Die Anteilnahme am Tod der beiden jungen Frauen war am Unfallort groß. Foto: Simon Granville
Weitere Details der tödlichen Rasertour durch Ludwigsburg kommen am achten Verhandlungstag in Stuttgart ans Licht. Mehrere Autofahrer erinnern sich mit Grauen an den Abend.
Wie haben beteiligte Autofahrer die Raser vor dem Tod von Merve (23) und Selin (22) erlebt? Die Aussagen von Zeugen am achten Verhandlungstag zum tödlichen Unfall am 20. März 2025 in Ludwigsburg wiegen schwer. Stumm und in sich gebeugt nehmen der wegen Mordes angeklagte 32-jährige G., sein zwei Jahre älterer Bruder I. und der 25-jährige Cousin K. im großen Saal des Landgerichts Stuttgart davon Kenntnis.
Am Freitag sagten mehrere Zeugen aus, die selbst mit dem Auto unterwegs waren und von den beiden schwarzen S-Klasse-Mercedes überholt worden waren. Eine 47-jährige Frau berichtete, sie sei auf dem Heimweg von der Arbeit in Kornwestheim unterwegs gewesen, als sie auf der Kepler-Brücke von den Fahrzeugen rasant passiert worden sei.
„Ich habe die Druckwelle in meinem Auto gespürt.“
Cabrio-Fahrerin, 57-jährige Zeugin
„Ich fühlte mich gefährdet und habe die Lichthupe betätigt“, sagte die Zeugin vor Gericht. Kurz danach hätten die beiden Limousinen sie ausgebremst. „Ich habe schon gedacht, das sei eine Revanche für die Lichthupe“, erklärte die Zeugin.
Als die 47-Jährige wenig später an der Unfallstelle vorbeikam, sei sie auf ein nahegelegenes Firmengelände gefahren, um auszusteigen und möglicherweise Erste Hilfe zu leisten. Dabei habe sie einen zweiten schwarzen Mercedes gesehen, der mit weit geöffneten Türen am Straßenrand gestanden habe. Die Vordersitze seien zurückgeklappt gewesen. „Ich habe gedacht, es ist der zweite Wagen und dass der Fahrer seinem Freund hilft.“ Andere Zeugen berichteten in der Vergangenheit bereits Ähnliches: Die Insassen des zweiten Autos hatten den Mercedes abgestellt und seien zum Unfallauto geeilt.
Eine weitere Zeugin, 57 Jahre alt, schilderte ihre Eindrücke ebenfalls sehr plastisch. Sie sei mit ihrem Mini auf der Friedrichstraße gefahren, als die beiden schwarzen Limousinen plötzlich auftauchten. „Ich habe die Druckwelle in meinem Auto gespürt“, sagte die Cabrio-Fahrerin, deren Wagen mit einem Stoffdach ausgestattet und deshalb lärmdurchlässiger ist. „Das muss eine Affengeschwindigkeit gewesen sein.“
Zeugin fertigt Gedächtnisprotokoll an
An einem Autorennen zweifelt die Zeugin nicht. Später, an einer Ampel, hätten die Fahrzeuge direkt vor ihr gestanden: „Es waren Sportwagen, keine SUV.“ Die Fahrer seien immer wieder ein Stück nach vorne gerollt – wie man das aus Autorennen kenne, sogar bis in den Bereich des Fußgängerüberwegs. Dann sei die Ampel auf Grün gesprungen. „Die sind richtig losgeschossen.“ Die juristisch vorgebildete Zeugin fertigte am Tag danach ein Gedächtnisprotokoll an, weil sie das gerichtliche Nachspiel erwartete.
Sehr bewegt zeigte sich auch ein 65-jähriger Mann, der an jenem Abend gemeinsam mit seiner Frau auf der Schwieberdinger Straße unterwegs war. „Wir haben plötzlich einen infernalischen Lärm gehört“, berichtete er. Zunächst habe er an tief fliegende Flugzeuge gedacht, dann habe er zwei Fahrzeuge gesehen, die nebeneinander fuhren. Die Mercedes hätten nicht gleichmäßig beschleunigt, sondern seien dabei ausgebrochen. „Es war auf jeden Fall keine ruhige Beschleunigung.“
Die beiden angeklagten Brüder sollen sich ein Autorennen geliefert haben. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Noch immer verfolgten ihn die Bilder vom Unfallort, sagte der Zeuge mit stockender Stimme. Er habe ein Auto mit aufstehender Motorhaube gesehen, aus der eine Dampfwolke aufstieg. Überall hätten Trümmer auf der Straße gelegen. Sein erster Gedanke sei gewesen: „Hoffentlich hat es niemand anderes als diese Raser erwischt.“ Wenn er heute an der Stelle vorbeifahre, lasse ihn das Geschehen nicht los, er habe immer noch damit mentale Probleme.
Die Verteidiger stellten an diesem Prozesstag keine Fragen. Die Angeklagten hüllten sich bisher in Schweigen. Ob der 25-jährige K., wie von seinem Anwalt angekündigt, in der nächsten Verhandlung in einer sogenannten Einlassung etwas zu seinem Verhalten erklärt, bleibt abzuwarten.
Die 19. Große Strafkammer des Gerichts prüft seit dem 5. Dezember, ob der Tatvorwurf Mord Bestand hat. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Männer mit hochmotorisierten Mercedes-Limousinen ein illegales Autorennen gefahren haben. Nach bisherigen Erkenntnissen sollen die Fahrzeuge im Bereich der Aral-Tankstelle Geschwindigkeiten von bis zu 150 km/h erreicht haben.
Juristisch lautet die Frage: Mord oder fahrlässige Tötung? Die Rechtsprechung bei Autorennen mit tödlichem Ausgang hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Ein wichtiges Kriterium, um auf Mord zu entscheiden, dürfte das Verhalten der Angeklagten während der Rasertour durch Ludwigsburg sein. Das Gericht geht deshalb Anzeichen nach, aus denen hervorgeht, ob die Tötung von Menschen billigend in Kauf genommen worden ist.