Luftseilbahn in Stuttgart Bosch-Krankenhaus ergreift Initiative: Experten empfehlen Seilbahntrasse zur Klinik

Direkt neben der Stadtbahnhaltestelle Pragsattel könnte laut einer Machbarkeitsstudie die Talstation einer Seilbahn zum Robert-Bosch-Krankenhaus entstehen. Foto: Christian Milankovic

Weil Busse oft im Stau stecken, hat das Robert-Bosch-Krankenhaus eine Seilbahn prüfen lassen. Eine Studie sieht großes Potenzial. So könnte eine Trasse verlaufen.

Stadtentwicklung/Infrastruktur : Christian Milankovic (mil)

Die Untersuchungen möglicher Seilbahntrassen für den öffentlichen Nahverkehr in Stuttgart ziehen sich im Rathaus in die Länge. Das Robert-Bosch-Krankenhaus (RBK) auf dem Burgholzhof hat nun auf eigene Kosten in einer Machbarkeitsstudie eine mögliche Anbindung des Gesundheitscampus’ erstellen lassen. Das aktuelle Papier der Ropeway Project Group, einem Zusammenschluss von Seilbahnexperten aus Österreich und Südtirol, liegt unserer Redaktion vor.

 

Ausgangspunkt der Überlegungen, das Krankenhausareal mit einer Seilbahn zu erschließen, ist die teilweise schlechte Erreichbarkeit der Klinik. Die Auerbachstraße, die den Burgholzhof mit dem Verkehrsknotenpunkt Pragsattel verbindet, ist regelmäßig überlastet. In dem Stau dort stehen auch die Busse der Linie 57, die planmäßig die Klinik im Zehn-Minuten-Takt vom Pragsattel aus anfahren sollen.

Entlastung durch Seilbahn zum RBK?

„Vor diesem Hintergrund ist eine deutliche Verbesserung des Verkehrskonzepts erforderlich, um sowohl die Erreichbarkeit des Krankenhauses als auch die Mobilität im Wohngebiet nachhaltig zu verbessern“, heißt es in der Machbarkeitsstudie. Eine urbane Seilbahn könne „hierbei nicht nur eine Entlastung schaffen, sondern zugleich als Modellprojekt für innovative Verkehrsplanung dienen“.

Dass ein solches Vorhaben an fehlender Nachfrage scheitern könnte, ist nicht zu erwarten. Die Studie nennt Zahlen. So arbeiten rund 3000 Menschen im RBK, jährlich werden dort etwa 40 000 Patienten stationär behandelt, dazu komme noch ein „hoher ambulanter Patientenaufwand“. Aus alldem ergebe sich „eine konstante, gleichmäßige Mobilitätsnachfrage über den Tag hinweg“.

Seilbahn für Vaihingen seit langem im Gespräch

Dass Seilbahnen dabei helfen können, bestehende Nahverkehrsnetze zu ergänzen, hat vor kurzem erst der Großraum Paris gezeigt. Dort wurde eine mehr als vier Kilometer lange Seilbahn in Betrieb genommen, die an einer Endhaltestelle der Metro beginnt, und neue Verbindungen in Umlandgemeinden herstellt. In Stuttgart ist es bisher nur bei Überlegungen geblieben. Am konkretesten wurde eine Seilbahn im Bezirk Vaihingen betrachtet. Ein Ergebnis der Untersuchung steht weiterhin aus.

Möglicher Verlauf einer Seilbahn vom Pragsattel zum Robert-Bosch-Krankenhaus Foto: Yann Lange/ 

Ein höheres Tempo legt das RBK vor mit der nun fertiggestellten Machbarkeitsstudie, die verschiedene Varianten in den Blick genommen hat. Die Talstation wäre bei allen Trassen auf einer Wiese südwestlich der bestehenden Stadtbahnhaltestelle Pragsattel, an der die Linien U6, U7, U13, U15 und U16 halten. Die kürzeste Variante führt von dort über die Stadtbahnhaltestelle und den großen Straßenknoten am Pragsattel hinweg zur Bergstation, die am Westrand des Klinikareals liegen würde. Durch die aktuellen Umbauten des RBK rückt der künftige Haupteingang ebenfalls in diese Richtung. Kurze Wege zwischen Seilbahnstation und Krankenhauspforte wären also gegeben.

Experten haben drei Varianten der Seilbahn geprüft

Die zweite Variante entspricht im Großen und Ganzen der ersten, nutzt aber die Bergstation nur als Mittelstation, quert das Krankenhausareal und endet nordwestlich des Kreisverkehrs am Albert-Luthuli-Platz unweit der ersten Häuser des Stadtteils Burgholzhof. „Direkte Anbindung der Wohnbevölkerung, Potenzial zur Förderung des öffentlichen Verkehrs jenseits des Krankenhausbetriebs“ notieren die Studienautoren als Vorteile einer solchen Lösung. Denen stehen allerdings höhere Kosten und „möglicher Widerstand durch zusätzliche Seilbahnstützen im Krankenhausbereich“ gegenüber.

Eine darüber hinaus untersuchte Trasse führt vom Pragsattel an die Südostseite des RBK, dort soll ein zentraler Neubau des Krankenhauses entstehen. Der würde durch eine Mittelstation erschlossen, die Bergstation läge in etwa auf Höhe der Einmündung der James-F.-Byrnes-Straße in die Auerbachstraße. Zwar biete diese Variante eine bessere Anbindung des Wohngebietes, gewähre aber keinen direkten Zugang zum Krankenhaus; und das auch noch zu höheren Kosten und bei einer längeren Fahrzeit.

Kabinen auch für Kinderwagen und Fahrräder geeignet

Die Studienautoren sprechen sich daher für die Verbindung zwischen dem Pragsattel und dem Vorplatz des Haupteingangs aus. Diese Variante biete „das beste Verhältnis aus Effizienz, Investitionsbedarf und unmittelbarer Wirkung auf die verkehrliche Entlastung“. Zum Einsatz soll eine sogenannte kuppelbare Einseil-Umlaufbahn kommen. Das bedeutet: Das Seil, das die Kabinen trägt und gleichzeitig für deren Vortrieb sorgt, läuft mit einer konstant hohen Geschwindigkeit. In den Stationen werden die Kabinen vom Seil getrennt und abgebremst, sodass ein Einstieg bequem möglich sei. Die Kabinen seien geeignet, „auch Rollstuhlfahrende, Personen mit Kinderwagen, Fahrräder oder Gepäck wie Koffer oder Trolleys zu befördern“. Nach dem Passieren der Station werden die Gondeln wieder auf die Geschwindigkeit des Seils beschleunigt und mit ihm automatisch verbunden.

Fünf Stützen zwischen Pragsattel und Robert-Bosch-Krankenhaus

Die rund 500 Meter lange Seilbahnstrecke kommt mit fünf Stützen aus. Eine Fahrt würde eine Minute und 40 Sekunden dauern. Die 14 Kabinen könnten in einer Stunde 1500 Fahrgäste je Richtung transportieren. Sie wären für je zehn Personen ausgelegt, alle 24 Sekunden würde eine davon auf die Reise gehen und dabei eine Geschwindigkeit von 18 Kilometer in der Stunde erreichen.

Die durch den Bau und den Betrieb ausgelöste Betroffenheit ist aus Sicht der Studie zu beherrschen. „Die für bauliche Maßnahmen benötigten Flächen befinden sich im Besitz der Stadt Stuttgart oder des Robert-Bosch-Krankenhauses.“ Private Grundstücke würden „lediglich überflogen, ohne bauliche Nutzung, was den Genehmigungsaufwand reduziert“. Auf Plänen in der Studie ist zu erkennen, dass es sich dabei in erster Linie um die Weinberge nördlich des Pragsattels handelt.

Die Studie nennt auch eine Kostenschätzung für die vorgeschlagene Lösung. In den knapp 16,7 Millionen Euro sind auch fast 2,7 Millionen Euro als Risikozuschlag enthalten. Das RBK hat die Machbarkeitsstudie an die Rathausspitze und an die Gemeinderatsfraktionen von CDU und Grünen weitergeleitet.

Weitere Themen