Ludwigsburger Raser-Prozess „Die Autos kamen angeschossen wie Flugzeuge“ – Zeugen erschüttert

Das Landgericht in Stuttgart arbeitet die Geschehnisse rund um das Unglück vom 20. März auf. Foto: Frederic Hermann)

Die ersten Zeugen zum Ludwigsburger Raser-Prozess sind am Montag in Stuttgart gehört worden. Manche von ihnen fürchteten um ihr eigenes Leben.

Ludwigsburg: Oliver von Schaewen (ole)

Im Stuttgarter Landgericht haben am Montag erstmals zahlreiche Zeugen ihre Eindrücke vom Abend des 20. März geschildert, an dem die 23-jährige Merve und die 22-jährige Selin in Ludwigsburg ums Leben kamen. Der Prozess gegen den wegen Mordes angeklagten G. und seinen ebenfalls angeklagten Bruder I. sowie dem Cousin K. war zunehmend von konkreten Beobachtungen geprägt – und von emotional schwer erträglichen Momenten.

 

Zentral blieb die Aussage des 34-jährigen V., der mit seiner Frau zu Fuß auf dem Weg zum Kaufland an der Schwieberdinger Straße war und den Unfall aus nächster Nähe miterlebte. Er habe schon von weitem die lauten Motorengeräusche gehört und sich umgedreht. „Es ging alles so schnell“, sagte er. Zwei schwarze Mercedes-Limousinen seien „angeschossen gekommen, wie startende Flugzeuge“. Augenblicke später folgte der Aufprall mit dem Ford Focus der beiden jungen Frauen. „Es hat geknallt, es war ein richtiger Feuerball“, sagte V. und erklärte das mit Reflexionen der Scheinwerfer in der Dunkelheit. Er habe in diesen Momenten auch um sein eigenes Leben und das seiner Frau gefürchtet.

Die polizeilichen Ermittlungen zogen die Mordanklage nach sich. Foto: Archiv (KS-Images.de / C.Mandu)

In der Anklageschrift hatte die Staatsanwaltschaft die Geschwindigkeit des schwarzen Mercedes auf 150 Kilometer pro Stunde beziffert. Die Richter interessierten am Montag die Details des Unfallhergangs. Der Zeuge V. berichtete von einer Vollbremsung. „Er ist voll auf die Bremse gegangen, aber beide Seiten hatten keine Chance.“ Ein Ausweichen habe er nicht wahrgenommen.

Jemand rief am Unfallort: „Die sind gestorben, die sind gestorben“

Fahrfehler bei Merve und Selin schloss der Zeuge aus. Die Dunkelheit und die Sichtverhältnisse hätten den jungen Frauen nicht ermöglicht, die extreme Geschwindigkeit der PS-starken und viel zu schnellen Mercedes der S-Klasse zu erkennen.

Unklar blieb, wen V. gesehen hat, als er beobachtete, wie ein zweites Fahrzeug rechts an den Rand gesteuert sei – ein Fahrer sei mit einer jungen Frau ausgestiegen und zum schwarzen Unfallwagen gerannt. Auf Türkisch habe jemand mehrfach nach einem Bruder geschrien und dann gerufen: „Die sind gestorben, die sind gestorben.“ Im Gerichtssaal brachen einige Angehörige der Opfer daraufhin in Tränen aus. Später sei der Fahrer nicht mehr am Unfallort zu sehen gewesen, das empfand der Zeuge als seltsam.

Warum wechselte einer der Wagen die Spur?

Am Nachmittag sagte ein weiterer wichtiger Zeuge aus: der 20-jährige L. Er berichtete, dass der unfallverursachende Mercedes kurz vor der Kollision von der rechten auf die linke Spur wechselte – ein Detail, das für die juristische Bewertung bedeutsam sein könnte. Die Richter interessierte, ob die Brüder hintereinander oder leicht versetzt nebeneinander fuhren. Ein verspätetes Ausweichmanöver – selbst wenn es letztlich wirkungslos blieb – könnte für die Frage relevant sein, inwieweit im Verlauf des Rennens eine besondere Rücksichtslosigkeit vorlag.

Warum der vordere Fahrer auswich, dürfte von entscheidender Bedeutung sein. Hatte er gar nur die Spur gewechselt, weil er zuvor das Fahrzeug einer 63-jährigen Zeugin überholt hatte? Die Frau hatte am Vormittag ausgesagt: Sie war mit ihrem Citroën stadtauswärts unterwegs, als die beiden Mercedes sie mit hoher Geschwindigkeit vor der Aral-Tankstelle passierten. Wenig später habe sie nur noch gesehen, wie es vorne „gebatscht“ habe. Die Bilder hätten sie bis nach Hause verfolgt: „Meine Tochter hat mich in den Arm genommen. Ich habe gezittert.“

Auch bereits am Vormittag war die Aussage eines jungen Mannes verlesen worden, der mittlerweile in den USA studiert. Er hatte kurz vor dem Unfall gesehen, wie einer der Mercedes eine Vollbremsung hinlegte, um nicht eine Radfahrerin zu erfassen, die an einer Fußgängerampel überquerte. Die Fahrerin sei „schockiert“ gewesen. Die Männer in den Autos hätten sich „lustig gemacht“. Sein Eindruck: „Sie fanden es cool – ihnen war es egal.“

Fotos zeigen den Angeklagten, wie er am Boden lag

Im Gericht wurden zudem Fotos gezeigt, auf denen mutmaßlich der Angeklagte G. unmittelbar nach dem Unfall zu sehen ist: Er liegt am Boden, ihm wurde geholfen. Wer sich nach dem Crash alles am Unfallort befand, wer half, wer verschwand – diese Fragen bleiben vorerst offen.

Richter und Anwälte bemühten sich, die Gespräche präzise zu führen: Wo standen die Zeugen? Welche Abstände? Welche Sichtwinkel? Denn die Einordnung der Aussagen ist entscheidend, um zu bestimmen, ob die Angeklagten mit ihrem Verhalten die Merkmale erfüllt haben könnten, die im Zentrum des Prozesses stehen: Heimtücke, Gemeingefährlichkeit und niedere Beweggründe.

Der Prozess wird in den kommenden Wochen fortgesetzt. Fest steht schon jetzt: Die Stimmen der Zeugen lassen erahnen, wie chaotisch, laut und erschütternd jene wenigen Sekunden waren, die zwei jungen Frauen das Leben nahmen – und wie schwer es sein wird, das Geschehen juristisch lückenlos zu rekonstruieren.

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