Ludwigsburger Raserprozess Todesfahrer: „Es tut mir wahnsinnig leid“ – Merves Familie findet keinen Trost

Der Vorsitzende Richter Norbert Winkelmann (Zweiter von links) gab mit der Anhörung von Merves Bruder den Opfern im Prozess ein Gesicht. Foto: Lichtgut

Mit der Erklärung des bisher schweigsamen wegen Mordes angeklagten G. hat der Ludwigsburger Raserprozess einen vorläufigen emotionalen und juristischen Höhepunkt erreicht.

Ludwigsburg: Oliver von Schaewen (ole)

Der Mordprozess um den tödlichen Verkehrsunfall auf der Schwieberdinger Straße am 20. März 2025 hat am Dienstag eine neue, zentrale Wendung genommen. Am Nachmittag des zehnten Verhandlungstages legte der Hauptangeklagte G. erstmals eine umfassende Einlassung ab und räumte seine Verantwortung für das Geschehen ein. Zuvor hatten bereits die Aussagen des Bruders der getöteten damals 23-jährigen Merve den Vormittag geprägt und den Gerichtssaal spürbar emotional aufgeladen.

 

Der Hauptangeklagte G. ergriff – im Unterschied zu den Mitangeklagten I. und K., die ihre Einlassungen von ihren Anwälten hatten vorlesen lassen – selbst das Wort. Immer wieder in Tränen ausbrechend, räumte er die Tat ein und schilderte den Unfallhergang aus seiner Sicht. Er habe an dem Autorennen an dem Abend teilgenommen. Nachdem sein Bruder die Spur wechselte, habe er plötzlich den Wagen der beiden Frauen gesehen und eine Vollbremsung eingeleitet.

Die Erinnerung an Merve und Selin wird am Unfallort wachgehalten. Foto: Simon Granville

Als er nach dem Unfall erfahren habe, dass Merve und Selin tot seien, habe ihm das „den Boden unter den Füßen weggezogen“. Sichtlich mitgenommen sagte G., er denke täglich an nichts anderes als an die beiden Frauen und deren Familien. „Ich weiß, dass ich schuldig bin und die Verantwortung trage“, erklärte er. Er habe stets auf seine Fahrkünste und die technische Ausstattung seines Fahrzeugs vertraut und nicht daran gedacht, dass jemand zu Schaden kommen könnte. „Es tut mir wahnsinnig leid, ich wollte das alles nicht.“

Richter Winkelmann will Opfern „ein Gesicht geben“

Der Vorsitzende Richter Norbert Winkelmann reagierte auf den Vortrag mit einer Nachfrage. So habe ein Bekannter der Familie ausgesagt, G. habe ihn ausgelacht, als er ihn aufgefordert habe, mit den Autorennen aufzuhören. „Ein solches Gespräch hat nie stattgefunden“, sagte G. und bestritt, näheren Kontakt zu dem Mann gehabt zu haben.

„Diesen Schmerz kann man einfach nicht beschreiben.“

Merves Bruder, Zeuge vor Gericht

Winkelmann hatte zuvor den Vormittag bewusst den Angehörigen gewidmet. Ziel sei es, so der Richter, den Opfern „ein Gesicht zu geben“. Der Bruder der 23-jährigen Merve schilderte eindrücklich die Folgen des Todes für die Familie. „Diesen Schmerz kann man einfach nicht beschreiben“, sagte er und schilderte Merve als junge Frau, „die zu allen gut war“, umsichtig fuhr und fast täglich mit ihrer besten Freundin Selin zusammengewesen und zu der sie oft nach Möglingen gefahren sei.

Rund 900 Gäste waren zur Hochzeit eingeladen

Mit dem Verlust seiner Schwester werde er nicht fertig, er habe nicht arbeiten können, erzählte der Bruder. Er habe auch die neu eingerichtete Wohnung der jungen Frau nicht betreten können – ein Umzugsunternehmen habe die Wohnung auflösen müssen, die eigentlich für die Zeit nach der Hochzeit eingerichtet worden war und bis dahin nicht benutzt war.

Merve hätte am 26. April, fünf Wochen nach dem Unfall, heiraten sollen, das maßgeschneiderte Brautkleid sei schon angefertigt gewesen, rund 900 Gäste in eine Halle in Schwieberdingen waren eingeladen. Alles musste abgesagt werden. Der jähe Tod Merves riss die Familie in eine anhaltende seelische Not. Als Richter Winkelmann nach dem finanziellen Schaden fragte, bezifferte ihn der Bruder auf etwa 20.000 Euro.

Der Bruder von Merve will eine Entschuldigung nicht annehmen

Mutter und Schwester seien seit den Vorfällen krankgeschrieben, auch der Verlobte könne bis heute nicht arbeiten, berichtete der Bruder. Unter diesen Umständen, erklärte der 32-Jährige, lehne er eine Entschuldigung der Angeklagten ab. Auch tröstende Worte des Vaters von G. und I., der im Rennen das zweite Auto gefahren hat, nach einem Freitagsgebet in der Moschee habe er nach der Tat nicht annehmen können.

Über Facebook hatte der Bruder von I. wenige Tage nach der Tat einen Brief erhalten, der im Gericht vorgelesen wurde. Richter Winkelmann zeigte sich im Zuge der Befragung verwundert darüber, dass der Bruder das Facebook-Schreiben des damals noch nicht verhafteten I. nicht gleich den Ermittlern zur Verfügung gestellt habe. Zugleich riet er den Angehörigen, psychologische Unterstützung weiterhin in Anspruch zu nehmen. „Es kann den Verlust nicht schmälern“, sagte er, „aber es hilft Ihnen, damit umzugehen“.

Welchen Leidensdruck die Angehörigen im Prozess aushalten müssen, zeigte sich an den Reaktionen, als Fotos des Unfallwagens von Merve und Selin gezeigt wurden. Die zerdrückte Karosserie, die sicher gestellten persönlichen Gegenstände, auch ein Ausweis mit dem Bild einer der Getöteten – das alles war zu viel. Die Reaktionen im Gerichtssaal fielen heftig aus. Mehrere Angehörige, die als Nebenkläger auftreten, reagierten mit lautem Schluchzen. Eine Nahestehende von Selin verließ den Saal unter Tränen und schlug die Tür hinter sich zu.

Vor der Einlassung des Angeklagten hatte das Gericht einen Sachverständigen zum technischen Zustand der Fahrzeuge gehört. Demnach hatten die umfangreichen Tuningeingriffe an den beiden Mercedes mit jeweils rund 455 PS zumindest bei einem der Fahrzeuge zum Erlöschen der Betriebserlaubnis geführt. Unter anderem seien Spurverbreiterungen und Felgen verbaut worden, die nicht zulässig gewesen seien. Der Hauptangeklagte G. hielt durch seinen Anwalt dagegen: Im Betriebsbuch, das im Handschuhfach liege, fänden sich die erforderlichen Dokumente.

Der Prozess wird am 10. Februar fortgesetzt. Mit der Einlassung des Hauptangeklagten ist nun jedoch ein zentraler Punkt erreicht – juristisch wie emotional. Für die Angehörigen der Opfer bleibt der Verlust zweier junger Frauen, deren Leben abrupt beendet wurde.

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