Dieses Lächeln bleibt in Erinnerung. Marion Ackermanns Lächeln hat etwas überrascht Freudiges, scheint immer gerade ausschließlich in diesem Moment möglich. „Dieses Lächeln nimmt die Menschen mit“, sagen Weggefährtinnen und Weggefährten der Kunstwissenschaftlerin, wenn sie erklären sollen, wie Ackermann dieses oder jenes nur wieder gemacht und gelöst hat. Immer geht es dann um viel Geld und meist darum, den Weg für ein großes Ausstellungs- oder Kunstvermittlungsprojekt freizumachen. Dieses Lächeln aber hat noch eine zweite Ebene. Es schirmt ab, hält auf Distanz. Immer höflich, immer unmissverständlich.
Geprägt im Lenbachhaus
Es ist ein Lächeln, an das sie sich vielerorts erinnern. In München, wo sich Marion Ackermann, 1965 in Göttingen geboren, im Lenbachhaus mit eigenen Projekten freischwimmt. „Die Arbeit im Lenbachhaus hat mich geprägt“, sagt sie 2009 als Gast in der Gesprächsreihe „Über Kunst“ unserer Zeitung - „in inhaltlicher, in ästhetischer und in programmatischer Hinsicht“. Ackermann präzisiert: „Die Forschungsarbeit war intensiv, es mussten immer neue Wege der Präsentation gefunden werden. Und es gab große Freiräume für die Mitarbeiter des Hauses – man konnte daraus wirklich Eigenes entwickeln.“
Ackermanns Lächeln wirkt auch in Stuttgart, wo sie 2003 als seinerzeit jüngste Museumschefin in heftige Debatten um die Ausgestaltung der Sammlungsräume im Neubau für die Galerie der Stadt Stuttgart gerät, aber so selbstverständlich und begeisternd die Rolle der Gründungsdirektorin des 2005 eröffneten Kunstmuseums Stuttgart wählt, dass ihr Antritt bis heute positiv nachhallt.
In Düsseldorf, wo sie als erste Direktorin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen agiert, bläst der Wind erstmals von vorn. Marion Ackermann, die in der türkischen Hauptstadt Ankara aufwächst – die Eltern arbeiteten in der Universität – gerät in regelrechte Lagerkämpfe um den richtiger Kurs der Kunstsammlungen. Auch hier wählt Ackermann die offensive Kommunikation. Bindet ein, erklärt, nimmt mit – und wird bald als „Idealbesetzung“ gefeiert.
Neue Strukturen für Dresden
Und Dresden? Dort unterschätzt man Marion Ackermanns Lächeln 2016 anfänglich als Ausweis von Unsicherheit. Ackermann aber, die in Göttingen Kunstwissenschaft und Germanistik studierte und über Wassily Kandinsky promovierte, sucht auch als Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden die Offensive.
Vier Punkte sind ihr besonders wichtig: Das Stichwort Vermittlung besetzt die zweifache Mutter mit einer Kinderbiennale völlig neu. Im Feld Kulturpolitik macht Ackermann die Häuser unter dem Dach der Staatlichen Kunstsammlungen zu Motoren der Raubkunst- und Rückgabedebatte. Ein Drittes sind die Arbeitsstrukturen in einem Museum. Schon in Stuttgart lässt Marion Ackermann den Künstler Christian Jankowski die Verantwortlichkeiten im Kunstmuseum umkehren. „Dienstbesprechung“ ist das Experiment betitelt. Und in Dresden befragt sie die Verhältnisse und deren Folgen. Sie ermöglicht den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mehr Teilhabe am gemeinsamen Erfolg, befördert die individuelle Weiterentwicklung.
Verantwortung für 2000 Menschen
Immer wieder verschränken viertens die Sonderausstellungen die eigenen Sammlungsmagnete mit besonderen Gastwerken. Der Glanz, den Projekte wie nun von 24. August an die Schau zum 250. Geburtstag des Malers Caspar David Friedrich bereits vor ihrer Eröffnung verbreiten, strahlt so anhaltend in die Sammlungen.
Aber reichen diese Antworten aus, um von den als „Tanker“ skizzierten Staatlichen Kunstsammlungen Dresden auf die Kommandobrücke eines Supertankers zu wechseln? Am 1. Juni 2025 tritt Marion Ackermann in der Nachfolge von Hermann Parzinger als Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) an. Für 19 eigenständige, stolze Einrichtungen mit 2000 Mitarbeitenden wird sie dann verantwortlich sein, darunter die Neue Nationalgalerie, die Alte Nationalgalerie, die Staatsbibliothek oder das Geheime Staatsarchiv.
Gerät Marion Ackermann in ein „Himmelfahrtskommando“?
Einen Programmsatz hat Marion Ackermann bisher stets umgesetzt: „Kunstvermittlung“, sagt sie, „ist Chefsache. Und sie funktioniert nicht nur intellektuell. Man muss sich auch Themen von außerhalb der Kunst nähern, beziehungsweise die Kunst muss sich den Themen von außerhalb nähern.“ Im Humboldt-Forum, das ebenfalls zur Stiftung Preußischer Kulturbesitz zählt, wird man aufmerken.
Einen Stempel gibt es für Ackermanns neue Aufgabe schon: Vom „ Himmelfahrtskommando“ schreiben die Feuilletons. Eine Regung entlockt ihr das nicht. In den derzeit unzähligen Interviews spielt die Vielgefragte ihre Stärken aus: Interesse zeigen, ihr Gegenüber ernst nehmen, Chancen benennen ohne mögliche Defizite zu verschleiern. Und ja, Ackermann lächelt. Sie zeigt die Freude, Freude wecken zu können. Sie hat eine Formel, die ebenso für Berlin passt wie für jeden noch so kleinen Museumsstandort: Ein Museum, sagt Ackermann, könne „ein Gesellschaftsforum werden“ und als solches alle Interessierten „aktiv miteinbeziehen“.
Internationaler Glanz als Ziel
Ist das nicht bloß eine wohlfeile Phrase? Das sind Fragen und Momente, in denen Marion Ackermann ein „Mmhh“ entgleitet – kein Zugeständnis, sondern ein Anlauf, im Respekt für ihr Gegenüber ihre Punkte zu wiederholen. Wie bei der Frage, ob nicht schon der Name eine Belastung sei – Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK). Marion Ackermann schaut auf, verweist auf einen Stiftungsratsbeschluss. Der Name „Stiftung Preußischer Kulturbesitz“ solle wie ein Readymade im Sinne des Künstlers Marcel Duchamp behandelt werden: als bereits vorgefundener Gegenstand oder als materialisiertes Zitat. Und sie sagt: „Was ich wichtig fände: dass man das Preußische, das im Namen geführt wird, noch mal neu und frisch und anders auflädt.“
Ja, sagt sie, sie werde als Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz auf die Eigenständigkeit der Einrichtungen achten – und ruft doch schon ruhig wie bestimmt zu mehr Gemeinsamkeit auf. Ja, sie müsse als SPK-Lenkerin die in den Statuten verankerte Mitsprache der Bundesländer beachten. Und formuliert prompt bereits Einladungen aktiver Mitgestaltung.
Sicherheit als Dauerthema
Allein eine Frage scheint auch Ackermann nicht in eine Chance verwandeln zu können: die der Sicherheit in Kultureinrichtungen, insbesondere in Museen. „Wir wähnten uns sicher“, sagt Ackermann 2019 nach dem spektakulären Raub von Juwelenensembles – mehr als 100 Millionen Euro wert – aus der Zeit August des Starken (1670-1733) aus dem Grünen Gewölbe. Ihre Hoffnung auf eine Rückkehr der Schätze hat sich erfüllt – und doch weiß sie, dass das Thema Sicherheit Konzeption und Strukturen von Museen weiter „in hohem Maß beeinflussen“ wird.
Ein Ziel ist bereits formuliert: eine stärkere internationale Wirkung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. In den Worten von Marion Ackermann: „Der außergewöhnliche, universale Charakter der unter einem Dach versammelten Institutionen in Berlin bietet eine einmalige Chance: den Reformprozess zu vollenden und die Stiftung international erstrahlen zu lassen. Das geht nur gemeinsam, mit Leidenschaft, Gestaltungswillen und im Schulterschluss, wie ihn Schadows Prinzessinnengruppe so sinnfällig zeigt.“ Da ist sie wieder, die Impulsgeberin Marion Ackermann, die Anstifterin.
Interesse in Dresden als Herausforderung für Berlin
Was sie vermissen wird, wenn sie nach Berlin geht? „Die Sachsen“, sagt Marion Ackermann. Und sie fügt mit einem Lächeln, das die Unverhandelbarkeit unterstreicht, hinzu: Die Identifikation mit der Hochkultur, sagt Ackermann, sei in Dresden „existenziell“. Die künftige Präsidentin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz wird diese Kräfte in Berlin wecken wollen. Nicht, um die Kultur abzuschirmen, sondern um die Stadtgesellschaft mit gelebter Offenheit wach zu halten.
Stiftung Preußischer Kulturbesitz
Die Struktur
Mit rund 2000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist die Stiftung die größte Arbeitgeberin im Kulturbereich in Deutschland. Sie ist eine bundesunmittelbare Stiftung und von der föderalen Struktur Deutschlands geprägt. Der Bund und alle sechzehn Bundesländer tragen und finanzieren sie gemeinschaftlich. Sitz der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und aller ihrer Einrichtungen ist Berlin. Unter dem Dach der Stiftung sind fünf Einrichtungen vereint: die Staatlichen Museen zu Berlin (darunter das Pergamonmuseum, die Alte und die Neue Nationalgalerie oder auch das Humboldtforum als das neue Stück Berlin, die Staatsbibliothek zu Berlin, das Geheime Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz und das Ibero-Amerikanische Institut
Das Geld
Der Haushaltsplan für 2023 sah Gesamtausgaben in Höhe von rund 415,7 Millionen Euro vor. Für den Betriebshaushalt 2023 ist einschließlich erwarteter eigener Einnahmen und Drittmittel ein Etat von rund 301,4 Millionen Euro vorgesehen. Hierbei tragen der Bund rund 157,32 Millionen Euro und die Länder rund 52,55 Millionen Euro.