Ihm laufe die Zeit weg, sagt Christoph Doering. Am Donnerstagabend hat er sich ein Gebäude in der Mirander Straße angeschaut. Es gehört der Diakonie der Brüdergemeinde, wie das Gebäude in der Wilhelmsdorfer Straße, das Christoph Doering auch in Erwägung zieht. Zwar äußert sich Korntal-Münchingens einziger Kinderarzt optimistisch, dass es für ihn in Korntal weitergeht. Weil er seinen guten Willen einbringe, weiterzumachen – sein Alter möchte er nicht in der Zeitung lesen, bis zum Ruhestand seien es aber noch ein paar Jahre. Und weil auch die Diakonie sehr bemüht sei, dass der Kinderarzt in der Stadt bleibt, sagt Christoph Doering froh über dieses Engagement.
Umbau ist in beiden Gebäuden nötig
Doch ohne einen Umbau kann er weder hier noch dort künftig praktizieren. Da sei schon etwas Aufwand nötig, meint Doering. So sei das Gebäude in der Mirander Straße aus den 1930er Jahren nicht barrierefrei. Die Räume in der Wilhelmsdorfer Straße seien auf zwei Stockwerke verteilt. Zu viel für den Mediziner, der sich deshalb vorstellen kann, sich das Haus mit Hebammen oder Psychotherapeuten zu teilen. Auch müssten in den Räumen Waschbecken her. Christoph Doering schätzt die Umbaukosten auf rund 20 000 Euro, plus der Kosten für einen Aufzug und/oder eine Rampe für die Barrierefreiheit. Einen „gewissen Betrag“ würde er übernehmen, so Doering. Er werde jetzt einige Nächte darüber schlafen und weitere Gespräche mit der Diakonie führen.
Auch dort ist man zuversichtlich, dass der Arzt in einem der Gebäude unterkommt – zeitnah. „Wir beraten mit den Interessenten in gutem Einvernehmen in alle Richtungen. Uns ist es ein Anliegen, zu einer guten Lösung beizutragen“, sagt der Sprecher Gerd Sander. Ob sich die Diakonie auch finanziell beteiligt, dazu schweigt er. Gerd Sander sagt nur so viel: „Als Vermieter gestatten wir Herrn Doering, die für seine ärztliche Tätigkeit in seiner Kinderarztpraxis nötigen Umbaumaßnahmen vorzunehmen.“
Stadtverwaltung verweist auf ihre Unterstützung
Betroffene Eltern sehen bei der Finanzierung auch die Stadt in der Pflicht. Für ihr Potenzial und ihre Attraktivität sei es wichtig, dass die Stadt ein Signal setzt und sich an den Kosten beteiligt, sagt Judith Schmid. Die Mutter von zwei Kindern, die sich eine Spendenaktion vorstellen kann, hat voriges Jahr eine Petition organisiert, die 715 Unterstützende bekam. Vor einer Woche hat sie Mütter und Väter dazu aufgerufen, vor dem Korntaler Rathaus auf die Situation aufmerksam zu machen. Es sei sportlich, binnen weniger Monate umzubauen und umzuziehen, findet die engagierte Mutter. Im April wollen die Eltern sich im Gespräch mit dem Bürgermeister Alexander Noak (parteilos) auf den dann aktuellen Stand bringen lassen.
Die Stadtverwaltung verweist auf ihre Unterstützung, seitdem die Suche des Mediziners bekannt ist – die weiter gelte. Eine Aussage dazu, ob es von ihr Hilfe auch in finanzieller Hinsicht gibt oder generell geben kann, macht sie auf Anfrage nicht. „Grundsätzlich sieht es die Verwaltung auch als ihre Aufgabe, die ärztliche Versorgung im Ort zu sichern und ist deshalb bereit, die Ärzte zu unterstützen“, teilt die Rathaussprecherin Angela Hammer mit. Wie dies konkret aussehen könne, müsse allerdings mit dem Gemeinderat besprochen werden. „Deshalb ist hier noch keine Auskunft möglich.“ Für die Korntal-Münchinger Eltern ist Christoph Doering auch deshalb so wichtig, weil viele Kinderärzte überlastet sind und keine neuen Patienten mehr behandeln. Der Mediziner sagt, er und sein Team würden zwar „ächzen“, dennoch weiterhin Kinder aus Korntal-Münchingen aufnehmen. Früher sei das Einzugsgebiet größer gewesen.
„Die Wartezimmer sind voll“
Kai Sonntag, der Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg, bestätigt, Eltern täten sich schwer, einen Arzt zu finden. „Die Wartezimmer sind voll.“ Er spricht von einem im Land fast flächendeckenden Mangel an Kinderärzten. Die Nachfrage steige, das Angebot nicht.
Angesichts einer Ärzteschwemme vor 40 Jahren begrenzte die Politik damals die Zahl der Ärztesitze in den Stadt- und Landkreisen, um den Beitragssatz stabil zu halten. „Die Zahlen werden angepasst – politisch“, sagt Kai Sonntag. Zur Realität passen die Vorgaben nicht. So ist im Kreis Ludwigsburg mit 38 Arztsitzen – mit etwas mehr als 60 Kinderärzten – seit dem Jahr 2013 nur ein halber Sitz dazugekommen. Der Grad für die kinderärztliche Versorgung liegt bei 111,6 Prozent. „Der Landkreis ist damit gesperrt. Es kann keine neue Praxis eröffnet werden, und auch eine bestehende kann keinen weiteren Arzt in die Praxis aufnehmen“, sagt Kai Sonntag. Bei einem Versorgungsgrad unter 110 Prozent können Zulassungsbeschränkungen aufgehoben werden.
Nachfrage nach Terminen wächst
Kinderärzte würden jedoch nicht Schlange stehen, meint Kai Sonntag. Immer mehr arbeiten in Teilzeit oder bleiben nach ihrer Ausbildung in der Klinik, wo sie den Großteil ihrer Facharztweiterbildung absolvieren müssen – viele Kinderkliniken gibt es laut Sonntag aber nicht mehr. Aus Sicht des Mediziners Christoph Doering hätte man schon lange die Ausbildung hochfahren müssen.
Demgegenüber steht eine wachsende Nachfrage nach Terminen: Weil es mehr Kinder gibt und weil Ärzte mehr Zeit für die Versorgung eines einzelnen Kindes brauchen. Es gibt zum Beispiel zusätzliche Pflichtuntersuchungen. Außerdem würden Eltern schneller als früher zum Arzt gehen, etwa um selbst kleinere Infekte oder Hautausschläge abzuklären, so Sonntag. All das spürt auch Christoph Doering in seinem Arbeitsalltag. Und sobald er endlich neue Räume hat, wird er sich einer weiteren Baustelle widmen: der Suche nach einem Nachfolger.