Mauersegler live beobachten im Internet Die Piep-Schau von Gablenberg

So lebt es sich in Nistkasten 1: Dass das Nest aus Kork eher ein Einzelbett ist, stört die Mauersegler nicht. Bei Verliebten kann es doch gar nicht eng genug zugehen! Foto: Muse-O

Ein Livestream überträgt direkt aus den Brutkästen der Stuttgarter Mauersegler. Dort lässt sich den Vögelpaaren derzeit beim Schmusen zusehen. Teil 1 unserer Serie, in der wir eine Mauerseglerfamilie durch die aufregende Zeit begleiten.

Familie/Bildung/Soziales: Lisa Welzhofer (wel)

Sie hätte vielleicht gern noch ein bisschen mit ihm gekuschelt, Flügel an Flügel. „Komm, ist doch grad so gemütlich.“ Aber er ist Frühaufsteher, Typ Lerche, und nestelt schon um kurz vor acht Uhr in der Ecke des Nistkastens 15 herum, während sie es mal wieder nicht aus den Federn schafft. Wie das manchmal so läuft zwischen Paaren. Der eine will Zweisamkeit, dem anderen schwirren beim Aufwachen gleich die To-do-Listen im Kopf herum. „Lass mich. Jetzt nicht!“ Ist ja auch noch einiges vorzubereiten, bevor sie bald Nachwuchs bekommen.

 

Vertrauter geht es in Nistkasten 1 zu. Da hat ein Vögelchen noch den Flügel ums andere gelegt. Die ausdrucksstarken Augen geschlossen, schlummern die Mauersegler um 9.14 Uhr ihrer neuen Rolle als Vogeleltern entgegen. Dass das Nest aus Kork eher ein Einzelbett ist, stört sie nicht. Bei Verliebten kann es doch gar nicht eng genug zugehen! Nach dem Aufwachen wird sich dann gegenseitig gestupst, geneckt und geputzt. Rührend schön ist das anzusehen und oft lustig. Wenn zum Beispiel einer immer wieder den Schnabel unter den gespreizten Flügel steckt, so als wolle er auch ja nicht müffeln für seinen Geliebten.

Seit 13 Jahren im Muse-O Gablenberg

Derlei Assoziationen kommen einem schnell in den Sinn, wenn man als Laie die Mauersegler von Stuttgart-Gablenberg per Livestream auf Youtube beobachtet. Klar, solche menschlichen Zuschreibungen haben nichts mit deren tierischer Realität zu tun. Aber Spaß machen sie trotzdem. Der Mensch sucht halt gern sein Abbild im Tier – auch wenn er ihm streng evolutionär gesehen nachfolgt. Deshalb seien solche Analogien in diesem Text und den folgenden hin und wieder erlaubt.

Schon seit 13 Jahren verfolgen die Mauersegler-Freunde des Muse-O Gablenberg das Treiben der Vögel in den Brutboxen des Stadtteilmuseums. Früher zeigten sie das, was die Minikameras auf dem Dachboden des ehemaligen Schulhauses aufzeichneten, live in Veranstaltungen. Um das Angebot für jedermann ins Internet zu überführen, suchte das Muse-O 2024 neue Ehrenamtliche, die dem langjährigen Macher Rolf Kayser nachfolgen wollten. Über einen Aufruf fanden sich Petra Tenzlinger, Stefanie Erhardt und Klaus Sturm, die die 18 Brutkästen jetzt unter ihren Fittichen haben.

Rund um die Uhr im Livestream

Die drei Stuttgarter kommen aus unterschiedlichen Richtungen zur Mauerseglerbeobachtung: Stefanie Erhardt ist als Ökologin den Vielfliegern und Luftakrobaten mit den markanten „Srieh-srieh“-Schreien zugetan. Klaus Sturm arbeitete vor seiner Pensionierung in der Elektrotechnik, sah in der Freizeit vom Segelboot aus gern gefiederten Tieren zu. Und Petra Tenzlinger wollte als Softwareentwicklerin die Übertragungstechnik modernisieren.

Vergangenes Frühjahr waren die Vogelfamilien erstmals rund um die Uhr im Livestream zu sehen. Im Archiv des begleitenden Mauersegler-Blogs kann man die Brut 2024 in herausgepickten Video-Sequenzen noch einmal verfolgen: Wie aus den frisch gelegten Eiern nackte Vögelchen schlüpfen, die ihre Schnäbel Richtung Kamera aufreißen, später propere Jungtiere, die erst unbeholfen Flugübungen machen, um irgendwann – flutsch – durch die Öffnung der Nistkästen den Sommerhimmel zu stürmen. Die Vogel-Eltern indes brüten erst schicksalsergeben, um später wochenlang Insekten aus vollen Kehlsäcken in die Schnäbelchen des Nachwuchses zu stopfen – bis diese endlich flügge sind. Es zeigt sich das ganze pralle Leben aus Vogelperspektive sozusagen.

Klaus Sturm, Petra Tenzlinger und Stefanie Erhardt (von links) im Dachboden des Muse-O Gablenberg. Im Hintergrund sieht man die Rückseiten der Nistkästen. Foto: Welzhofer

In diesem Frühjahr sind bisher drei Nisthöhlen besetzt. Am 26. April bezog ein erster Vogel Kasten 1. Ob es ein Männchen oder Weibchen war, lässt sich bei Mauerseglern nicht äußerlich erkennen, in puncto Schönheit leben sie – anders als viele Vogelarten – Gleichberechtigung. Zu viel Gefiedertand würde wohl nur behindern.

Denn Mauersegler sind Luftikusse. Ihr ganzer kleiner Körper ist eine Luftgestalt. 35 Zentimeter Spannweite messen sie bei einem Gewicht von gerade mal 40 Gramm. Geschätzt 200 000 Kilometer Strecke machen sie im Jahr, unter anderem zu ihren südafrikanischen Winterquartieren und zurück. Bei tollkühnen Flugmanövern nehmen sie teils 200 Stundenkilometer Fahrt auf. Der Apus apus, so sein lateinischer Name, frisst in der Luft, schläft in ihr, paart sich mitunter im Flug. Was für ein Schauspiel hoch oben am Himmel! Das Weibchen vibriert mit den Flügeln und wird dadurch langsamer. Das Männchen beschleunigt, landet auf ihrem Rücken, krallt sich im Federkleid fest. Während der Kopulation ruhen die Schwingen, sodass beide sekundenlang nach unten trudeln, bevor der Liebesakt vorüber ist und sie wieder in die Lüfte steigen.

Wie sie da auf ihren Stummelbeinchen durch den schuhkartongroßen Gablenberger Brutkasten robben, ist ihnen diese Gewandtheit nicht anzusehen. Dafür beglücken die kindlichen Gesichtszüge im rußschwarzen Gefieder. Von vorn sitzt der Schnabel wie ein gespitzter Kussmund im ein wenig überdimensionierten Kopf. Die dunklen Kulleraugen sind wie mit Kajal umrundet, der weiß gefiederte Kehlfleck wirkt unschuldig und vornehm zugleich.

Mauersegler leben monogam

In allen drei Kästen sind sie mittlerweile zu zweit. In dem Exemplar mit dem weißen Fleck auf dem Kopf in Nummer 1 haben Petra Tenzlinger und ihre Mitstreiter einen Rückkehrer wiedererkannt, der 2024 schon hier brütete. Tatsächlich suchen Mauersegler gern jährlich denselben Brutplatz auf. Auch die Paare bleiben sich treu und finden einander zur Nistzeit wieder. Ihr Eigenheim legen sie sich oft im Jahr vor der Geschlechtsreife als Verlobungspaar zu, um eine Saison später ihre Familie zu gründen.

Der Mauersegler schätzt offenbar geordnete Verhältnisse, dabei ist er heutzutage auf die Hilfe des Menschen angewiesen, der ihm Nistkästen aufhängt. Denn die von den Tieren bevorzugten Hohlräume und Spalten in Mauerwerk und Dachstühlen gibt es – Sanierungen sind Schuld – immer weniger.

Tagsüber sind die Gablenberger Pärle derzeit meist ausgeflogen, ab 19, 20 Uhr gewähren sie einen Blick in ihr drolliges Miteinander. Mal liegen sie traulich nebeneinander in der Korkmulde, mal übereinander, mal sind sie ineinander geschmiegt, nur eine Flügelfeder ragt exaltiert aus dem Federknäuel heraus. Immer wieder wird herumgenestelt, zurecht geruckelt („Rutsch’ mal ein bisschen!“), Platz eingefordert. Mal döst ein Part, während der andere interessiert durch das Flugloch hinunter auf die Aspergstraße guckt, wie so ein neugieriger Nachbar.

Immer häufiger lümmeln sie jetzt aber schon tagsüber in den Höhlen herum. Wohnen sie ein, ruhen aus, bevor die fordernde Zeit des Brütens und der Fütterung bald beginnen wird. Mitte Mai wohl werden die Vogeldamen zwei bis drei Eier legen. Dann sind wir wieder dabei.

Livestream
Mit 8 Digitalkameras wird das Treiben in den Nistkästen des Muse-O Gablenberg aufgezeichnet. Ein Livestream auf Youtube schaltet derzeit zwischen den drei belegten Nisthöhlen hin und her. Zu finden ist er hier. Im zusätzlichen Mauersegler-Blog begleiten die Beobachter die Brut 2025 und stellen besonders interessante Video-Sequenzen ein: www.mauersegler-stuttgart.de. Dort findet man auch Material aus der vergangenen Saison.

Serie
In mehreren Artikeln wollen wir die Mauersegler-Familien in unregelmäßigen Abständen durch diese aufregende Zeit begleiten.

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