Männer und Gewalt „Opfer zu werden, ist das Gegenteil von Männlichkeit“

Viele der betroffenen Männer erleben sowohl physische als auch psychische Gewalt. Foto: imago/Depositphotos

Männer gelten vor allem als Täter. Dass sie auch Opfer sind, wird meist wenig wahrgenommen. Die Sozialwissenschaftlerin Anne Maria Möller-Leimkühler will für mehr Sichtbarkeit sorgen.

In Deutschland wurden im Jahr 2024 laut aktuellem Lagebericht des Bundeskriminalamts (BKA) 308 Mädchen und Frauen getötet. Im selben Jahr wurden 265 942 Menschen Opfer häuslicher Gewalt, ein neuer Höchststand. Die Opfer sind mit 70,4 Prozent überwiegend weiblich. Im Bereich der Partnerschaftsgewalt stieg die Zahl der Opfer um 1,9 Prozent auf 171 069. Die Dunkelziffer ist deutlich höher, laut BKA liegt die Anzeigequote unter zehn Prozent, bei Partnerschaftsgewalt unter fünf Prozent. Partnerschaftsgewalt trifft nach wie vor überwiegend Frauen: rund 80 Prozent der Opfer sind weiblich. Unter den Tatverdächtigen dagegen sind Männer weiterhin deutlich überrepräsentiert (77,7 Prozent).

 

Männer gelten vor allem als Täter. Dass sie aber auch zu Opfern werden, wird meist wenig wahrgenommen. Die Stiftung Männergesundheit will für mehr Sichtbarkeit sorgen: Daher widmet sich der 6. Männergesundheitsbericht, den die Organisation gerade herausgegeben hat, dem Thema Gewalterfahrungen von Jungen und Männern. Die Sozialwissenschaftlerin Anne Maria Möller-Leimkühler, Mitherausgeberin des Berichts, erklärt die Hintergründe.

Frau Möller-Leimkühler, was am neuen Männergesundheitsbericht hat Sie am stärksten überrascht?

Überrascht hat mich, wie stark Jungen und Männer in verschiedenen sozialen Kontexten von Gewalt betroffen sind. Natürlich war klar, dass auch sie Gewalt erleben und nicht nur Frauen. Es wird aber viel zu wenig berücksichtigt, dass Männer und Jungen ebenfalls substanziell Gewalt erfahren. Sie tritt in einer Vielzahl von Lebensbereichen auf, und zwar vorwiegend im öffentlichen Raum durch andere Männer. Gewalt beginnt in der Kindheit mit Misshandlung und Vernachlässigung, setzt sich über Schule und Mobbing fort und reicht bis ins Berufsleben. Auch Männer mit Behinderung oder Pflegebedarf erleben häufig Gewalt.

Anne Maria Möller-Leimkühler Foto: Wolf Heider-Sawall

Haben Sie dafür konkrete Zahlen?

Die Datenlage war lange schlecht. Erst seit Kurzem gibt es repräsentative Studien. Ob die Gewalt gegen Männer zugenommen hat, lässt sich daher nicht sicher sagen. In neueren Studien gaben allerdings 20 bis 30 Prozent der befragten Männer an, in ihrer Kindheit mindestens einmal misshandelt worden zu sein. In einer repräsentativen Studie des Kriminologischen Instituts Niedersachsen aus dem Jahr 2024 berichteten zudem 54 Prozent der Männer von Gewalterfahrungen in einer Partnerschaft. In derselben Studie zeigte sich aber auch, dass 55 Prozent der Opfer selber gewalttätig waren. Interessant ist: Je genauer man nach Gewaltformen fragt, desto differenzierter beantworten Männer die Fragen.

Um welche Art von Gewalt handelt es sich?

Im öffentlichen Bereich ist es körperliche Gewalt, im sozialen Nahraum eher psychische Gewalt. In der Kindheit kommen alle Formen vor: körperlicher, emotionaler und sexueller Missbrauch sowie körperliche und emotionale Vernachlässigung. Sexueller Missbrauch betrifft insgesamt häufiger Mädchen und Frauen, aber in bestimmten Kontexten – etwa im kirchlichen Bereich – eher Jungen.

Wie definieren Sie Gewalt grundsätzlich?

Es gibt unterschiedliche Definitionen. Der Soziologe Ludger Jungnitz betont zum Beispiel die Opferperspektive: Gewalt ist jede Handlung eines anderen, die mir Verletzungen zufügt oder deren Verletzungsabsicht ich annehme. In unserem Bericht benennt jeder Autor seine Definition, damit klar ist, wovon ausgegangen wird.

Ist Gewalt gegen Männer ein Tabuthema?

Ja, eindeutig. Forschung, Politik und Öffentlichkeit konzentrieren sich stark auf Gewalt gegen Frauen – völlig zu Recht, denn Frauen sind besonders betroffen. Dazu wurde auch sehr viel geforscht und Gewaltschutz und -hilfe für Frauen gesetzlich festgeschrieben. Für Männer gibt es Vergleichbares nicht. Wir haben gesellschaftlich immer noch dieses Klischee: Männer sind die Täter und Frauen die Opfer. Männern fällt es selbst schwer, sich als Opfer zu sehen, weil das ihrer männlichen Identität widerspricht. Die Gesellschaft kann sich kaum vorstellen, dass Männer auch Gewaltopfer sein können.

Welche Rolle spielen dabei traditionelle Männlichkeitsnormen?

Sie sind ganz entscheidend. Demnach muss ein Mann stark und durchsetzungsfähig sein, er teilt aus, muss aber auch einstecken können. Gewalt ist im Männlichkeitsbild schon als Komponente vorhanden. Opfer zu werden, ist das Gegenteil von Männlichkeit. Das ist schwer erträglich und führt zu Scham. Deshalb werden Opfererfahrungen in Polizeistatistiken unterschätzt. Dunkelfeldstudien, also repräsentative Studien, zeigen, dass die Wirklichkeit anders aussieht.

Welche Folgen haben Gewalterfahrungen für die Betroffenen?

Frühe Gewalterfahrungen beeinflussen die Hirnentwicklung und überlasten das Stresssystem, das dadurch chronisch überaktiv wird. Das bewirkt eine deutlich erhöhte Vulnerabilität. Ohne Behandlung kann Gewalt langfristig zu erheblichen psychosozialen Problemen führen sowie zu psychischen Erkrankungen wie Angststörungen, Depressionen, Posttraumatischen Belastungsstörungen oder Suizidalität. Außerdem sind körperliche Erkrankungen wie Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes, Atemwegserkrankungen oder Krebs nachgewiesen. Besonders gravierend sind diese Folgen, wenn Betroffene wiederholt oder auch verschiedene Formen von Gewalt erfahren mussten.

Also etwa kombinierte körperliche und psychische Gewalt?

Genau. Und das ist die Regel. Etwa 50 Prozent der befragten Männer geben in aktuellen repräsentativen Studien an, mehr als eine Gewaltform erlebt zu haben.

Gibt es Gruppen, die besonders gefährdet sind?

Ja. Es besteht ein starker Zusammenhang zwischen sozioökonomischer Lage und Gewaltbetroffenheit. Männer in Armut oder in chronischer Arbeitslosigkeit sind häufiger betroffen, Geflüchtete ebenfalls. Und psychisch kranke Menschen sind, anders als oft angenommen, eher Opfer als Täter. Das gilt auch für Obdachlose.

Was sollte die Prävention leisten?

Zum einen den Opferschutz stärken – hier steht Deutschland bei Männern noch am Anfang. Es gibt etwa zwölf Schutzwohnungen für Männer, gegenüber 500 für Frauen. Die Beratungsangebote sind rudimentär. Parallel braucht es Gewaltprävention in Kitas, Schulen und Familien sowie mehr Bewusstsein für Mobbing. Ganz entscheidend ist, Männer als Gewaltopfer wahrzunehmen und Geschlechterstereotype abzubauen. Das ist auch der Sinn unseres Männergesundheitsberichts: nämlich Diskussionen und gesellschaftliche Diskurse dazu anzuregen.

Expertin für Männergesundheit

Karriere
Anne Maria Möller-Leimkühler hat in Medizinischer Soziologie promoviert und ist außerplanmäßige Professorin für Sozialwissenschaftliche Psychiatrie an der LMU in München.

Forschung
Möller-Leimkühler forscht vor allem zur Männergesundheit.

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