Paramilitärische Einheiten, die durch die Straßen marodieren, angeblich um eine von linken Unruhestiftern gefährdete Ordnung zu verteidigen: im Italien des Faschismus sahen sie so aus. Foto: IMAGO/United Archives
Der Faschismus ist auf dem Vormarsch. Der italienische Autor Marco Balzano erzählt in der Ich-Perspektive von jemandem, der sich in einem Abgrund der Schuld verstrickt.
Gerade kehren Kinder aus einem Ferienlager der Arbeitergenossenschaft zurück, wo sie von ihren Eltern erwartet werden, da mischt sich mit wüsten Provokationen ein paramilitärischer Trupp ins Getümmel und beginnt vor den Augen tatenloser Polizisten wahllos die Väter der verzweifelten Kinder zusammenzuschlagen.
Vermutlich würde man eine Szene wie diese gerade in den USA verorten. Doch sie stammt aus dem Roman „Bambino“ des italienischen Autors Marco Balzano und spielt 1919 in Triest. Der Faschismus ist auf dem Vormarsch. In vorderster Front prügelt sich die Titelfigur mit dem unschuldigen Spitznamen durch die Leere seines Lebens. Was geht in so jemandem vor? Hier erfährt man es aus der Ich-Perspektive. Es ist ein gefährlicher Grat, auf dem sich der Roman damit bewegt. Doch gerade vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen könnte es sinnvoll sein, daran zu erinnern, dass das Herz der Finsternis sein Blut nicht in Schwarz-Weiß pumpt.
Eines Tages erfährt Mattia alias Bambino, dass er nicht das Kind seiner Mutter ist, sondern der Affäre seines Vaters mit einer Unbekannten entstammt. Fortan ist er besessen von der Idee, herauszufinden, wer seine leibliche Mutter ist. Auch im Verhältnis zum Vater, einem wortkargen Uhrmacher in Triest, steht es nicht zu besten. Und es wird nicht besser, als sich der Junge mit dem Engelsgesicht den Schwarzhemden anschließt, die immer häufiger in der Stadt zu sehen sind. Hier findet der, der sich von niemand gemocht fühlt, „Brüder“, deren brutaler Furor ihm ein Gefühl der Allmacht verschafft.
Balzano liefert dem Täter kein Alibi in Gestalt eines in sich stimmigen Psychogramms. Der Gefahr einfühlender Relativierung entgeht er, indem er nicht die Konsistenz, sondern die Brüche in der Selbstbeschreibung offenlegt. Man muss diesem Bambino nicht alles abnehmen.
Mussolinis imperialer Bluff
Lieber als Menschen mag er Blumen, Tiere und Planeten, doch seine Neigung zur Natur hindert ihn nicht daran, Eidechsen aufzuschlitzen, Tauben aus Langeweile die Köpfe abzuschlagen und später mit denen gemeinsame Sache zu machen, die den Planeten in ein säkulares Blutbad verwandeln.
„Mir blieb nichts anderes übrig, als gefürchtet zu sein.“ Der überzeugte Faschist, den er spielt, war er nie. Der Duce wird ihm rasch immer verhasster, er durchschaut, wie trotz des imperialen Bluffs die Armut zunimmt. An seinem Handeln ändert es nichts.
Mit Blut markierte Grenzen
Ort der Grenzüberschreitungen ist die multiethnische Hafenstadt an der Adria. „Triest gehört allen“, sagt sein Vater. Doch dann reißen es sich die Faschisten unter den Nagel, nach ihnen die SS und schließlich Titos Geheimpolizei. „Jeder markiert seine Grenzen mit dem Blut des anderen“, und Bambino tunkt seine Hände mit Lust in das, wovon er sich die meisten Vorteile seitens der jeweils Herrschenden verspricht.
Als die römischen Grüße seiner Kumpane weniger zackig werden, spitzelt er für die Nazis, später für den jugoslawischen Volksschutz. Doch auch er will lieben, kann beim Anblick Enthaupteter weinen und macht zur Bedingung seiner Denunziationen, dass er vom Schicksal der Verratenen nichts erfährt. Er habe nie einen Juden ausgeliefert, hält er sich zugute. Versucht hat er es schon, als Rache für die Zurückweisung einer Frau, die er zur Liebe gepresst hat.
Am Ende steht Bambino, der hier noch einmal sein Leben an sich vorbeiziehen lässt, vor einem Abgrund der Schuld. Abgezehrt und ein wenig bucklig wäre er schnell bereit, seine Verbrechen zu vergessen, im Einklang mit Blumen, Tieren und dem Lauf der Planeten. „Die Natur wird die Toten ruhen lassen, und mit ihnen die Fehler, die auch ich über so viele Jahre begangen habe.“ Aber das ist nicht das letzte Wort, weder für ihn, noch für seine Fehler.
Marco Balzano: Bambino. Aus dem Italienischen von Peter Klöss. Diogenes Verlag. 256 Seiten, 21,99 Euro.
Info
Autor Marco Balzano, geboren 1978 in Mailand, ist zurzeit einer der erfolgreichsten italienischen Autoren. Er schreibt Gedichte und Essays, Erzählungen und Romane. Mit seinem Roman „Das Leben wartet nicht“ gewann er den Premio Campiello. Mit dem internationalen Bestseller „Ich bleibe hier“ über ein im Stausee versinkendes südtiroler Dorf war er nominiert für den Premio Strega. Er lebt mit seiner Familie in Mailand.