Die Verbindung vom Veielbrunnengebiet zum Seelberg ist ein rund 150 Meter langer, in vielen Abschnitten dunkler Durchlass unter den Bahngleisen hindurch. Foto: Uli Nagel
Eines der modernstes Viertel Stuttgarts ist vom Cannstatter Stadtteil Seelberg zu Fuß nur über einen Angstraum erreichbar. Das Problem ist 20 Jahre alt, nun könnte der Druck steigen.
Die Aufsiedelung des ehemaligen Güterbahnhof-Areals in Bad Cannstatt zwischen Wasen, Daimlerstraße und den Bahngleisen ist – neben dem geplanten Rosensteinquartier – das größte Städtebauprojekt der Landeshauptstadt Stuttgart. Wenig Autos, viel Grün, ein eigenes Regenwassermanagement und eine nachhaltige Energieversorgung sowie eine Gewerbebebauung als Lärmschutz – viele anspruchsvolle Themen wurden in dem 22 Hektar großen Baugebiet zusammengefasst und in vielen Bereichen umgesetzt.
Fußläufige Anbindung in Stuttgarter Quartier ist mangelhaft
Doch bei allem Fortschritt – ein Problem bekommen die Stadtplaner seit fast 20 Jahren nicht in den Griff: Die fußläufige Anbindung des neuen Stadtteils, in dem einmal bis zu 5000 Menschen wohnen und arbeiten werden, ist nach wie vor mindestens mangelhaft. Die einzige Möglichkeit ist der sogenannte Seelbergdurchlass, eine etwa 150 Meter lange, düstere Unterführung unter den Bahngleisen hindurch. Und dieser Gruseltunnel mit Lost-Place-Charakter steht in der Kritik, da er seit Jahren ein Angstraum für Fußgänger und Radfahrer darstellt.
Auch Stuttgarts OB Frank Nopper hat den Gruseltunnel schon inspiziert. Foto: Lichtgut
Die Unterführung, die in zwei Etappen vom Veielbrunnen bis hin zur Deckerstraße/Höhe Marienbader Straße führt, hat das Zeug dazu, Stuttgarts gruseligster Tunnel zu sein. Finster und durch mehrere Richtungswechsel ist der Durchlass unübersichtlich und verströmt durch die offen liegenden Rohre und die niedrigen Decken den Charme eines Maschinenraums. Eltern ist besonders in den dunklen Wintermonaten nicht wohl bei dem Gedanken an ihre Kinder, die sich vom Veielbrunnen aus auf den Weg zur Martin-Luther-Schule machen müssen. Doch auch für Frauen sind die rund 150 Meter ein furchterregend langer Weg.
Stuttgarts OB Nopper findet Tunnel fast schon „beängstigend“
Im Rahmen seiner Sommertour durch die Stadtbezirke nahm OB Frank Nopper vor zwei Jahren in Begleitung von Bezirksbeiräten und rund 50 Bürgerinnen und Bürgern die Problemröhre in Augenschein. Sein Fazit: „Wenig einladend, unübersichtlich, fast schon beängstigend.“ Keine Frage, auch Stuttgarts Stadtoberhaupt sah großen Handlungsbedarf. Vor allem nachdem er gehört hatte, dass der Durchlass bei Starkregen schon einmal bis zu einem Meter tief unter Wasser stand und eigentlich nur noch mit einem Schlauchboot passierbar war.
Doch warum tut sich nichts? Zumal bereits im Jahr 2007 das Büro Pesch & Partner, Sieger des städtebaulichen Wettbewerbs für das Güterbahnhof-Areal, dafür plädiert hatte, einen neuen Tunnel durch den Bahndamm zu bauen. Auch die Gemeinderatsfraktionen der SPD und der Grünen sowie der Bezirksbeirat Bad Cannstatt hatten in den vergangenen Jahren mehrfach die Verwaltung zum Handeln aufgefordert.
„Wenig einladend, unübersichtlich, fast schon beängstigend.“
Frank Nopper, Oberbürgermeister, bei einer Sommertour durch den Stadtbezirk
Stuttgart rechnet mit hohen Kosten für neuen Tunnel
Doch eine erste Machbarkeitsstudie zeigte damals schnell: Ein neuer Tunnel ist, besonders an der Anbindung zur Deckerstraße im Seelberg, nicht nur bautechnisch schwierig, sondern auch teuer. Wie teuer, das wurde dem Bezirksbeirat 2009 durch einige Studentenentwürfe aufgezeigt. Denn zwei Varianten befassten sich mit einer neuen, gut 110 Meter langen Röhre. Allein die Kosten für den Vortrieb würden mit gut fünf Millionen Euro zu Buche schlagen. Alles in allem haben die Studenten für einen Tunnelneubau elf Millionen Euro berechnet.
Der damalige Stadtplaner Heinz Sonntag sprach sogar von mindestens 20 Millionen Euro. Denn allein eine barrierefreie Anbindung an die Deckerstraße, heute gibt es dort eine Treppe und eine etwa 40 Meter lange, steile Rampe, könne mit dem Bau eines Aufzuges schnell einen zweistelligen Millionenbetrag ausmachen. Von der Aufzug-Lösung haben sich die Planer längst wieder verabschiedet. Der Grund: Mangels „sozialer Kontrolle“ an dem abgelegenen Ort besteht die Gefahr, dass der Aufzug öfter defekt als funktionstüchtig wäre.
Was die Stadt Stuttgart machen will
Erste Verwaltungsvorschläge, den bestehenden Tunnel für rund drei Millionen Euro zu verschönern, heller und vom Gefühl her damit sicherer zu machen, wurden vom Cannstatter Bürgergremium immer wieder abgelehnt. Da half es auch nicht, dass die Verwaltung sogar den Kauf eines Teils des angrenzenden Daimler-Geländes in Erwägung gezogen hatte. Im Bürgergremium herrscht nun einmal der Wunsch nach einer großen Lösung.
Laut Verwaltung soll jetzt eine schon mehrmals verschobene Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben werden und die Tunnelfrage geklärt werden. Denn den Stadtplanern ist klar: Mit jedem Quartier, das auf dem ehemaligen Güterbahnhof-Areal fertig wird, steigert sich der Druck nach einer baulichen Lösung für die finstere Röhre. Ein großes Problem dabei sind sicher die Besitzverhältnisse: Während der Tunnel im Besitz der Stadt ist, gehören die Flächen darüber der Deutschen Bahn.