„Marmor, Quecksilber, Nebel“ Spannender als jeder Roman – Judith Schalanskys Poetikvorlesung

Das wahre Gesicht des Scheins: In ihrer poetologischen Welterkundung landet Judith Schalansky beim mexikanischen Wrestling. Foto: IMAGO/Nexpher Images

In „Marmor, Quecksilber, Nebel“ zeigt Judith Schalansky, wie Literatur der entzauberten Welt ihre Geheimnisse zurückerstatten kann.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Es gibt Bücher, die man am liebsten eigentlich nicht beschreiben, sondern nur zitieren würde. Im Falle der nun in Buchform vorliegenden Frankfurter Poetikvorlesung von Judith Schalansky liegt das vor allem an der Schönheit wundervoll verschlungener „Satzungetüme“, die es der Autorin gelungen ist, an ihrer Lektorin Doris vorbeizuschleusen – womit schon eine der wiederkehrenden Gestalten benannt wäre, die neben tausend anderen den Text bevölkern.

 

Leider ist die auf die Syntax angewandte gordische Verknüpfungskunst zugleich der Grund, mit Zitaten sparsam umzugehen, sie würden nur allzu rasch den Raum füllen, der zu ihrer Würdigung bereitsteht. Deshalb kann hier nur in einfachen, unbeholfenen Sätzen das große Verwandlungswunder wiedergegeben werden, dessen Zeuge man wird, auch wenn man es gerne im Maßstab eins zu eins präsentiert hätte, wie in Jorge Luis Borges‘ Kurzgeschichte „Von der Strenge der Wissenschaft“, worin die Idee einer Karte entwickelt wird, exakt so groß, wie das, was sie abbilden soll.

Judith Schalansky Foto: IMAGO/opale.photo

Natürlich zieht sich auch die Spur des argentinischen Fantasten der Bibliothek wie eine Gesteinsader durch dieses Buch, das bei der Fülle dessen, was sich in ihm niedergeschlagen hat, massiv wie ein Quader sein müsste, tatsächlich aber nur gut 170 Seiten umfasst. Damit ist man eigentlich schon mitten in jenem Verwandlungswunder angekommen, das darin besteht, das lastende Gewicht einschüchternder Gelehrsamkeit in etwas Federleichtes zu verwandeln, Sekundäres in Primäres und eine Poetikvorlesung in einen fesselnden Abenteueroman. Er erzählt von der Erweckung von Totem zu Lebendigem und vom sanften Schöpfungsnebel, hinter dem sich die Wirklichkeit von ihrer Entzauberung erholt.

Die Stoffe, die der literarischen Schwarzkunst des schillernden Bändchens zugrunde liegen, sind dem marmorierten Buchdeckel eingeprägt: „Marmor, Quecksilber, Nebel“, erweitert um den Zusatz „Woraus die Welt gemacht ist“. Es beginnt auf einer griechischen Fähre, wo die Autorin zufällig Zeuge der Verschiffung mehrerer Marmorblöcke wird. Ihre assoziative Bearbeitung des schneeweißen Materials schlägt patriarchale Kunsterweckungsmythen in Trümmern, um sie als misogyne Vergewaltigungsgeschichten aus dem Stoffwechselkreislauf der Kultur wieder herauszulesen. Man begegnet Schweinen aus Marmor und solchen, die sich wie im Fall Pélicot als perfide Wiedergänger Pygmalions an der in ein totengleiches Lustobjekt verwandelten Frau vergehen.

Die vollkommene Form der menschlichen Stirn

Zur quecksilbrigen Logik der Gedankenführung gehört der langspillige Kot, den ein iltisartiges Wesen im Lesesaal der Berliner Staatsbibliothek hinterlassen hat – „kein Material ist tote Materie“ –, ebenso wie die Vollkommenheitsform der Kugel. In seiner „Vergleichenden Anatomie der Engel“ hat sie der sächsische Mystiker Gustav Theodor Fechner noch am ehesten in der menschlichen Stirn und dem weiblichen Busen ausgebildet gefunden. Und schon fliegt man mit den kugelförmigen Kopfgeburten der französischen Revolutionsarchitekten ins All, um von dort einen Blick auf die verletzbare blaue Murmel zu werfen, die wir bewohnen – und zerstören.

Durch die überwältigende Natur Mexikos fließt ein quecksilberverseuchter Fluss, und während eines Abstechers in ein verrufenes Viertel der entfesselten Stadtwildnis einer Megametropole mahnt „Santa Muerta“, die Schutzheilige der Killer und Drogenkuriere, zur Umkehr. Hierher verschlagen hat die Reisende ein Vortrag vor Studenten der Buchgestaltung. Und wie verblüffend daraus eine Erzählung wird, wäre alleine schon die Antwort auf die Frage, was das alles mit Poetik zu tun hat.

Nebulöse Erkenntnis

Von bibliodiversen Bastardbüchern und der hybriden Identität mexikanischer Wrestler führt der Weg auf die nebelverhangenen Höhen des Brocken, über den französische Aktionskünstler mit einem Stadtplan des aus anderen Gründen für seine Vernebeltheit bekannten London geirrt sind. Vielleicht ebenfalls auf der Suche nach einer im Nebulösen verborgenen Wahrheit, wie sie den künstlich-intelligenten Orakeln von heute vermutlich immer entzogen bleibt.

Vehikel der Fortbewegung sind neben einer stupenden Einbildungskraft das Unterwasserboot des bibliophilen Misanthropen Kapitän Nemo oder die Arche Noah, deren Belegungsplan der Jesuitengelehrte Athanasius Kircher aufgezeichnet hat. Doch in die Irre führt die Annahme, hier ging es nur um eine Art intellektuelle Wunderkammer, eine Sammlung von Kuriositäten. Denn so wie auf dem von der Autorin selbst gestalteten Bucheinband die Farben wechseln, je nachdem wie man darauf schaut, ist auch der Text ein Kippbild, in das Vignetten aus einer Kindheit in der DDR eingearbeitet sind, die Biografie einer Welterfahrung, die in jeder Hinsicht queer zu allen Formen einer dominanten und repressiven Selbstbehauptung steht.

Arche komme von Archiv, erklärt Judith Schalansky mit kalkulierter Scharlatanerie. Aber triftiger lässt sich der Zusammenhang von Rettung und fruchtbar gemachtem Weltwissen nicht fassen. Letztlich führen alle Wege in den Lesesaal der Berliner Staatsbibliothek. Wie aus den Marmorbrüchen von Carrara das kostbare Gestein ist hier in einem Prozess fortwährender Verdichtung jahrtausendealter Wissensformationen dieses dünne Buch hervorgegangen. Doch besser als jede Beschreibung eines Schnitzels ist ein Schnitzel – diese Maxime von Schalanskys früherem Lektor Denis sollte man unbedingt als Leseaufforderung verstehen.

Judith Schalansky: Marmor, Quecksilber, Nebel. Suhrkamp. 24 Euro, 176 Seiten.

Info

Autorin
Judith Schalansky wurde 1980 in Greifswald geboren. Sie studierte Kunstgeschichte und Kommunikationsdesign und lebt heute als freie Schriftstellerin und Buchgestalterin in Berlin.

Werk
2006 veröffentlichte Schalansky ihr typografisches Kompendium „Fraktur mon Amour“. 2008 erschien ihr literarisches Debüt „Blau steht dir nicht“, 2011 ihr Bildungsroman „Der Hals der Giraffe“, der 2015 im Mittelpunkt von „Stuttgart liest ein Buch“ stand. Ihr „Atlas der abgelegenen Inseln“ kartografiert die Eilande der Fantastie, das „Verzeichnis einiger Verluste“ das im Strom der Zeit Versunkene. Seit 2013 gibt sie im Verlag Matthes & Seitz die vielgerühmte Reihe Naturkunden heraus. Ihre Werke wurden mehrfach mit dem Preis für das schönste Buch des Jahres ausgezeichnet.

Termin
An diesem Donnerstag stellt Judith Schalansky „Marmor, Quecksilber, Nebel“ im Literaturhaus Stuttgart vor.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Marmor Nebel