Malteser betreuen Kinder im Kreis Esslingen Spielzeit entspannt die „Kita-strophe“ – Hilfe für berufstätige Eltern

Die „Kunterbunt“-Kinder aus Nellingen genießen es, mit ihrer Betreuerin mit Sand zu spielen. Foto: Ines Rudel

Mit dem „Offenburger Modell“ hat der Malteser-Hilfsdienst ein Konzept gefunden, um gekürzte Betreuungszeiten in Kindertagesstätten abzufedern. Geschulte Mitarbeitende betreuen die Kinder in den Randzeiten. In Nürtingen, Ostfildern und Aichtal klappt das.

Der Fachkräftemangel trifft Kindertagesstätten im Kreis Esslingen hart. Weil viele Träger die Betreuungszeiten kürzen müssen, bekommen berufstätige Eltern Probleme. Um diese abzufedern, erproben einige Kommunen im Kreis das sogenannte Offenburger Modell. Die Malteser bilden Spielzeitbetreuerinnen und -betreuer aus, die zwar keine pädagogische Ausbildung haben, aber sehr gut geschult sind. In der Nellinger Kindertagesstätte „Kunterbunt“ läuft das Projekt erfolgreich. Auch in Nürtingen und in Aichtal entspannt das neue Angebot die Lage für viele Familien.

 

Trotz frostiger Temperaturen spielen die Jungen und Mädchen nachmittags mit Sand. Im Spielzimmer in der Nellinger Kindertagesstätte „Kunterbunt“ haben die Spielzeitbetreuerinnen Sand auf die Tische geschüttet. Die Kleinen häufen Hügel auf, basteln Blumen oder fantasievolle Ornamente. Die 23-jährige Amina Abdul betreut die kleine Gruppe. Sie ist in ihrer Freizeit für die Malteser tätig.

„Wir schulen unsere Kräfte in 39 Stunden intensiv“, sagt Flora Kicmari. Die Leiterin der Spielzeitbetreuung der Malteser im Kreis Esslingen freut sich über den Erfolg des Modells, das 2023 erstmals in der Stadt Offenburg erprobt wurde. Im Kreis Esslingen hat Kicmari bereits 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das stundenweise Angebot ohne Fachkräfte wurde in der badischen Kreisstadt 2023 als Pilotversuch mit den Maltesern eingeführt und nach einem halben Jahr in den Regelbetrieb übernommen. Seither folgten weitere Städte wie Freiburg, Radolfzell und Bietigheim.

„Wir arbeiten zwar nicht mit Fachkräften“, sagt Flora Kicmari, „aber eine gute Schulung ist uns wichtig.“ Die pädagogische Leiterin des Malteser-Projekts macht die Frauen und Männer fit für den Umgang mit den Kindern. Rechtliche Fragen sind ebenso Thema wie Erste Hilfe und Grundlagen der Pädagogik. Einmal pro Woche kommen die Fachkräfte zum Austausch zusammen. Dann spricht Sabine Sommer, die die Spielzeitbetreuer in Ostfildern betreut, mit ihnen Probleme an, die im Kita-Alltag auftauchen. Bei der Bewerbung schaue man genau, ob die angehenden Spielzeitbetreuer für die Aufgabe geeignet sind, sagt Flora Kicmari. Dass immer wieder junge Menschen dabei sind, die sich den Wechsel in den Erzieher-Beruf vorstellen können, freut sie besonders.

Eltern in Ostfildern gegen die „Kita-strophe“

Wegen des Fachkräftemangels sah sich die Stadt Ostfildern wie viele andere Kommunen gezwungen, die Betreuungszeit zu kürzen. Dagegen hatten Eltern heftig protestiert. Ihr Sprecher Markus Kröll sprach von einer „Kita-strophe“. Er verwies darauf, dass Eltern um ihre Arbeitsplätze fürchteten, weil sie die Betreuung nicht geregelt bekommen. Im Gemeinderat der Großen Kreisstadt ist das Thema Fachkräftemangel ein Dauerthema. Intensiv suchten die Kommunalpolitiker nach Lösungen.

Angesichts dieser angespannten Situation nahm Kerstin Pichler, die bei der Stadt Ostfildern für Kinder und Jugend zuständig ist, Kontakt zu den Maltesern auf. Im September startete das Projekt, das montags bis freitags die Betreuung der Kinder von 13.30 bis 15.30 Uhr sichert, zunächst als Pilotprojekt. Nach den ersten erfolgreichen Monaten kann sich Pichler vorstellen, dass das Angebot auch in anderen Einrichtungen umgesetzt wird. Darüber entscheidet der Gemeinderat. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf auf kommunaler Ebene möglich zu machen, das ist für Kerstin Pichler wie für die Stadträte die zentrale Aufgabe.

Wie stehen die pädagogischen Fachkräfte zu dem neuen Angebot? „Erst mal waren wir skeptisch“, gibt Cristina Busato offen zu. Sie leitet die Kita „Kunterbunt“ in Nellingen, steht nach 29 Jahren im Beruf kurz vor der Rente. Denn die Kräfte, die für die Malteser arbeiten, seien eben keine langjährig ausgebildeten Fachkräfte. Durch den guten Kontakt mit den Maltesern habe das Ostfilderner Kita-Team aber schnell gemerkt, „dass uns das zweistündige Angebot von 13.30 bis 15.30 Uhr entlastet.“

Kinder genießen die freie Spielzeit

Das sieht auch der stellvertretende Leiter Gianluca Iraci-Sareri so: „So haben wir mehr Zeit für die vielen Zusatzaufgaben, zum Beispiel in der Dokumentation.“ Wichtig ist ihm, den Übergang im Kindergartenalltag für die Jungen und Mädchen möglichst entspannt zu gestalten. Bevor die Betreuungszeit in der Kita endet, treffen sich alle mit den Spielzeitbetreuern im Kreis, singen ein Lied oder sprechen über ihre Pläne. Daran hätten sich die Kinder schnell gewöhnt. Sabine Sommer von den Maltesern beobachtet einen weiteren Vorteil. Die Spielzeitbetreuung ersetze die pädagogischen Fachkräfte nicht. „Aber die Kinder genießen es auch, mal zwei Stunden ganz frei zu spielen.“ Spaß, Bewegung und Kreativität stehen für Sommer im Fokus.

Positives Feedback gibt es auch von den Eltern. Dass die Familien durch das zusätzliche Angebot mehr Planungssicherheit haben, begrüßt ein Vater. Er hofft, dass das Modell nach der Pilotphase auch in anderen Kitas in Ostfildern Schule macht. Allerdings sieht er eine Gefahr. Die Spielzeitbetreuung darf aus Sicht der Eltern nicht dazu führen, dass das fachpädagogische Angebot ausgedünnt wird.

Spielzeitbetreuung macht Schule

Die Anfänge
Nürtingen war die erste Stadt im Kreis Esslingen, die das sogenannte Offenburger Modell des Malteser Hilfsdiensts umgesetzt hat. Seit dem 1. Juli 2024 sind die Spielzeitbetreuer in der Nürtinger Kindertagstätte Enzenhardt

Dringender Bedarf
Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung fehlen in Baden-Württemberg 2025 fast 15 000 pädagogische Fachkräfte für die Betreuung von Kindern in Kindertagesstätten. Diesen Mangel spüren nahezu alle Kommunen bereits jetzt und angesichts des demografischen Wandels wird er sich verschärfen. Die Malteser Neckar-Alb entschärfen mit der Spielzeitbetreuung die Probleme vieler Eltern, die wegen der Ausfälle um ihre Jobs fürchten müssen.

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