Maren Schaller aus Ditzingen Junge Frau berichtet auf Instagram über ihren Brustkrebs

Maren Schaller hat eine Chemotherapie, eine Operation und eine Strahlenbehandlung hinter sich. Foto: Simon Granville

Maren Schaller hat Anfang des Jahres die Diagnose Mammakarzinom erhalten – mit gerade mal 26 Jahren. Ihr Schicksal teilt sie bei Instagram mit mehr als 40 000 Followern.

Die Haare wachsen wieder. Auf ihrem Kopf trägt Maren Schaller eine Stoppelfrisur, und auch die Wimpern und die Brauenhärchen unter dem Permanent-Make-up sind zurück. Die nahezu schwarzen Haare und die großen braunen Augen lassen ihre makellose Schneewittchen-Haut noch ein bisschen heller erscheinen. Wenn sie spricht und lacht, blitzt im Mund ein Zungenpiercing. Wer sie kennenlernt, kann kaum glauben, dass sie miese Laune haben könnte.

 

Doch Maren Schaller kennt schwere Tage zur Genüge. Der schlimmste Tag in ihrem bisherigen Leben war der 11. Januar 2022. Ein Datum, das sich in ihr Gedächtnis eingebrannt hat. Da hat sie die Diagnose Brustkrebs bekommen. Zwei Tumore. Einer in der linken Brust, Durchmesser 4,3 Zentimeter, außerdem ein befallener Lymphknoten in der Achselhöhle. Und das mit 26 Jahren.

Plötzlich ist er da, der Golfball unter der Haut. Als sich Maren Schaller zwischen Weihnachten und Silvester 2021 ihren BH anzieht, entdeckt sie den Knoten. Oh Gott, da ist etwas Hartes! An Brustkrebs denkt sie da noch nicht. Sie ist doch so jung. Eine Zyste oder verklebtes Gewebe vielleicht? Sie geht in die Gynäkologie-Notfallsprechstunde, von dort wird sie zur Abklärung ins Brustzentrum nach Böblingen geschickt. Den Termin bekommt sie schnell, weil jemand abgesagt hat. Zum Glück. „Hätte ich länger gewartet, hätte ich Metastasen gehabt“, sagt Maren Schaller.

Ihr Tumor ist besonders aggressiv

Ihr Brustkrebs, das erfährt sie später nach der Biopsie, ist aggressiv mit einer besonders hohen Zellteilungsrate. „Ich konnte spüren, wie der Tumor innerhalb einer Woche wächst. Alle dachten, ich bilde mir das ein.“ Das Gesicht der Ärztin, die während des Ultraschalls verstummt und immer wieder mit dem Schallkopf über dieselbe Stelle fährt, vergisst Maren Schaller nie. „Da wusste ich, es ist was Ernstes. Sie hat mich angeschaut und gesagt: Frau Schaller, ich glaube, Sie haben Brustkrebs.“

Vieles ist seit dem 11. Januar an ihr vorbeigerauscht. Ein halbes Jahr lang ließ sie eine Chemotherapie über sich ergehen, 18 Sitzungen. Dann erfolgte eine Operation. Obendrein macht sie eine Strahlentherapie, an diesem Morgen hat sie Bestrahlung 24 von 28 hinter sich gebracht. Genesung als Mammutprojekt.

Nun sitzt sie in ihrer hell eingerichteten Wohnung in Ditzingen am großen Esstisch, während ihre Hündin Nala, ein winziger Wuschel, um ihre Füße tollt. Ihr Freund Laurin ist bei der Arbeit. Präsent ist er in der Wohnung trotzdem – auf Schwarz-Weiß-Bildern. Die Fotos zeigen Maren Schaller noch mit langen Haaren. Ihnen galt an jenem 11. Januar ihre erste Sorge. „Mein erster Gedanke war: Ich verliere meine Haare“, sagt sie. Der zweite Gedanke: Werde ich je eine Familie gründen können? Der dritte: Kann ich daran sterben?

Maren und Laurin lernen sich im März 2021 kennen. Eine Online-Liebe zu Coronazeiten. „Es hat einfach gepasst, wir waren gleich auf einer Wellenlänge“, erzählt sie. Als nur wenige Monate später der Krebs kommt, begleitet der 27-Jährige sie zu Ärzten, stärkt ihr den Rücken, wenn die Verzweiflung sie wieder übermannt, hilft im Alltag. Als sie das erste Chemo-Medikament nicht verträgt und unter Luftnot und blutenden Hautrissen leidet, weicht er nicht von ihrer Seite. „Teilweise konnte ich mich nicht waschen. Nach der Eierstock-Operation konnte ich nicht aus dem Bett aufstehen“, sagt sie. Noch vor dem Start der Chemotherapie hat Maren Schaller sich einen halben Eierstock entfernen und einfrieren lassen. „Mein größtes Lebensziel ist, einmal Kinder zu kriegen“, sagt sie.

Eine von acht Frauen in Deutschland erkrankt im Lauf ihres Lebens an Brustkrebs. Es ist laut der Deutschen Krebsgesellschaft bundesweit mit etwa 30 Prozent aller Fälle die häufigste Tumorerkrankung bei Frauen. Aktuell bekommen demnach knapp 70 000 Frauen pro Jahr die Diagnose Mammakarzinom gestellt, zusätzlich werden jedes Jahr etwa 6000 Mal Vorstufen von Brustkrebs gefunden. Jüngere Frauen sind selten betroffen, vom 40. und besonders vom 50. Lebensjahr an erhöht sich das Risiko prägnant, nach dem 70. Lebensjahr sinkt es dann wieder.

Die Suche nach der passenden Perücke

Seit den 80ern hat sich die Zahl der Fälle laut der Deutschen Krebsgesellschaft verdreifacht, die Sterberate ist dennoch seit Jahrzehnten rückläufig. Zwar erliegen mehr als 18 000 Frauen jährlich dem Brustkrebs, aber knapp 90 Prozent aller Frauen mit dieser Diagnose sind nach fünf Jahren noch am Leben.

Zu den ärztlichen Vorsorgeuntersuchungen ist Maren Schaller regelmäßig gegangen, wie sie sagt, schließlich hatte ihre Oma Brustkrebs. Auch im Mai 2021 war sie dort gewesen – ohne Befund. Erwischt hat es sie dann trotzdem. „Ich glaube, dass da ganz viel mit Stress zusammenhängt“, sagt sie.

Ihre Erfahrungen teilt Maren Schaller auf Instagram. Mit leicht durchblitzendem schwäbischem Dialekt erzählt sie dort von der Übelkeit und den Kopfschmerzen, die sie immer wieder plagen. Von schlechten Blutwerten und der Isolation, in die sie sich wegen des hohen Infektionsrisikos schon mehrfach begeben musste. Von der Suche nach der passenden Perücke. Und wie das war, sich das erste Mal in der Öffentlichkeit mit Glatze zu zeigen.

Weit mehr als 40 000 Follower haben „ploetzlich_brustkrebs“ abonniert. Das Profil eröffnet Maren Schaller drei Tage nach ihrer Diagnose. „Ich habe das als Tagebuch angefangen und um mich auszutauschen“, sagt sie. Heute ist sie Ansprechperson und Vorbild für Zigtausende Betroffene und Angehörige. Auch medizinisches Personal hat den Kanal abonniert – um mehr über die Gefühlswelt von Betroffenen zu erfahren. „Denn nicht jede redet so offen wie ich.“ Viele Follower schreiben Maren Schaller. So viele, dass sie mit dem Beantworten nicht hinterherkommt. Als Influencerin möchte sie sich trotzdem nicht bezeichnen. Den Begriff mag sie nicht. Mutmacherin gefällt ihr besser.

Heute gilt Maren Schaller als krebsfrei. Am 25. Juli erhielt sie die befreiende Nachricht. Die Chemotherapie hat optimal angeschlagen. „Nach der dritten Chemo war der Tumor in der Brust um 86 Prozent geschrumpft“, sagt sie. Bei der brusterhaltenden OP wurde das Gewebe dort, wo zuvor der Knoten gesessen hatte, herausgeschnitten, außerdem wurde der befallene Lymphknoten entfernt.

Die Maren Schaller von früher ist sie aber längst noch nicht. „Ich bin nicht annähernd so belastbar wie früher.“ Die Kraft fehlt oft, körperlich und manchmal auch psychisch. Selbst einkaufen, Gassi gehen oder putzen fällt ihr bisweilen schwer. Und dann noch diese Hitzewallungen. Maren Schaller hat Hormonspritzen bekommen, „ich wurde mal kurz in die Wechseljahre geschossen“, sagt sie. Ihren Beruf kann sie aktuell nicht ausüben. Vor der Diagnose arbeitete die junge Frau als Leiterin eines Kindergartens in Stuttgart-Feuerbach. Ein Job, den sie sehr vermisst.

Maren Schaller schaut nach vorn. Babyschritte. Vor drei Tagen hat sie das erste Mal nach Monaten wieder Shampoo benutzt, erzählt sie fast schon etwas stolz und streicht mit der Hand über ihre kurzen Haare. Gemeinsam mit ihrer Mutter hat sie ein Nebengewerbe aufgebaut. Die beiden vertreiben selbst genähte Kissen, die beispielsweise am BH oder am Autogurt die Reibung am Port, der als Zugang für die Chemo unter der Haut liegt, verringern sollen. Ohana heißt das kleine Business. „Das ist Hawaiianisch für Familie“, sagt Maren Schaller. Außerdem hat sie einiges in ihrem Leben verändert. „Davor hatte ich viel Stress und habe mir wenige Pausen und wenig Ruhe gegönnt. Das mache ich nicht mehr“, sagt sie. Mentale Gesundheit sei auch für die körperliche Gesundheit wichtig. „Ich versuche, bei allem eine Balance zu finden.“

„Schweigen hilft keinem“

Noch hat Maren Schaller nicht verarbeitet, was ihr seit Anfang des Jahres widerfahren ist. Wie auch, alles ging so schnell. Doch sie möchte anderen Betroffenen Mut machen – zu kämpfen und die eigenen Bedürfnisse zu artikulieren. „Ich finde es so wichtig, darüber zu sprechen“, sagt sie. Sonst hätten auch die Angehörigen keine Chance, sich richtig zu verhalten und zu verstehen, was im Krebspatienten vor sich geht. Krebs sei nach wie vor ein Tabuthema, sie jedoch will offen sein. „Schweigen hilft keinem.“

Maren Schaller sagt, dass sie oft mit Gemütsschwankungen zu kämpfen hat. Lachen, weinen, wüten, alles im wilden Wechsel. „Zehntausend Stimmungen innerhalb von fünf Minuten. Das ist normal.“ Für sie ist das Allerwichtigste: positives Denken. Denn die Psyche, das weiß sie, hat großen Einfluss auf den Körper. „Ich hatte so einen festen Glauben daran, dass ich das überlebe“, sagt Maren Schaller. Und lächelt breit und lebt.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Reportage Krebs Brustkrebs Krankheit