Dabei ist sie noch gar nicht lange in der Stadt. Geboren in Aschaffenburg, hat sie vor ihrem Umzug nach Stuttgart-Ost in Marbach gelebt, davor mehrere Jahre in Shanghai. Zurück nach Deutschland kommt sie während der Pandemie. „Meine alten Freunde waren nicht mehr so erreichbar, wir haben uns auseinandergelebt“, sagt sie.
Die Kontakte in Stuttgart entstanden danach Schritt für Schritt. „Durch ein paar Ecken“, sagt sie, erst eine Person, dann die nächste, bis sie irgendwann bei Veranstaltungen wie „Stuttgart kaputtgegangen“ landet, wo es „so richtig angeschlagen hat“. Von dort aus verzweigt sich ihr Umfeld weiter, über Freund:innen, Kollektive und Clubkontexte, ohne dass sie sich fest an eine Gruppe bindet. „Ich bin selber in keinem Kollektiv. Ich spring da dazwischen rum irgendwie. Ist mir auch lieber, weil dann kann ich halt auch irgendwie ein größeres Netz an Menschen haben.“
Zwischen DJ-Pult und Mikrofon
Unter dem Namen Tilly veröffentlicht sie eigene Musik, als Tilldus legt sie auf. Für sie sind das zwei unterschiedliche Situationen. „Beim Auflegen bin ich viel entspannter, weil ich da einfach am Pult stehe, mich konzentriere und mein Set spiele – und die Leute haben meistens Spaß“, sagt sie. „Aber wenn ich dann tatsächlich selbst singe, ist es so eine ganz komische, andere Aufregung, weil ich mich dadurch verletzlicher mache.“
Zur Musik kommt sie früh, verliert sie zwischendurch aber wieder aus dem Blick. „Ich habe mit zwölf meinen ersten Computer bekommen, da war GarageBand drauf, und dann habe ich einfach angefangen“, sagt sie. Dann folgt eine Phase, in der sie aufhört. Erst vor drei Jahren fängt sie wieder an. „Ich habe gemerkt, dass ich damit meine Gefühle und mein Leben festhalten kann.“
Gesungen hat sie lange nicht vor Publikum. Die ersten Aufnahmen entstehen im Kinderzimmer direkt über das Handy. Ihr erstes Konzert spielt sie vor einigen Wochen in einem kleinen Club. „Da hab ich wirklich den ganzen Tag gezittert und davor mit meiner besten Freundin eine Flasche Wein getrunken vor lauter Nervosität“, sagt sie. „Aber ab dem Moment, wo ich dann auf der Bühne stand und alle meine Freunde und meine Familie da waren, war alles voll in Ordnung.“
Das Album „Kellergedanken“ erschien im März 2026
Ihr neuestes Album entsteht im Keller ihrer Eltern. Kellergedanken heißt es, und der Titel ist doppeldeutig gemeint. „Abgesehen davon, dass es im Keller aufgenommen wurde, heiße ich ja auch noch Keller, und da passiert eben ganz schön viel in meinem Kopf“, sagt sie.
Produziert wird momentan noch mit einfachen Mitteln. „Die Qualität ist halt nicht so gut, aber ich finde, das hat auch was. Das ist dann so meine eigene Schliffart“, sagt sie. Die Texte schreibt sie selbst. Und bevor etwas veröffentlicht wird, hört eine Person immer zuerst rein: „Mein Dad ist immer die erste Person, die es hören darf.“
„Mama Ikki“ als Vorbild
Wenn sie über ihre Musik spricht, vermeidet sie klare Zuordnungen. „Ich würde sagen, so ein Zusammenspiel zwischen atzig, mausig und fotzig“, sagt sie und lacht kurz. Als Vorbild nennt sie Ikkimel, „Mama Ikki“, wie sie sagt. Der Vergleich mit Billie Eilish taucht immer wieder auf, nicht nur wegen Parallelen in der Musik, einer Mischung aus Sanftheit und Wut, sondern vor allem wegen ihres Aussehens, wasserstoffblonde Haare, silberner Schmuck, fast übergroße blaue Augen.
Was sie mit Ikkimel auf jeden Fall gemeinsam hat, ist etwas, das sie selbst klar benennt: „Female Rage“. Sie sagt, sie habe sich gedacht, „dass es halt geil ist, wenn junge Frauen für junge Frauen Musik machen können“. Es gehe ihr darum, Dinge auszusprechen, die sonst oft stehen bleiben. „Manchmal gibt es Handlungen, die Männer machen, die einfach unter der Gürtellinie sind. Und dann muss man einfach was dagegen sagen.“
Dass diese Songs nicht nur als Haltung funktionieren, merkt sie über Rückmeldungen. Eine Bekannte habe ihr um drei Uhr nachts geschrieben, erzählt sie, sie sei an einer Bushaltestelle gewesen, drei Typen in der Nähe, und habe dabei ihren Song „Schwein“ gehört. „Sie hat mein Lied gehört und hat sich dadurch empowert gefühlt.“
„Das war eines der größten Komplimente“, sagt sie. „Weil solche Lieder dann in solchen Situationen auch einfach dafür gemacht sind, dass man zu sich steht.“
Stuttgart als Spielraum
In der Stuttgarter Musikszene sieht sie zu wenig Repräsentation. „Es gibt viel zu wenige Female Artists oder FLINTA*-Artists, die aus unseren Perspektiven Musik schreiben“, sagt sie. Die Szene beschreibt sie als überschaubar. „Du hast die vier, fünf Clubs, wo du jedes Wochenende schaust, welches Event am besten ist.“ Gleichzeitig fehlten Räume, um sich auszuprobieren. „Es gibt auf jeden Fall zu wenige Orte, wo Artists, die noch ein bisschen kleiner sind, sich ausprobieren können.“
Trotzdem kann sie sich nicht vorstellen, in einer Stadt wie Berlin Musik zu machen. Stuttgart funktioniere für sie anders, sagt sie, während in Berlin vieles schon „so gesetzt“ sei. Hier könne man noch viel mitgestalten, gerade die Kollektive seien ein gutes Netzwerk. „Hier ist es irgendwie mehr wie so ein Spielplatz.“
Neben der Musik arbeitet sie in der Gastro und überlegt zu studieren. „Ich will auf jeden Fall in der Szene bleiben“, sagt sie. Was genau daraus wird, lässt sie offen. „Wenn es wird, dann wird es, und wenn nicht, dann ist es auch voll in Ordnung.“ So genau muss man das mit 19 auch noch nicht wissen.