Stumm betritt ein Mann die Bühne: braune Soutane, abgewetzte Aktentasche. Er setzt sich links vorne an einen braunen Hammerflügel, schubst vorsichtig das Mühlrad an, das sich im Klavierpart gleich im ersten Lied zu drehen beginnt. Ganz leise klingt das, bedeckt. Pastell ist die klangliche Grundtönung des Abends, an dem es um das Lied geht, um Musiktheater und um eine traurige Liebe. In Ludwigsburg hat am Sonntagabend eine Koproduktion der Schlossfestspiele mit der Staatsoper Stuttgart Premiere: Schuberts todtrauriger Liederzyklus „Die schöne Müllerin“.
Ein greller Riss durch die Seele des Helden
Für die Augen gibt es im Schlosstheater auch kräftige Akzente. Sie sind Markenzeichen des Künstlers, der hier Schubert ins Bild bringt. Norbert Bisky, 1970 als Sohn des langjährigen PDS-Vorsitzenden Lothar Bisky in Leipzig geboren, zitiert und bricht in seinem Schaffen eine figurative, farbintensive Malerei mit sichtbarer Nähe zu Pop-Art und zum sozialistischen Realismus. Im Ludwigsburger Schlosstheater versieht er jetzt die seitlichen Kulissen mit klaren, teils knalligen Farben und Formen und stellt zwei Monitore daneben, auf denen erst ein südamerikanischer Zauberurwald, dann eine glitzernde Wasserfläche und schließlich eine hügelige Sandwüste zu sehen ist, die sich in eine Kälte-Landschaft verwandelt. Die barocke Zentralperspektive der Bühne zerschlägt schon das erste zentrale Motiv seines Hintergrund-Prospektes, ein leuchtendgelber Strahl, der von links oben nach rechts unten zeigt. Ein greller Riss, der alle Ordnung aufreißt – so spiegelt das, was sich hier „szenische Gestaltung“ nennt, die Seele des Helden.
Auch die Aktionen auf der Bühne finden zwischen zwei Polen statt. Alain Hamilton wechselt vom braunen Hammerflügel vorne links zum schwarzen Steinway hinten rechts, tauscht dabei die Soutane mal gegen einen schwarzen Frack, mal gegen einen bunten Umhang, mal gegen ein seidig glänzendes Dinnerjacket. Eine Zeit lang zieht er sich außerdem eine bunte Strumpfmaske über den Kopf.
Der Pianist als Projektionsfläche: Das ist die Grundidee eines Abends, der stark auf die narzisstischen Anteile in den von Schubert vertonten Versen Wilhelm Müllers fokussiert. Die in der „Schönen Müllerin“ ebenfalls hörbaren Selbstzweifel des Helden passen zu dieser Deutung zwar nicht, aber Momente der Selbstbespiegelung gibt es in den Texten wie in der Musik zuhauf. Tatsächlich ist der Protagonist im Liederzyklus alleine mit seinen Erlebnissen und Gefühlen, und die Frau seiner Träume erleben wir nur als Projektion. Wie sehr sein Singen und Sehnen einem Spiegelkabinett gleicht, bemerken wir jetzt spätestens in dem Moment, als er ein mit Spiegelscherben benähtes Sakko anzieht, das den Zuschauerraum mit glitzernden Reflexionen füllt.
Mingjie Lei – ein subtiler Gestalter
Der Tenor Mingjie Lei ist ein subtiler Gestalter, der in weiten Bögen denken, fühlen und singen kann, seine feinen Pianissimi haben viele Schattierungen, und auch die Sprache hat er exzellent im Griff. Bei den raschen Liedern gilt das zwar nicht immer, aber Schnelles und Lautes gibt es an diesem Abend kaum: Musikalisch ist bei dieser extrem introvertierten und zerbrechlichen „Schönen Müllerin“ immer die Handbremse eingelegt.
Aber die Augen hören mit, das Visuelle sorgt für kraftvolle Kompensation. Nachdem es aus dem Schnürboden rosa und weiße Blüten geregnet hat, legt sich Lei beim abschließenden „Gute Ruh‘, gute Ruh‘“ auf einen Felsen, bevor auf der Bühne das Licht erlischt. Schuberts Liederzyklus braucht Norbert Biskys Bebilderung nicht, aber man entdeckt neue Farben und Fragen. Und Bisky nimmt Schubert ernst. Seine ironischen Brechungen zielen nur auf den Rahmen, nie auf die Gefühle des Gesellen, den die schöne Müllerin wegen eines Jägers verließ. In der langen Galerie, die man beim Weg aus dem Schlosstheater durchschreitet, sind die Fenster zwischen den Porträts mit grünem Stoff verhängt. „Wenn’s nur so grün, so grün nicht wär‘!“, hat Mingjie Lei zuvor gesungen. Das Lied heißt „Die böse Farbe“, und es bricht einem schier das Herz.
„Die schöne Müllerin“
Termine
Weitere Vorstellungen im Ludwigsburger Schlosstheater am 3. und 6. Juli