Feiern, tanzen, fröhlich sein – und dennoch den Blick auf Krieg und wachsenden Antisemitismus nicht verlieren. So zeigt sich der erste Purim-Maskenball im Cannstatter Kursaal.

Stadtleben/Stadtkultur: Uwe Bogen (ubo)

Maskenbälle laden ein zum Spiel zwischen Eleganz und Geheimnis. Genau diesen Reiz erleben etwa 200 Gäste in der Nacht zum Sonntag beim ersten Purim-Maskenball in dem festlich dekorierten und aufwendig illuminierten Cannstatter Kursaal. Der jüdische Tanz bringt alle zusammen. Man fasst sich an den Händen, dreht sich im Kreis, mal mit dem, mal gegen den Uhrzeigersinn, und bewegt sich voller Energie. Nach Köln und Düsseldorf feiert die jüdische Frauenorganisation Wizo ihre Stuttgart-Premiere mit Masken.

 

Die Stimmung könnte kaum besser sein – für einige Stunden sind die Kriege, an denen Israel beteiligt ist, noch weiter weg als es die Entfernung der Kilometer vorgeben. Die Zeitung „Jüdische Allgemeine“ hatte im Vorbericht voller Vorfreude bereits von „Venedig am Neckar“ geschwärmt.

Antisemitismus überschattet die Feierlaune in Stuttgart

Antisemitismus bleibt dennoch ein Thema an einem Abend der guten Laune. Barbara Traub, Vorstandssprecherin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs und Mitglied im Präsidium des Zentralrats der Juden in Deutschland, beklagt, dass Anfeindungen zunähmen. Ein Gast sagt, wenn Deutschland an einem Krieg beteiligt wäre, würde der Landespresseball ausfallen. Warum Juden trotzdem feiern? „Hier feiern keine israelischen Staatsangehörigen“, sagt Traub, „sondern Juden, die in Stuttgart leben, mit ihren deutschen Freunden.“

Schirmfrau Gudrun Nopper, Kunsthändler Frank Zimmermann und Stuttgarts Wizo-Präsidentin Sabina Morein (von links). Foto: StzN

Masken als Symbol der Purim-Geschichte

Ein besonderes Highlight des Abends ist das koschere Essen, das die Gäste begeistert: Falafel, Hummus, Lachsfilet und weitere Köstlichkeiten sorgen für Lob und Anerkennung. Küchenchef Zalman Shamailov, der früher im israelischen Restaurant Java in Stuttgart, das inzwischen geschlossen ist, gearbeitet hat. Im Sommer eröffnet er sein neues Restaurant Eretz in Hospitalviertel – hebräisch für „Heimat“.

Masken sind zentral für Purim. Königin Esther, auf deren Geschichte die jüdische Masken-Tradition zurückgeht, verbarg dereinst auf Rat ihres Cousins Mordechai ihre jüdische Herkunft, bis der richtige Moment kommen sollte, ihr Volk zu retten. Auch Gottes Wirken bleibt im Buch Esther verborgen – symbolisch wie hinter einer Maske. Purim erzählt von der Umkehrung des Schicksals: aus Bedrohung wird Rettung, aus Angst Freude.

Auf dem Ball erleben die Gäste diese Symbolik hautnah. Masken erlauben ein Spiel mit Identität, verleihen Eleganz – und machen jeden Tanz zu einem Moment, in dem man Sorgen und Bedrohungen für einen Augenblick hinter sich lässt.

Frauenpower und Frauentag

Der Ball feiert in den Internationalen Frauentag hinein, „Shalom und Grüßgott“, so begrüßt Sabina Morein, Stuttgarts Wizo-Präsidentin, die Gäste – und baut durch den ganzen Abend Brücke zwischen den Religionen. Viele Frauen vereinen im Alltag Familie, Beruf und Ehrenamt – mehrere „Masken“, die oft unsichtbar bleiben.

Gäste beim Ball Foto: stzn

Moderiert wird der Abend sehr charmant von Chris Fleischhauer aus dem Stuttgarter Pressehaus, musikalisch begleitet die Berliner Klas Band. Schirmfrau ist Gudrun Nopper, die Frau des OB und Vorsitzende des Vereins Stille Not. Sie habe „viele Türen für uns geöffnet“, sagt Morein. Deshalb habe man viele Sponsoren gefunden, die den Ball finanziell förderten und auch die Tombola bestücken. Der zweite Schirmherr Manuel Hagel schickt eine Videobotschaft.

Begegnung, Vielfalt und Engagement

Die Gäste kommen aus Baden-Baden, Pforzheim, Karlsruhe, Frankfurt, Düsseldorf und der Schweiz. Politiker, Künstler und Vertreter verschiedener Religionen feiern gemeinsam. „Das ist keine Gemeindefeier“, betont Morein. „Wir zeigen, dass wir Teil der Stadtgesellschaft sind.“ Unter den Gästen: Fabio Straub, der CEO vom Auktionshaus Nagel, Immobilienhändler Rainer Reddehase, Jonathan Ruiz, Chef von Hochland Kaffee, Model Nelly Sigmann, die frühere Mrs. Germany, Estelle Krell, die Chefin der Riesen-LED am Pragsattel-Hochbunker, Clublegende Laura Halding-Hoppenheit, Petra Maria Huber, die Gründern des Ladies Club Stuttgart , Kunsthändler Frank Zimmermann (er hat den Fußball mit allen Unterschriften des VfB Stuttgart ersteigert) und viele andere.

Orly Licht, stellvertretende Vorsitzende von Wizo Deutschland, sagt: „Es ist ermüdend, immer wieder aufs Neue erklären zu müssen, warum Juden einen eigenen Staat brauchen.“ Die Kölnerin ist begeistert, wie elegant und ausgelassen man in Stuttgart feiert. Der erste jüdische Maskenball in Stuttgart kombiniert Show, gute Laune, klare Botschaften – verbindet also Vergnügen mit gesellschaftlichem Engagement. „Wir sind beeindruckt, wie großzügig die Stuttgarter Stadtgesellschaft unsere Idee unterstützt“, sagt Morein.

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