Nur vier Küken haben den Raubzug des Turmfalken überlebt. Diese stürzen sich nun nach und nach ins Leben. Teil 5 unserer Mauersegler-Serie.

Familie/Bildung/Soziales: Lisa Welzhofer (wel)

Der Abschied dauert nur 30 Sekunden und ist doch fürs ganze Vogelleben: Eben noch sitzt der junge Mauersegler am Ausflugloch, die langen Schwanzfledern ragen in die Nisthöhle, da dreht er sich um, watschelt zurück zum Nest, wo sein Eltern sitzen und sich gegenseitig putzen. Er hüpft auf den Rand, sperrt das Schnäbelchen und die großen Kulleraugen auf, ruft „Srieh-Srieh“. Wie ein aufgeregtes „Tschüss!“ klingt das. Ein letztes Miteinanderschnäbeln. Dann geht es zurück ans Loch. Kurzes Innehalten – Sturz ins Abenteuer! Und Mama und Papa bleibt nur das leere Nest, in dem sie sich nun neu erfinden müssen.

 

Der erste Versuch muss sitzen

Die Mauersegler von Stuttgart-Gablenberg werden flügge. In gut 40 Tagen sind sie von nackten hilflosen Neugeborenen zu schönen stolzen Vogel gereift, haben fleißig Flugübungen gemacht, die mal wie Liegestütze aussahen, mal ein wildes Flügelspreizen und Flattern waren. Nun verlassen sie einer nach dem anderen die schützenden Höhlen, werfen sich waghalsig ins Unbekannte, in ein selbstständiges Leben.

Der erste Versuch muss sitzen, einen zweiten gesteht die unbarmherzige Natur ihnen nicht zu. Aber Mauersegler sind Luftgestalten, mit 35 Zentimetern Spannweite und gerade mal 40 Gramm Gewicht für ein ständiges Leben im Himmel gemacht. Geschätzt 200 000 Kilometer legen sie jährlich zurück, schlafen, fressen, paaren sich im Flug.

Seit gut zwei Monaten begleiten wir in einer Serie und per Live-Stream vier Vogelfamilien in den Nistkästen des Muse-Os Gablenberg bei der Brut – und sind mit ihnen durch alle Höhen und Tiefen des Lebens geflogen. Tote Elterntiere, verstoßene Eier, Jungtiere, die aus dem Nest purzelten. Zuletzt hielt uns eine Turmfalkendame in Atem. Sie hat die Höhlen im Dachstuhl des Stadtteilmuseums als reich gedeckten Tisch entdeckt. Guckt ein Junges vorwitzig aus dem Loch, krallt sie es und schleppt es davon – vermutlich hat der Vogel selbst hungrige Schnäbel zu stopfen.

Tatsächlich hat sich der Raubvogel so vier Vögelchen aus den mit Kameras ausgestatteten Höhlen 1, 3, 7 und 15 geholt, das letzte am 20. Juli aus Nummer 1. Auch in zwei weiteren Kästen ohne Videobegleitung scheint er zugeschlagen zu haben. Von den acht Küken, deren Aufwachsen wir verfolgen konnten, hat also nur die Hälfte überlebt. Das rührt und schmerzt uns, die Fan-Gemeinde auf Youtube und das Maurseglerteam des Museums, das sich um die Kästen kümmert, – auch wenn im Tierreich eigentlich kein Raum für Sentimentalitäten vorgesehen ist. Immerhin ist der Turmfalke selbst ein bedrohtes und deshalb geschütztes Geschöpf.

Der Turmfalke hält sich an der Mauer fest und zieht die jungene aus den Löchern. Foto: Welzhofer

Wenigstens in Nistkasten 3 haben beide Jungen überlebt, in Kasten 1 und 15 jeweils eines. Während letztere noch im Nest hocken, sind die zwei aus Nummer 3 nun ins Leben draußen gestartet. Mitte Juli flog das erste Küken aus, einen Tag später sein Geschwister. Beide waren 42 Tage alt, ein übliches Alter bei Mauerseglers, um sich von den Eltern abzunabeln. In den kommenden Wochen werden sie sich wahrscheinlich einer Zuggruppe anschließen und die lange Reise nach Afrika antreten, wo Mauersegler die Wintermonate verbringen.

Uns bleibt nur, ihnen hinterherzurufen: Danke, dass wir euch begleiten durften. Passt auf euch auf. Und gute Reise.

Stuttgarter Mauersegler

Livestream
Mit acht Digitalkameras wird das Treiben in den Nistkästen des Muse-O Gablenberg vom Team des Stadtteilmuseums aufgezeichnet. Ein Livestream auf Youtube schaltet derzeit zwischen den vier belegten Nisthöhlen hin und her. Im zusätzlichen Mauersegler-Blog begleiten die Beobachter die Brut 2025 und stellen besonders interessante Video-Sequenzen ein: www.mauersegler-stuttgart.de. Dort findet man auch Material aus der vergangenen Saison.

Serie
In mehreren Artikeln begleiten wir die Mauersegler-Familien in unregelmäßigen Abständen durch diese aufregende Zeit. Den ersten Teil der Serie finden Sie hier. Den zweiten hier, den dritten hier. Den vierten an dieser Stelle.