überzeugend ist die auffällige Dachform mit der roten Biberschwanzdachdeckung, die spannende Fenstersetzung sowie die reduzierten Klappläden aus Metall.

Radikal einfach

Trotzdem fügt sich das Haus perfekt in die Nachbarbebauung ein, wirkt keinesfalls wie ein Fremdkörper. „Was mich noch heute jeden Tag freut: Es gab keine ästhetischen Zugeständnisse. In diesem Sinne finde ich es radikal einfach – und einfach schön.“

Der äußere Wow-Effekt findet seine Fortsetzung im Innenbereich. Man öffnet die Eingangstüre und befindet sich sofort in der Küche und dem Essbereich. Eine kompakte Gästetoilette findet sich auch, doch das war es dann auch schon. Denkt man.

Gefühlt sind es aber wesentlich mehr als 40 Quadratmeter Grundfläche. Alles ist hell, weiß, und vor allem: atmend. Das wirkt viel, viel größer. Haus 40/80 ist ein Raumwunder! „Wir leben hier zu dritt in der Vertikalen“, sagt Ulrike Fischer lachend, während Sie vorausgeht. Alle Besucher wundern sich, wie subjektiv das menschliche Raumgefühl ist. Hier ist es die Höhe, die weitet.

Muss man Bücher ausmisten?

Vier Geschosse werden durch eine skulpturale, dynamisch sich emporschwingende Treppe verbunden, wobei sie gleichsam als Galerie dient. Man schaut durchs Fenster auf die Altbauten der Nachbarhäuserzeile, auf Bücher. „Worauf ich besonders stolz bin, das ist der Luftraum: ein Raum mit einem Sitzfenster, das von einem Buchregal gerahmt ist. Hier spürt man die Vertikalität besonders gut“, sagt die Bauherrin und Architektin.

Sie wollte trotz der Reduktion auf eine kleinere Wohnfläche nicht auf ihre Bücher, auf Romane, Fotobücher und Architekturmonografien zu den Meistern des Fachs verzichten. Das ist schön, irgendwie tröstlich auch. Minimalisten-Influencer behaupten gern mal, ausgelesene Bücher müsse man ausmisten, altes Papier sinnlos. Als seien Bücher Wegwerfartikel.

Es geht offensichtlich auch anders. Ulrike Fischer hat an anderer Stelle gespart. „Außer bei den Bädern gibt es keine Türen“, sagt Ulrike Fischer. Das elterliche Schlafzimmer ist kaum größer als ein Doppelbett. Und die Tochter hat im Zimmer unter dem Dach ein aufgestocktes Bett, womit sie reichlich Platz gewonnen hat.

Von diesem Raum aus hat man aus dem kreisrunden Fenster einen wunderbaren Blick zum Turmberg, auch dorthin, wo viele prächtigen Wohnbauten stehen, etwa die Villenkolonie, viel Historismus und Jugendstil, aber auch viel Platz in Einfamilienpalästen.

Für Ulrike Fischer wäre das keine Option gewesen, früher nicht, jetzt nicht. Das ist nicht mehr zeitgemäß. „Ich würde mich wieder für die Lücke entscheiden: Es ist viel spannender, es ist komplexer. Zudem finde ich den Kontext inspirierend.“ Dort wohnen, wo die Wege kurz sind, fußläufig auch zum eigenen Architekturbüro, wo eine Stadt im Zentrum einen rauen Charme besitzt, Menschen aus verschiedenen Milieus zusammen- oder zumindest nebeneinander leben. „Ich wollte zeigen, dass man ganz toll leben kann, auch wenn man sich kein frei stehendes Einfamilienhaus auf die Grüne Wiese stellt.“


Die Quadratur des Kreises

Das hat die Architektin eindrucksvoll bewiesen. Ihr architektonischer Mut wurde mit zahlreichen Preisen belohnt, etwa die Prämierung Beispielhaftes Bauen des Landes Baden-Württemberg. Und beim renommierten Gestaltungspreis der Wüstenrot-Stiftung gab es eine Belobigung. Doch der beste Preis ist keine Urkunde: Es ist die Gewissheit, dass sie gelingen kann: die Quadratur des Kreises, diese verflixte Sache mit dem Einfamilienhaus. Vernünftig bauen und wohnen, und dabei richtig gut aussehen. Geht doch.

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