Der Bosch-Mobility-Sektorvorstand Markus Heyn (links) und Arbeitsdirektor Stefan Grosch kündigen neue Sparmaßnahmen an. Foto: Simon Granville
Mobility-Vorstand Markus Heyn und Arbeitsdirektor Stefan Grosch kündigen gravierende Sparmaßnahmen an. Erst bei sieben Prozent Rendite sei die Kfz-Sparte wettbewerbsfähig.
Der größte Autozulieferer der Welt hat bereits den Abbau von 9000 Stellen geplant. Jetzt könnten Tausende dazu kommen, denn die Kfz-Sparte von Bosch soll massiv Kosten einsparen. Im Doppelinterview begründet die Geschäftsleitung die Maßnahmen, die noch in diesem Jahr besiegelt werden sollen.
Herr Grosch, Herr Heyn, Sie rechnen in der Mobility-Sparte mit einem Umsatzplus von knapp zwei Prozent in diesem Jahr. Liegt die Talsohle damit hinter Bosch oder bleibt die Lage angespannt?
Markus Heyn : Das zeigt, dass wir in einer schwierigen Zeit stabil unterwegs sind. Und es bestätigt unseren Kurs, wenn wir in einem schrumpfenden Markt mit kaum vorhersagbaren Rahmenbedingungen durch Zölle und Wechselkurseffekte zulegen können.
Ist die Talsohle also durchschritten?
Heyn : Entscheidend ist hier die Entwicklung der Märkte. Wir sehen zwar nach wie vor Wachstum in China und Indien, aber in Europa und in den USA geht es eher in die andere Richtung. In den USA zögern die Verbraucher momentan sogar die Reparaturen ihrer Autos hinaus, weil sie das Geld zusammenhalten wollen. Das heißt, von dort kommt kein Rückenwind, aufgrund dessen wir sagen könnten: Das Ende der Talsohle ist erreicht.
Was heißt das für Ihre Planungen? Müssen Sie noch mehr einsparen als bisher gedacht? In der Fahrzeugsparte ist bereits ein Abbau von rund 9000 Stellen vorgesehen…
Heyn: Die gesamte Branche steckt in einer umfassenden Transformation und das ist ein Marathonlauf. Wir müssen uns kontinuierlich damit beschäftigen, wie wir unsere Wettbewerbsfähigkeit erhalten. Wir haben dabei wichtige erste Schritte gemacht, aber wir müssen weitere gehen. Wir sind ein Technologieunternehmen, das erstens in kapitalintensive Maschinenanlagen investieren und zweitens große Vorleistungen für Innovationen erbringen muss. Beides sind Posten in Milliardenhöhe.
Stefan Grosch: Zur schwierigen Marktentwicklung und der harten Wettbewerbssituation kommt eine dritte wichtige Komponente: Mit dem Hochlauf der Elektromobilität verändert sich die Wertschöpfungstiefe, im Vergleich zur Produktion von Dieselantrieben wird nur ein Zehntel an Arbeitskraft gebraucht. Aus unserer Sicht ist es deshalb unvermeidbar, dass wir weiter intensiv an den Kosten arbeiten.
Stefan Grosch, Markus Heyn, Melita Delic und Christoph Ehrhart (Bosch Kommunikation), StZ-Chefredakteur Joachim Dorfs und Reporter Matthias Schmidt (v.r.) beim Gespräch Foto: Simon Granville
Haben Sie ein konkretes Einsparziel?
Grosch: Unser Unternehmen muss auf Dauer eine Rendite von mindestens sieben Prozent erzielen, um im Wettbewerb bestehen zu können und die Ertragskraft für Investitionen in die Zukunft zu sichern. Um die zu erreichen, müssen wir die jährlichen Kosten weltweit in der Größenordnung von 2,5 Milliarden Euro weiter senken. Das ist das Ziel, auf das wir jetzt konsequent hinarbeiten. Die notwendigen Beschlüsse werden wir noch in diesem Jahr fällen und mit den Arbeitnehmervertretern besprechen.
Die Mitarbeiter haben Sie darüber bereits informiert. Bis wann wollen Sie die Einsparungen realisieren?
Grosch: Die Kostenlücke soll bereits in den kommenden Jahren sehr deutlich reduziert werden und bis spätestens 2030 geschlossen sein. Dazu setzen wir viele Hebel in Bewegung. Die Aufgabe hat viele Dimensionen, da sie das Geschäft weltweit betrifft. Uns ist bewusst, dass nicht alles innerhalb eines Jahres umgesetzt werden kann. Aber wir wollen in den nächsten zwei Jahren große Schritte vorwärtskommen.
Die Beschäftigungssicherung bei Bosch Mobility läuft bis Ende 2027. Ist denkbar, dass sie verlängert wird, wenn die Betriebsräte im Gegenzug neue Sparpakete mittragen?
Grosch: Am Standort Schwäbisch Gmünd haben wir gezeigt, dass so etwas möglich ist. Dort werden Arbeitsplätze bis 2030 sozial verträglich abgebaut, betriebsbedingte Kündigungen sind für den Großteil der Beschäftigten jetzt bis Ende 2028 ausgeschlossen. Eines steht fest: Wir halten uns selbstverständlich an die bestehenden Vereinbarungen.
Ein Teil der in Gmünd wegfallenden 1700 Arbeitsplätze wird nach Ungarn verlagert. Wird Deutschland von den neuen Sparmaßnahmen überproportional betroffen sein?
Grosch: Im vergangenen Jahr hat sich die Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei Bosch global um rund 11.600 verringert. Auf Deutschland entfallen davon 4500. Schon daran sieht man, dass wir nicht nur in Deutschland auf die Wettbewerbsfähigkeit achten, sondern weltweit den Personalbestand anpassen. Obwohl sich der Markt Europa schlechter entwickelt als andere, gehen wir davon aus, dass Deutschland auch künftig die personalstärkste Region sein wird.
Heyn: Die Zeiten, in denen ganz viel aus Deutschland heraus für die Welt produziert werden kann, sind vorbei, das muss man leider feststellen. Der Trend zur Lokalisierung ist nicht aufzuhalten. Die Autohersteller in anderen Regionen erwarten mittlerweile, dass nicht nur die Produktion vor Ort erfolgt, sondern auch die Entwicklung eng mit den Herstellern dort verzahnt ist.
Welche Hebel haben Sie außer den Personalkosten?
Heyn: Ein ganz großer Hebel liegt in den Produkten selbst, bei Material- und Energiekosten. Zudem wollen wir auch in der Fertigung unter anderem durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz noch effizienter werden – obwohl wir dort schon mit Produktivitätssteigerungen von rund fünf Prozent jährlich gut unterwegs sind. Und auch in den indirekten Bereichen jenseits der Produktion muss die Produktivität steigen.
Von Seiten des Betriebsrates wird geklagt, dass die Bosch-Kultur im Zuge der Sparmaßnahmen unter die Räder gekommen sei…
Grosch: Eine stark werteorientierte Unternehmenskultur ist uns unverändert wichtig: Zuverlässigkeit, Offenheit, respektvoller Umgang sind Grundsteine für den Umgang miteinander und auch für eine gute Sozialpartnerschaft. Wir haben aber gleichzeitig auch die Pflicht, das Unternehmen am Ertrag zu orientieren und kraftvoll weiterzuentwickeln. Das ist kein Gegensatz: Gerade in schwierigen Situationen hilft eine gute Unternehmenskultur, den richtigen Weg zu finden.
Ist die Lage wirklich so brisant, dass Sie die Jubiläumszahlungen streichen mussten? Der symbolische Wert für die Mitarbeiter ist hoch, der Spareffekt aber überschaubar…
Heyn: Sie dürfen das finanziell bitte nicht unterschätzen. Und wenn sehr große Sparanstrengungen nötig sind, muss man auch unpopuläre Entscheidungen treffen. So sehr man das bedauert.
Wäre es nicht einfacher, die Preise für Ihre Produkte zu erhöhen?
Heyn: Natürlich haben wir auch die Preisgestaltung immer im Blick. Aber die Entwicklung der Märkte geht eben nicht in die Richtung höherer Preise für Fahrzeuge, ganz im Gegenteil. An der Preisschraube zu drehen, mag in anderen Zeiten ein entscheidender Hebel gewesen sein. Heute aber strahlt der Preiskampf in China erheblich auch auf andere Märkte aus. Deshalb fällt diese Option leider aus.
Bosch Mobility
Gesprächspartner Markus Heyn (60) gehört seit 2015 der Bosch-Geschäftsführung an. Seit 2022 ist er der Vorsitzende der KfZ-Sparte Bosch Mobility. Stefan Grosch (59) ist seit 2023 Arbeitsdirektor bei Bosch, zudem verantwortet er weitere Bereiche wie Umweltschutz und Nachhaltigkeit, Recht und Compliance Management.
Sektor Mit knapp 60 Milliarden Euro Umsatz steht der Geschäftssektor Mobility für rund zwei Drittel des Gesamtertrags von Bosch. Die weltweite Mitarbeiterzahl liegt bei 230.000, davon fast 60.000 in Forschung und Entwicklung. Die Umsatzrendite lag 2024 bei 3,8 Prozent, angepeilt werden sieben Prozent.