Mark Schober und Cem Özdemir vor Deutschland – Türkei Warum ignorieren Migranten den Handball?

Handballfan Cem Özdemir (li.) bekommt ein Trikot von TVB-Geschäftsführer Jürgen Schweikardt, DHB-Vorstandschef Mark Schober auf der Tribüne eines Jugendspiels in Bietigheim. Foto: imago/Eibner, imago/Wolf

Der Handball braucht zur Mitgliedergewinnung und Talentrekrutierung dringend Kinder mit Migrationshintergrund. Fehlt es an Integrationsinitiativen? Mangelt es an Vorbildern? Ein Gespräch mit Mark Schober und Cem Özdemir vor dem Länderspiel Deutschland – Türkei in Stuttgart.

Sport: Jürgen Frey (jüf)

Die deutsche Handball-Nationalmannschaft hat vor den abschließenden Qualifikationsspielen in der Schweiz (7. Mai, 19 Uhr) und gegen die Türkei (11. Mai, 18 Uhr, Porsche-Arena/beide sportschau.de) das Ticket für die EM 2025 bereits sicher. Der DHB-Vorstandsvorsitzende Mark Schober und Cem Özdemir, Ex-Bundesminister mit türkischen Wurzeln und ehemaliger Handballtorwart, blicken im Doppel-Interview auf das Duell.

 

Herr Özdemir, wo sehen wir Sie am 11. Mai: um 18 Uhr beim Handball oder um 19.30 Uhr nebenan beim VfB gegen den FC Augsburg?

Özdemir Ich werde in der Porsche-Arena sein, zumal sich der VfB über meine Präsenz bei den Heimspielen in dieser Saison nicht beschweren kann.

Die Aussicht auf einen Heimsieg könnte beim Handball auch etwas höher sein.

Özdemir (lacht) Leider, ja. Aber am letzten Wochenende hat es ja immerhin auswärts wieder geklappt. Ich setze ganz fest auf den DFB-Pokal-Sieg des VfB, dann spielt er europäisch und kann hoffentlich möglichst viele Spieler über die Saison hinaus behalten.

Im Fußball wäre ein Länderspiel Deutschland gegen Türkei eher ein Auswärtsspiel. Wie viele türkisch stämmige Sportfans erwarten Sie beim Handball in Stuttgart?

Schober Da lassen wir uns überraschen. Als die weiblichen U-18-Teams beim Tag des Handballs im November 2023 in München gegeneinander spielten, hatten wir über 500 türkischstämmige Handballfans vor Ort.

„Das war immer sehr munter“

Dennoch ist die Strahlkraft des Handballs für Zuwanderer, vorsichtig formuliert, überschaubar. Herr Özdemir, wie sind Sie denn zum Handball gekommen?

Özdemir Der Handball, speziell der Frauenhandball, war sehr stark verankert in Bad Urach. Mich hat die Tochter von guten Freunden meiner Eltern mit dem Handballfieber angesteckt. Aber auch in der Schule war der Sport sehr präsent, die Klassenkameraden haben immer wieder erzählt, wie toll die Sportart ist. Und dann hat das internationale Frauenhandballturnier Bad Urach immer viele Gäste aus der ganzen Welt in unsere kleine schwäbische Stadt gebracht. Das war immer sehr munter.

Wenn es nach Ihrem Elternhaus gegangen wäre. . .

Özdemir . . . wäre ich sicher beim Fußball gelandet. Mein Vater war engagiertes Mitglied bei einem türkischstämmigen Fußballverein in Bad Urach. Doch letztendlich haben sie mich auch beim Handball unterstützt, und ich stand bis zur B-Jugend beim TSV Bad Urach im Tor. Danach musste ich leider wegen meiner Berufsausbildung aufhören.

Dann waren Sie eine der leuchtenden Ausnahmen. Laut Studien spielen knapp 60 Prozent der Migranten Fußball, danach folgen mit riesigem Abstand Kampfsportarten (14 Prozent) und Turnen (zehn Prozent). Nur drei Prozent spielen Handball. Warum wird die Sportart von Migranten nahezu ignoriert?

Özdemir In den Herkunftsländern der klassischen Einwanderer sind andere Sportarten aus der Tradition heraus beliebter. Auch die Aussicht auf die Chance nach sozialem Aufstieg ist im Fußball am lukrativsten. Hinzu kommt noch etwas.

Bitte.

Özdemir Eine ungezwungene Straßenspielkultur wie im Basketball oder beim Fußball auf dem Bolzplatz gibt es im Handball nicht. Auch die Regeln sind komplizierter und stellen erst mal eine Hürde dar, wenn zum Beispiel am Anfang die Sprachbarriere noch da ist.

Fehlt es an wirkungsvollen Integrationsinitiativen?

Schober Zumindest gibt es solche Initiativen zunehmend. Wir gehen mit unseren Vereinen viel in Schulen und sprechen dort Gruppen an, also mehrere Kinder mit Migrationshintergrund. Durch Multiplikatoren-Workshops bilden wir Vereine aus, damit die Übungsleiter wissen, wie sie Kinder und Jugendliche aus anderen Ländern am besten ansprechen. Und wir haben in den vergangenen Jahren auch die Bildsprache auf Internetseiten und Plakaten angepasst.

Also nicht mehr nur blonde Kinder und keine indirekte Fremdexklusion wie der Philosoph Wolfram Eilenberger bei „Zeit online“ mal geschrieben hat, der den Handball – provokativ zugespitzt – als „völkisch homogen“, „kartoffeldeutsch“ und „konservatives Provinzvergnügen“ bezeichnet hat?

Schober Ich glaube, dass es hinlänglich bekannt ist, dass gerade wir Handballer betont offen und zugänglich für alle Menschen sind. Da gibt es keine Vorbehalte. Inzwischen haben wir im Handball auch einen Migrationsanteil von knapp zehn Prozent. Wir wachsen, sind uns aber dennoch alle absolut der Notwendigkeit bewusst, dass wir mit Blick auf Mitgliedergewinnung und Talentrekrutierung noch mehr Kinder mit Migrationshintergrund ansprechen müssen. Das gelingt uns mit dem Nachwuchs aus der Türkei, aber vor allem bei Flüchtlingen etwa aus Syrien weitaus weniger als mit Kindern vom Balkan oder aus dem Baltikum.

„Es geht ehrlich zu, hart, aber fair“

Womit wir auch bei Vorbildern in den jeweiligen Ländern wären.

Schober Natürlich. Marko Grgic und Renars Usincs sind die Senkrechtstarter in unserer A-Nationalmannschaft. Wir sehen aber auch großes Wachstumspotenzial insbesondere bei türkischstämmigen Mädchen, bei den Jungs tun wir uns viel, viel schwerer. Özdemir Was in der Kultur der Familien begründet liegt. Der Mädchenhandball funktioniert in der Türkei deutlich besser. Wenn ich Sie bei dem Thema irgendwie unterstützen kann, Herr Schober, sehr gerne. Schober Sie helfen schon damit, dass wir hier miteinander reden. Weil Sie ein Vorbild sind. Sie sind ein Vorbild für Kinder, die auch zum Handballsport gehen wollen. Oder für Eltern, die dann zu ihrem Nachwuchs sagen, du kannst auch Handball spielen, du musst nicht zum Fußball gehen, nur weil wir die Sportart weniger gut kennen als die andere. Özdemir Ich finde die Werte, die der Handball vermittelt, die Tugenden, passen wie die Faust aufs Auge für unser Zusammenleben. Es geht ehrlich zu, es geht hart, aber fair zur Sache. In der Halle und auf dem Spielfeld gelten für alle die gleichen Spielregeln. Meckern, Theatralik, Zeitspiel sind verpönt. Handball taugt als echter Integrationsbooster. Und das Tolle ist doch: Handball ist ein Sport, der in Deutschland traditionell in der Fläche und im ländlichen Raum stark ist. Wer da im Verein spielt, ist also auch gleich Teil der Gemeinschaft vor Ort. Schober Ich kann das mit einem Beispiel aus unserer C-Jugend nur bestätigen. Da kam der Vater eines türkischen Jungen zu mir, und sagte, dass die Vermittlung genau dieser Werte, wie etwa Bodenständigkeit, seinem Sohn gut tut, weil er diese in seiner Community nicht in dem Maße findet.

Der TVB Stuttgart hatte in Yunus Özmusul und Can Celebi schon zwei Türken in seinem Bundesligateam. Signifikant ausgewirkt hat sich das weder auf Zuschauerzahlen noch auf Nachwuchsgewinnung.

Özdemir Ich glaube, es braucht einfach Zeit, bis sich das entwickelt. Im Handball ist das schwieriger, weil die Spieler in der Heimat keine Stars sind. Es braucht eben immer Vorbilder. Im Fußball ist das schon anders. Beim Spiel gegen Heidenheim habe ich eine Gruppe jesidischer Fans vor der MHP-Arena getroffen. Dies ist eine in der Heimat verfolgte und bedrohte Minderheit. Sie pilgern zum VfB, weil Deniz Undav ein Jeside ist und er ihr absoluter Hero ist.

Eine Schätzfrage, Herr Özdemir, wie viele nicht europäische Handball-Nationen haben in der 87-jährigen WM-Geschichte eine Medaille geholt?

Özdemir (überlegt) Eine, Katar bei seiner Heim-WM in Doha, ich glaube 2015 war’s.

„Diskussion kenne ich nur aus Deutschland“

Stimmt. Ansonsten mischt nur Ägypten als außereuropäisches Team im Konzert der Großen mit. Wie schade finden Sie diese Monokultur?

Özdemir Gar nicht so tragisch. Es gibt ja genügend Sportarten, die eben auf anderen Kontinenten viel stärker präsent sind. Nehmen Sie Rugby, Cricket oder Baseball – Sportarten, die bei uns fast keine Rolle spielen, woanders einen Boom auslösen. Die regionale Identität spielt eben eine große Rolle.

Sollte sich der Handball nicht nachhaltig globalisieren und in Schlüsselmärkten wie den USA und in China etablieren, steht dann nicht irgendwann der wichtige Status als olympische Sportart auf dem Spiel?

Schober Nein, diese Diskussion kenne ich nur aus Deutschland. Zudem wird der komplette Frauenbereich vergessen. Wir haben Südkorea und Brasilien als starke Nationen, wir spielen inzwischen mit 32 Teams bei der WM, da sind Teams dabei aus Kongo, Angola, Costa Rica, Mexiko, Argentinien, Bahrein und Japan. Mir fallen gar nicht alle ein. Eine internationale Weiterentwicklung muss natürlich dennoch Thema bleiben.

Zu allem Überfluss schlägt der DHB für die Wahlen im Dezember 2025 jetzt auch noch Gerd Butzeck als Nachfolger des 80-jährigen ägyptischen IHF-Präsidenten Hassan Moustafa vor. Warum?

Schober Wir wollen für die Wahl eine Alternative anbieten. Es besteht auch die Möglichkeit, dass andere Nationalverbände bis zur Meldefrist im September ebenfalls Kandidaten aufstellen. Özdemir Das würde doch ganz gut tun. Im Fußball bei der Fifa wäre es sicher hilfreich, wenn Deutschland seine Stimme da stärker in der Spitze einbringen könnte. Da ist es im Sport nicht anders als in der Politik: Wer was bewegen will, muss bereit sein, Verantwortung zu übernehmen. Insofern kann ich dazu nur ermuntern. Schober Wir können uns nicht immer darüber beschweren, dass es bei der IHF weitere Entwicklungsprozesse geben muss, also zum Beispiel unseren Sport weiter zu internationalisieren, wenn wir nicht bereit sind, bei demokratischen Wahlen auch mal eigene Kandidaten aufzustellen und uns aktiv einzubringen.

Wie im Fußball zählt auch im Handball die Stimme einer kleinen Nation genauso viel wie die des größten Handballverbands der Welt. Sie müssten doch richtig Geld in die Hand nehmen für Wahlkampf, wenn sie ein halbwegs realistische Chance auf einen Wechsel haben wollen?

Schober Wir kennen die am Ende etwas über 200 abstimmenden Menschen aus den nationalen Verbänden zum größten Teil. Wir gehen nicht mit einem Kandidaten ins Rennen, nur um ein Signal auszusenden.

„Unterschätze nie deine Gegner“

Was ist wahrscheinlicher – ein Sieg der türkischen Handballer in Stuttgart oder eine Überraschung von Arminia Bielefeld im Pokalfinale?

Özdemir (lacht) Deutschland gewinnt gegen die Türkei und der VfB wird DFB-Pokalsieger. Schober Das unterschreibe ich. Da gibt’s kein entweder oder. Özdemir Aber es gilt die Regel: Unterschätze nie deine Gegner. Die Türkei hat in der laufenden Qualifikation schon einige kämpferische Achtungserfolge erzielt.

Sie selbst sind in Berlin dabei?

Özdemir Leider nein. Da haben wir Parteitag. Und da ich selbst kandidiere, und mir ja etwas Wichtiges vorgenommen habe, sollte ich dabei sein (lacht). Schober Schlechtes Timing. Özdemir Ein Public Viewing ist in der Planung (lacht).

Zur Person

Mark Schober
Mark Schober wurde am 30. Dezember 1972 in Bietigheim-Bissingen geboren und wuchs in Möglingen auf. Mit 15 Jahren machte er die Trainer-B-Lizenz. Mit 27 wurde er Manager des damaligen Zweitligisten TV Kornwestheim. 2005 wechselte er zur Handball-Bundesliga (HBL), 2014 zum Deutschen Handballbund (DHB) als Generalsekretär. 2017 wurde er Vorstandsvorsitzender, seit 2021 ist er Mitglied der Exekutive der Europäischen Handballföderation (EHF). Schober wohnt in Witten, ist verheiratet und hat zwei Söhne. Sein Hobby ist Tennis, er spielt beim TC Bommern.

Cem Özdemir
Der Sohn von Gastarbeitern wurde am 21. Dezember 1965 geboren, wuchs in Bad Urach auf, lernte zunächst den Beruf des Erziehers und studierte Sozialpädagogik. Seit 1994 saß er für die Grünen zeitweise im Bundestag und Europaparlament, 2021 gewann er erstmals als Direktkandidat den Wahlkreis Stuttgart I. In der Ampel-Koalition wurde er zunächst Landwirtschaftsminister, nach deren Bruch zusätzlich Bundesminister für Bildung und Forschung. Bei den kommenden Landtagswahlen will er als Spitzenkandidat für die Grünen ins Rennen gehen. Özdemir hat zwei Kinder und ist seit 2024 mit der kanadischen Juristin Flavia Zaka liiert. (jüf)

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